Christliche Themen für jede Altersgruppe

Singen mit Flüchtlingen

TUTTLINGEN – In der Stadtkirchengemeinde Tuttlingen singen Flüchtlinge und Einheimische gemeinsam. „Chor International“ heißt das Projekt, das nicht nur eine fröhliche Form der Begegnung ist, sondern für viele Fremde auch ein Einstieg in die deutsche Sprache. 

Musik verbindet: Flüchtlinge und Einheimische kommen sich in einem Chorprojekt näher. (Foto: Anika Luz)
 

 

Ein wunderbar vierstimmiges „Dja-ma ma-ja-na“ klingt aus dem Martin-Luther-Saal des Evangelischen Gemeindehauses. In dem großen Raum sitzen gut 30 Männer und Frauen in zwei halbrunden Stuhlkreisen und schauen konzentriert auf Helmut Brand, auf seine Ansagen und Gesten.


Das Erstaunliche ist dabei: Es hört sich gut an, obwohl der Chor gerade im Entstehen ist. Viele der Sänger und Sängerinnen sind zum ersten Mal dabei, bei der Probe des „Internationalen Chors“.

„Ich habe die Annonce in der Zeitung gelesen“, sagt Gisela Wurdack. „Ich kenne hier noch niemanden, habe aber immer mal wieder in Chören gesungen und gerade Zeit.“ Ähnlich geht es Tianjiao Liu. Sie ist selbst Migrantin und unterrichtet Deutsch als Zweitsprache. „Ich werde meinen Schülern sagen, dass sie nächstes Mal mitkommen“, sagt sie.

„Ich gehöre zum Frauenchor der Stadtkirche“, erzählt Edith Werner. „Kürzlich haben wir beim Café International internationale Lieder gesungen. Die Welle ist damals sofort übergeschwappt, es wurde ein richtig toller Workshop.“ Über 30 Flüchtlinge aus Nigeria, Gambia, Afghanistan und Syrien waren begeistert dabei. So entstand die Idee: Man könnte doch regelmäßig miteinander singen. Aus dem Frauenchor wurde der „internationale Chor“. Ein Chor, der offen ist für Frauen und Männer jeden Alters. Für Flüchtlinge wie für Einheimische.

Dadurch soll eine Möglichkeit der Begegnung und des interkulturellen Austausches geschaffen werden. Das hat Rainer Häusler angesprochen. Er hat den Aufruf im Evangelischen Gemeindeblatt gelesen. „Ich habe eine Gelegenheit zum Singen gesucht. Und Singen finde ich als Brücke zu Flüchtlingen gut geeignet.“

„Für viele Bürger ist es noch immer ein Tabu, so unmittelbar mit Flüchtlingen gemeinsam aktiv zu werden, Freude zu haben und zu zeigen“, sagt Jens Junginger, der geschäftsführende Pfarrer der Evangelischen Stadtkirche. „Als Kirchengemeinde setzen wir so ein wunderbares Zeichen, das den Geist von Pfingsten aufnimmt. Dass der Funke so überspringt aus dem Café International und der Flüchtlingsarbeit ist angesichts des steigenden Rechtspopulismus zugleich ein Hoffnungszeichen.“

„Heute ist es fast fifty-fifty: Tuttlingen und der Rest der Welt“, sagt Helmut Brand nach einer halben Stunde Singen. Wer war denn letztes Mal schon da? Er schlägt eine Flipchart-Seite mit Namen auf, teils in arabischer und teils in lateinischer Schrift geschrieben. Die neuen Teilnehmer dürfen ihren Namen dazu schreiben und sich kurz vorstellen.

Gleich eine ganze Reihe afghanischer Teilnehmer sind diesmal neu dabei. Sie leben in Denkingen. „Wir haben in Denkingen 36 Flüchtlinge aus Syrien, Iran und Afghanistan und sind von einer Ini-Asyl-Mitarbeiterin aus Tuttlingen über den Chor informiert worden“, sagt Flüchtlings-Helfer Willi Koch. „Es ist gut, dass die Gruppen untereinander vernetzt sind, und dass man nicht an jedem Ort vor sich hin wurstelt.“

„Singen ist eine gute Möglichkeit, etwas zusammen zu machen“, erklärt Helmut Brand. „Musik verbindet.“ Und mit den von ihm ausgewählten Kreisgesängen kann man schnell vierstimmig singen. Daneben werden aber auch deutsche Lieder wie „Kuckuck, ruft’s aus dem Wald“ und „Der Mond ist aufgegangen“ gesungen. Das gemeinsame Singen soll so einen Einstieg in die deutsche Sprache bieten. Genauso wichtig sind Lieder aus dem Teilnehmerkreis. Eine Nigerianerin sang in der ersten Chorstunde „Amazing Grace“ solo. „Bringt doch nächstes Mal ein afghanisches Lied mit!“, sagt Helmut Brand zu den Neuen.