Christliche Themen für jede Altersgruppe

Blick in ein Licht-Universum - Moderne Interpretation von Da Vincis Abendmahl

ULM – Eine christliche Tradition und die moderne Interpretation eines alten Kunstwerks verbinden sich bis Karfreitag in der Pauluskirche. Das Bild eines leeren Abendmahls wirft Fragen nach dem Sinn des Lebens und der Möglichkeit der Auferstehung auf.

Raum 608: Abendmahl 2009 - Gemälde von Ben Willikens. Foto: Dagmar HubDas Abendmahlsbild verhüllt das Kreuz. Ben Willikens erklärte in der Kirche die Hintergründe seines Werks. Foto: Dagmar Hub

Im Mittelalter war es Tradition, in der Passionszeit Kreuze zu verhüllen und damit die Gegenwart Gottes zu verdunkeln. Dies wird in der Ulmer Pauluskirche in dieser Passionszeit aufgegriffen: Das riesige Kruzifix im Altarraum, die einzige eigenhändige Wandmalerei des Moderne-Künstlers Adolf Hölzel, wird komplett verdeckt durch ein gleichfalls monumentales Kunstwerk von Ben Willikens. Er gilt als einer der bedeutendsten Künstler der Gegenwart.

Willikens’ 2009 geschaffenes Bild „Raum 608, Abendmahl“ verändert die Raumwirkung der Pauluskirche vollständig durch seine Verfremdung der berühmten Abendmahlsszene Leonardo da Vincis. Willikens zeigt den Abendmahlstisch in einem nahezu sterilen Raum, ohne jedes Leben, und lädt damit zu vielfältiger Interpretation ein. Die Idee stammt von Andrea Luiking, Pfarrerin für Kulturarbeit an der Pauluskirche. Willikens‘ Kunstwerk wurde von der Sammlung Weishaupt zur Verfügung gestellt.

Von Da Vinci übernommen - Fast klinisch und streng geometrisch

Die Raumwirkung des gigantischen leeren Tisches in einem streng geometrisch konzipierten Raum – mit Übernahme der räumlichen Elemente bei Da Vinci, aber ohne jedes Leben – irritiert und wirft Fragen auf. Zum Beispiel danach, ob die Welt zum sinnentleerten Ort wurde, oder danach, wer die Plätze am Tisch einnehmen wird nach jener gewohnten Gemeinschaft der Gläubigen. Und danach, was ist, wenn der Mensch auf sich zurückgeworfen ist ohne den Halt, den Tradiertes gibt.

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Zur Vorstellung des Bildes kam der 81-jährige Ben Willikens selbst. Er erzählte von seiner Auseinandersetzung mit Kunst und im Besonderen mit Leonardo da Vinics Abendmahlsbild. Dessen erste Umsetzung in einen fast klinischen und streng geometrischen Raum mit leerem Tisch stellt 1979 in Willikens’ Leben einen Wendepunkt dar. In jugendlichem Zorn habe er damals gemalt, im Gefühl eines nie eingelösten Versprechens, das Da Vincis Abendmahl für ihn bedeutete. Erst viel später habe er gesehen, dass er durch das Licht, das von außen in den abgeschlossenen und lebensfeindlichen Raum eindringt, auch „vielleicht den Blick in ein Licht-Universum“ gemalt habe. Etwas, was Andrea Luiking „die Möglichkeit einer Auferstehung“ nennt.

Künstler, Ben Willikens. Foto: Dagmar Hub„Raum 608: Abendmahl, 2009“ ist noch bis Karfreitag, 2. April täglich außer montags in der Pauluskirche jeweils von 11 bis 16 Uhr zu sehen. Dann wird die menschenleer verfremdete Darstellung der Gründonnerstags-Szene abgebaut und Hölzels Kreuzigung des Karfreitags wieder sichtbar sein. Zusätzlich gibt es eine „Kunstbrücke“ in die benachbarte katholische Georgskirche, die ebenso wie die Pauluskirche als Garnisonskirche erbaut worden war: Dort wird als Kreuzesverhüllung in dieser Passionszeit ein Hungertuch von Marianne Hollenstein gezeigt.

Das Abendmahlsbild verhüllt das Kreuz. Ben Willikens erklärte in der Kirche die Hintergründe seines Werks. Foto: Dagmar Hub