Christliche Themen für jede Altersgruppe

Die Lücken im Alter schließen

RIEDLINGEN (Dekanat Biberach) – Schauplatz: oberschwäbische Provinz. Zu sehen: Ein deutschlandweites Vorzeigemodell. Die Riedlinger haben einen Weg gefunden, ihre alternde Bevökerung dauerhaft zu versorgen.  Motto: Wer heute hilft, dem wird morgen selbst geholfen. 


Urgestein Christian Bürk hat nicht nur gute Sprüche auf Lager, sondern hat auch schon 6000 Stunden ehrenamtlich in der Senioren­genossenschaft gearbeitet. Friederun Rieger spielt nicht nur Gitarre, sondern hilft auch beim Duschen. (Foto: Eva Winkhart/Christof Schrade)

Friederun Rieger greift am heutigen Mittwoch mal ausnahmsweise zur Gitarre. Sonst ist sie nur freitags da und hilft beim Duschen. In der Tagespflege singen die meisten der 23 Frauen das Kufsteinlied mit. Und natürlich auch das vom treuen Husaren. Der einzige Mann, der heute zu Gast ist, hört lieber zu. Es ist halb zwölf. Der Tisch wird gedeckt. Bald wird das Mittagessen angeliefert. Die 56-jährige gelernte Krankenschwester und Pfarrfrau gehört seit drei Jahren zu den sage und schreibe 130 festen ehrenamtlichen Mitarbeitern der Seniorengenossenschaft Riedlingen.

Das Interesse an diesem Modell ist gewaltig. Friederun Rieger und ihre Kolleginnen und Kollegen sind Besuch gewohnt. Der Spiegel, die FAZ, verschiedene Fernsehsender, SPD-Sozialministerin Katrin Altpeter und etliche ihrer christdemokratischen Vorgänger waren schon hier. Außerdem unzählige Bundes-, Landes-, Kreis- und Kommunalpolitiker, Professoren der Sozialen Arbeit und ihre Studenten, Delegationen aus ganz Deutschland und aus dem Ausland. Sie alle wollen ein Vorzeigeprojekt sehen. Und das mit vielen renommierten Preisen ausgezeichnete Modell funktioniert so: Alte und noch nicht so ganz Alte helfen noch Älteren und kriegen später, wenn sie selbst nicht mehr helfen können, diese Hilfe zurück. Alles ehrenamtlich, aber straff organisiert.

Wer Essen ausfährt oder einen Besuch bei einer dementen alten Dame macht, kann sich den Einsatz auf einem Zeitkonto gutschreiben oder auszahlen lassen. 6,80 Euro gibt’s auf die Stunde. Für manche Ruheständlerin, deren Rente kaum zum Leben ausreicht, ist die Auszahlung ein Weg, um die drohende oder schon vorhandene eigene Altersarmut abzumildern und dabei anderen auch noch etwas Gutes zu tun.

Wer sich seinen Einsatz hingegen auf seinem Zeitkonto gutschreiben lässt, kann später die Dienstleistungen, die er braucht, kostenlos in Anspruch nehmen.

Ihr Gründer, Vorsitzender, unermüdlicher Werber und Öffentlichkeitsarbeiter ist seit 24 Jahren Ehren-Senator  Josef Martin, 79. Er ist gerade wieder in den Riedlinger Gemeinderat und den Biberacher Kreistag gewählt worden. In beiden Gremien ist der SPD-Politiker der Senior.

Unermüdlich wirbt er für das Modell der Riedlinger Seniorengenossenschaft. Denn sie schließt in der Versorgung alter Menschen eine riesige Lücke. Auf der einen Seite, sagt Martin, gibt es die, oft von den örtlichen Kirchengemeinden organisierte, ehrenamtliche Nachbarschaftshilfe mit Besuchsdienst. Auf der anderen Seite gibt es die Profis. Auch sie oft in kirchlicher oder diakonischer Trägerschaft: die Diakonie-Sozialstationen, die für die ambulante Pflege zuständig sind und die Pflegeheime der großen Sozialkonzerne. Die einen, die Ehrenamtlichen, könnten nur sehr begrenzt Dienstleistungen anbieten. Aber das gelte auch für die anderen, die Profis: „Die können nur das machen, was sich rechnet.“

„Was nützt mir als alter Mensch das beste Angebot, wenn ich mit 700 Euro Rente auskommen muss und es mir nicht leisten kann?“ Genau dort, wo es sich für die Profis nicht lohnt, schließt die Seniorengenossenschaft Riedlingen sehr, sehr viele Lücken, – jedenfalls sehr viel mehr als sonst irgendwo in Baden-Württemberg.

