Christliche Themen für jede Altersgruppe

Alles auf Ehrenamtliche - Kirche ohne Pfarrer/innen

EHINGEN (Dekanat Blaubeuren) – Die evangelische Kirchengemeinde in Ehingen hängt seit Ende November 2021 ohne Pfarrerinnen in der Luft. Gemeinsam stemmt der Kirchengemeinderat so viel wie möglich. Doch die Ungewissheit belastet und lähmt zunehmend.

Marlis Ratzinger (links) und andere Ehrenamtliche kümmerten sich auch um die Vesperkirche. Foto: Christina KirschMarlis Ratzinger (links) und andere Ehrenamtliche kümmerten sich auch um die Vesperkirche. Foto: Christina Kirsch

„Wir versuchen, den Laden am Laufen zu halten“, sagt Marlis Ratzinger, die Zweite Vorsitzende des Kirchengemeinderats der evangelischen Kirche in Ehingen. Seit Ende November ist die rund 3400 Mitglieder zählende Kirchengemeinde verwaist. Pfarrerin Margot Lenz wechselte letztes Jahr auf eine Pfarrstelle nach Laupheim und Pfarrerin Susanne Richter ist seit mehr als acht Monaten krank. „Wir erhalten immer wieder neue Krankmeldungen und hängen total in der Luft, weil wir nicht wissen, wie es weitergeht“, sagt Marlis Ratzinger, die seitdem ehrenamtlich so präsent wie möglich ist.

Die 71-Jährige packt überall an. Unlängst organisierte sie den Stand auf dem Trödelmarkt und räumte dafür den Keller des Pfarrhauses aus, in dem sich die letzten Jahre jede Menge Trödel und auch unverkäufliche Ware angesammelt hatten. Diese Arbeit ist nur ein winziger Teil dessen, was seit Monaten geleistet wird. „Wir besuchen Jubilare und gehen zu den Leuten, die Goldene Hochzeit haben“, sagt die Kirchengemeinderätin. Zudem müssen die Sit-zungen des Kirchengemeinderats vorbereitet werden und ein großes Bauprojekt, bei dem das Gemeindehaus am Wenzelstein abgerissen wird und Wohnungen entstehen, bedarf auch steter Absprachen.

Sie hängen dort total in der Luft

Neben dem Wohnprojekt wird der evangelische Kindergarten um eine Kinderkrippe erweitert. Das heißt dann, mit Handwerkern reden, Einladungen schreiben, Essen bestellen und mit den Erzieherinnen den Ablauf durchsprechen. Zudem gibt es Repräsentationspflichten bei Projekten der Lokalen Agenda, beim Mittagstisch, in den Gottesdiensten und anderen öffentlichen Veranstaltungen.

Es summiert sich und nimmt kein Ende. „Wir haben alle Aufgaben so gut es geht verteilt“, sagt Marlis Ratzinger, „aber die Kräfte der Ehrenamtlichen sind begrenzt“, beschreibt sie vorsichtig einen Zustand, über den Kirchenpflegerin Karin Schepers ganz anders spricht. „Es reißen sich hier einige Leute den A... auf“, sagt sie unumwunden.

Erschwerend kommt dazu, dass die Ehrenamtlichen beinahe durchweg schon Seniorinnen sind und in einer pfarrerlosen Zeit keine Kräfte oder Energie zur Verfügung steht, um neue Ehrenamtliche zu gewinnen. Marlis Ratzinger tut, was sie kann. „Ich mache es für die Menschen, die eine funktionierende Gemeinde wollen“, sagt die pensionierte Gymnasiallehrerin, der die anderen Kirchengemeinderäte so, wie sie können, zur Seite stehen.

„Die Grunddienste werden so gut es geht versorgt“, erklärt Dekan Frithjof Schwesig vom evangelischen Kirchenbezirk Blaubeuren. Für Beerdigungen, Taufen und Gottesdienste springen Pfarrerinnen, Pfarrer und der Dekan ein. Die Vertretungspläne schreibt Marlis Ratzinger.

Vorübergehend wird ein Pfarrer zur Dienstaushilfe ab 1. September wenigstens Ehingen Nord besetzen. Schwesig bedauert, dass sich niemand auf die freie Pfarrstelle in Ehingen Nord beworben hat, „obwohl das eine 100-Prozent-Stelle ist“. „Die Leute verharren dort, wo sie sind“, meint der Dekan, der das auch auf die Pandemie zurückführt.

Die Ehinger Protestanten hoffen auf eine baldige Klärung des unguten Schwebezustands. Nach einem Jahr Krankenstand schickt die Landeskirche ihre Pfarrerinnen und Pfarrer zum Amtsarzt.

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