Christliche Themen für jede Altersgruppe

Das Münster wird digital

ULM – Das Ulmer Münster macht sich fit fürs digitale Zeitalter. Die Besucher können sich szenische Geschichten auf dem Smartphone erzählen lassen und auf einem digitalen Simulator lässt sich das ­historische Ulm wie im Vogelflug erkunden. 




Im Flugsimulator bleibt man fest am Boden und meint doch, man flöge gerade am höchsten Kirchturm der Welt vorbei. (Fotos: Demodern, IMF)


Religiöser Versammlungsort, Symbol der Stadt, Nationaldenkmal, all das ist das Ulmer Münster.  Ehrwürdig, aber womöglich nicht sehr attraktiv für jüngere Generationen, die Kulturschätze gern interaktiv erkunden. Das wird sich bald ändern. Das Münster wird digital, dank einer neuen App fürs Smartphone, die es so noch nirgendwo gibt. „Das ist ein Wendepunkt für unser Sakralgebäude“, sagt der Münsterpfarrer Peter Schaal-Ahlers.

Ab dem 15. Juli kann sich jedermann die App „Ulm Stories – Stimmen des Münsters“ kostenlos im Internet aufs Smartphone laden. So vorbereitet, lassen sich Besucher an der Pforte des Münsters noch einen Kopfhörer geben, und dann geht es hinein in die  Geschichtenwelt der Kirche mit dem höchsten Turm der Welt. Mehr als 60 bluetoothgesteuerte Sensoren sind innerhalb des Münsters angebracht worden. Durch diese Technik bekommen Besucher beim Schlendern durchs Kirchenschiff von ganz allein szenische Geschichten auf die Kopfhörer gespielt – „dicht inszenierte Kapitel“, wie Diana Schniedermeier sagt, Managerin des Berliner Unternehmens Interactive Media Foundation (IMF).
Elf Stationen gibt es, zum Beispiel das Taufbecken, das Israelfenster oder die Michaelsfigur, 1934 aufgehängt auf Druck der NSDAP. „Hitlers Engel“ nennen viele Ulmer diesen steinernen Michael mit dem drohend erhobenen Schwert; immer wieder werden Forderungen laut, ihn abzuhängen. Die evangelische Kirche in Ulm jedoch lässt die Figur hängen, weil sie die Auseinandersetzung auch mit dunklen Kapiteln der Geschichte für wichtiger hält als deren Ausblendung. Genau das zum Beispiel wird Besuchern mittels der Hörspielgeschichten auch erklärt. Der Ulmer Dekan Ernst-Wilhelm Gohl und Pfarrer Schaal-Ahlers waren an der Entwicklung der Texte beteiligt. Nicht vor allem um geschichtliche Rückschau gehe es in der App, sondern um die Verhandlung aktueller religiöser, ethischer und politischer Fragen, sagt der Münsterpfarrer.

Die gesamte Digitaltechnik ist ein Geschenk der Unternehmerin Saskia Kress, Geschäftsführerin der Interactive Media Foundation und Tochter des Gardena-Mitgründers Werner Kress. 2006 hat er sein Gartengeräteunternehmen an eine schwedische Firma verkauft, nun will die Familie etwas an ihre Heimatstadt zurückgeben. Einen „ganz amerikanischen Gedanken“ nennt das der Pfarrer Schaal-Ahlers. Zugleich stehe die Großspende ganz in der Tradition der Ulmer Bürgerkirche, die ja auch nur habe gebaut werden können, weil sich Patrizier und vermögende Bürger als großzügig erwiesen.
Saskia Kress selber würde am liebsten ganz im Hintergrund bleiben. „Ich möchte nicht auf diese Spende reduziert werden“, sagt sie. „Heimatverbundenheit“ habe beim Engagement ihres Unternehmens sicher eine Rolle gespielt. „Immer, wenn ich mit meinen Kindern in Ulm bin, gehen wir auch ins Münster.“ Im Vordergrund der öffentlichen Wahrnehmung sähe die Unternehmerin aber lieber die enorme Entwicklungsleistung, die mit der Digitalisierung des Münsters verbunden ist. Und da ist unter dem Werbebegriff „Ulm Stories“ (www.ulmstories.de) noch mehr.

Am 15. Juli wird zusätzlich der Flugsimulator „Birdly“ in Betrieb gehen, aufgestellt in einem Ladengeschäft in der Ulmer Kramgasse 3. Es handelt sich um einen Ganzkörper-3D-Flugsimulator der Schweizer Firma Somniacs, der nun erstmals auch nach Deutschland gebracht wurde. Nutzer steigen auf wie auf ein Motorrad, setzen die Spezialbrille auf, lassen sich Luft aus einem Ventilator ins Gesicht blasen, und dann passiert es: Sie heben ab wie ein Vogel, jede Bewegung am Lenker ändert Höhe und Richtung, und aus der Luft erscheint ein Quadratkilometer der Stadt Ulm, wie sie im Jahr 1890 aussah.
Programmierer haben rund 2000 historische Ulmer Gebäude sowie 6000 weitere Objekte wie Bäume, Tiere oder Brücken im Originalmaßstab dreidimensional nachgebaut. Im Mittelpunkt des Fluges mit dramatischer akustischer Untermalung  steht wieder das Münster, wie damals noch im Bau begriffen und von Gerüsten umgeben. Fünf Euro kostet ein Ritt auf dem Birdly. Immer montags bis samstags von 10 Uhr bis 18 Uhr ist das möglich.

Das digitale Zeitalter wird im Münster am 14. Juli ab 22.30 Uhr mit einem ganz besonderen Konzertperformance  eingeläutet: Ab 22.30 Uhr im Münster zu einer audiovisuellen Konzertperformance.  Acht Hochleistungsbeamer verwandeln das mächtige Mittelschiff in eine mehr als 4000 Quadratmeter große dynamische Videoinstallation. Zu hören ist eine Komposition für Elektronik, Percussion und Orgel. In den Hörbeiträgen, zu denen auch Ulmer Bürger beigetragen haben, wird es um die Frage gehen: Wie wollen wir leben? Der Münsterpfarrer Peter Schaal-Ahlers freut sich jetzt schon: „Das wird ein Renner.“


Meinungsumfrage

Wollen Sie die Sommer- oder die Winterzeit behalten, wenn es keine Zeitumstellung mehr gibt?

Ergebnis anzeigen