Christliche Themen für jede Altersgruppe

„Gottesdienst weckt Kräfte“ - Klosterkirche Alpirsbach - Interview mit Pfr. Horst Schmelzle

ALPIRSBACH (Dekanat Freudenstadt) – Viele Kirchengemeinden führen bei den derzeit strengen Corona-Auflagen keine Gottesdienste in Präsenz durch. Anders Pfarrer Horst Schmelzle und die Gemeinde in Alpirsbach. Trotz Pandemie werden in der Klosterkirche weiterhin regelmäßig Gottesdienste und musikalische Andachten angeboten.

Stille und Einkehr: eine Lichtinstallation in der Alpirsbacher Klosterkirche. Foto: Matthias ZizelmannStille und Einkehr: eine Lichtinstallation in der Alpirsbacher Klosterkirche. Foto: Matthias Zizelmann

Die weltberühmte Violinistin Anne-Sophie Mutter äußerte unlängst ihr Unverständnis darüber, dass sie zwar in Kirchen, nicht aber in Konzertsälen auftreten durfte. Was ist Ihre Antwort darauf?

Horst Schmelzle: Das weiß ich nicht. Ich fände es durchaus vertretbar, mit den entsprechenden Hygienemaßnahmen weiterhin auch Konzerte anzubieten, wenn die Räumlichkeiten groß genug sind und die AHA-Formel (Abstand, Hygiene, Alltag mit Maske) eingehalten werden kann. Mit dieser Regelung könnten meiner Ansicht nach auch Gastronomen und weitere Berufsgruppen ihre Arbeit wieder aufnehmen. Ich sehe hier in meiner Kirchengemeinde, wie verantwortungsvoll die Menschen doch sind. Vielleicht sollte die Inzidenz in den einzelnen Städten und Gemeinden ausschlaggebend für Lockerungen sein

Warum hat die Regierung Ihrer Meinung nach einen Unterschied gemacht?

Horst Schmelzle: Ich vermute, dass die Regierung erkennt, dass der Glaube den Menschen Kraft gibt. Die Gottesdienste dienen der Seelsorge, wecken Kräfte, die die Menschen brauchen, um diese Krise zu überwinden.

Sie verbinden nun beides und bieten Konzerte mit einem geistlichen Wort an. Tricksen Sie nicht in gewisser Weise die Verordnung aus?

Horst Schmelzle: Ehrlich gesagt ärgern mich diese Unterstellungen. Plötzlich meinen alle, besser als ein langjähriger Pfarrer zu wissen, was Gottesdienste sind und was nicht. Und alles, was nicht sonntagmorgens in einem Kirchengebäude stattfindet und Musik beinhaltet, ist dann ein Konzert. Wir bieten zum Beispiel eine musikalische Abendandacht an, bei der Musik eine größere Rolle spielt, auch in seelsorgerlicher, christlicher Hinsicht.

Können Sie dadurch auch Künstlern in der Not helfen?

Horst Schmelzle: Wenn wir Musiker engagiert haben, dann ging es für diese vor allem darum, vor Menschen zu spielen. Das war ein Grundbedürfnis für sie. Auch in dieser beeindruckenden romanischen Kirche zusammen mit Kantorin Carmen Jauch zu spielen. Die Finanzen spielen dabei eher eine untergeordnete Rolle.

Die Licht-Klang-Stein-Meditation kommt gut an – warum?

Alpirsbach. Pfarrer Horst Schmelzle. Foto: PrivatHorst Schmelzle: Die Menschen sehnen sich nach Stille und Einkehr. Hier geht es um ein neues Format. Es ist dunkel, der Kirchenraum wird illuminiert, Kantorin Jauch singt zum Beispiel Texte von Hildegard von Bingen und begleitet sich mit dem Klangstein oder einem Monochord. Ich spreche die liturgischen Texte und bringe den Lebenslauf einer Mystikerin ein und Gedichte oder Gebete. Wir erleben eine sehr große Innigkeit und Dichtheit. Ich hoffe, dass für die Menschen nicht die Effekte im Vordergrund stehen, sondern dass die Berührung anhält.

Im Kreis Freudenstadt musste die Polizei massiv einschreiten, weil in einer Freikirche ohne jegliche Beachtung der Pandemie-Schutzmaßnahmen Gottesdienst gefeiert wurde. Was sagen Sie dazu?

Horst Schmelzle: Ich gehe davon aus, dass diese Gemeinde auch die Bestimmungen kennt. Dann muss man das wohl Ignoranz nennen.

Bei Ihnen musste die Polizei noch nie eingreifen. Was ist der Unterschied zu Veranstaltungen freikirchlicher Gemeinden?

Horst Schmelzle: Wir halten die Bestimmungen ein, und mittlerweile hat sich ein Gewöhnungseffekt eingestellt. Die Menschen halten sich in der Regel genau daran, also an Datenerfassung, Mundschutz, Abstand, Desinfektion, Verzicht auf Gesang. Außerdem haben wir in der Klosterkirche einen großen und hohen Raum, in dem doch manches im Rahmen der Vorgaben möglich ist.

Wird nach Corona alles wieder zum Alten zurückkehren? Oder wird sich an den Gottesdiensten oder überhaupt an den Veranstaltungen der Kirche etwas ändern?

Horst Schmelzle: Ich hoffe, dass es keinen Entwöhnungseffekt gibt. Vielleicht ist es sinnvoll, die Online-Angebote weiter bestehen zu lassen. Für mich müssen Kirche und Gemeinde erlebbar sein. Das bedeutet eine konkrete, lebendige Begegnung von Jung und Alt: Glauben teilen. Das Virus stellt uns alle vor eine riesige Herausforderung, auf die wir hätten verzichten können. Hoffentlich stößt es wenigstens positive Veränderungen an.

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