Und sie tut es zuverlässig: „Wir versorgen verlässlich 300 Kunden an 365 Tagen im Jahr mit einer bürgerschaftlich organsierten Rufbereitschaft rund um die Uhr“, erzählt Josef Martin nicht ohne Stolz. Die Seniorengenossenschaft betreibt selbst zwei Wohnanlagen, hat ein jährliches Haushaltsvolumen von einer Dreiviertel Million Euro, beschäftigt 130 ehrenamtliche und drei hauptamtliche Mitarbeiter in verbindlichen Dienstplänen und liefert mehr als 100 warme Essen am Tag aus.

Die Ehrenamtlichen haben mit ihren Privatfahrzeugen einen Fahrdienst organisiert, der einen beispielsweise zum Arzt bringt oder zu Friederun Rieger in die Tagespflege. Wenn man möchte, kümmert sich jemand um die Wäsche, ums Einkaufen, ums Schneeräumen, um kleine technische Probleme in der Wohnung, um die Gartenarbeit, kurz: „um alles, was Sie selbst nicht mehr leisten können“, wie es in einer Präsentation der Seniorengenossenschaft heißt.

Vielleicht ist auch das ein Grund, warum dieses über Jahre gewachsene und beeindruckende Rundum-Sorglos-Paket bewundert, aber nicht nachgeahmt wird: die allerwenigsten bürgerschaftlich oder kirchengemeindlich Engagierten sind mit so einem gewaltigen Anspruch unterwegs.

Ein protestantisches Urgestein im mehrheitlich katholischen Riedlingen ist der 90-jährige Christian Bürk. Er gehörte 1991 zu den Gründungsmitgliedern der Seniorengenossenschaft, war 18 Jahre lang Laienvorsitzender im Kirchengemeinderat und sorgte dafür, dass die evangelische Kirchengemeinde in Riedlingen von der ersten Stunde an Sitz und Stimme in der Seniorengenossenschaft hatte. Bürk hatte früh erkannt, dass Konkurrenz zwischen kirchlichen und genossenschaftlichen Angeboten dadurch vermieden werden konnte.

Als der ehemalige Leiter des Straßenbauamts Riedlingen in den Ruhestand ging und fürchtete, er sei für den Vorsitz im Kirchengemeinderat allmählich zu alt, kam ihm das Engagement in der Seniorengenossenschaft gerade recht. „Ich wäre sonst in ein Loch gefallen“, hat er vor kurzem anlässlich seines 90. Geburtstags erzählt. Für ihn ist die Seniorengenossenschaft eine Erfolgsgeschichte. Was „der Kretschmann“, mit dem er auch schon an der Riedlinger Fasnet „Froschkutteln“ gegessen hat, heute über die Notwendigkeit bürgerschaftlichen Engagements sage, „haben wir vor 25 Jahren schon gemacht“.

Bürk, um einen witzigen und selbstironischen Spruch nie verlegen, erzählt, dass er es „als Amtsleiter nie bis ins Staatsministerium geschafft“ habe, als Vorstandsmitglied der Seniorengenossenschaft dagegen ohne Probleme. Die Gaben der Genossinnen und Genossen hätten sich wunderbar ergänzt. Bürk: „Ich kann große Sprüche machen, ein anderer kann besser Rasen mähen“: Nun hat Bürk gewiss nicht nur „Sprüche gemacht“, sondern, wie er erzählt, insgesamt 6000 Stunden im Ehrenamt in der Genossenschaft verbracht, Zwölf Jahre als stellvertretender Vorsitzender und von Anfang an als Organisator des Fahrdienstes. Er hat, so erzählt er, „viel versteckte Armut kennengelernt“. Und das in einem 10?000-Einwohner-Städtchen, wo man „sich eigentlich kennt“.

Das ist etwas, das ihm sichtbar heute noch nachgeht. Als Motivation, warum in Riedlingen so viele Leute begeistert mitmachen, nennt Bürk außer dem Wunsch zu helfen auch „die Befriedigung, die die Leute daraus ziehen, wenn sie sehen, dass ihre Hilfe etwas bewirkt“.

Diese Befriedigung motiviert auch Friederun Rieger. Sie bietet jeden Freitag in der Tagespflege einen ganz besonderen Service: Die Krankenschwester hilft alten Menschen beim Duschen. Für diese Spezialaufgabe wurde vor drei Jahren jemand gesucht und sie hat ja gesagt: „Da ist eine ganz zierliche, alte Frau. Die genießt es so sehr. Dann sage ich: kommen Sie, wir lassen das Wasser noch ein bissle laufen. Ich hab ja die Zeit.“

Eine professionelle Pflegefachkraft, die in ihren Dienstplan eingespannt sei, könne sich solche kleinen Aufmerksamkeiten nicht erlauben, weiß Friederun Rieger. Ein Pluspunkt ist für sie auch das Team der drei Hauptamtlichen und 25 Ehrenamtlichen, die in der Tagespflege engagiert sind: „Das Klima ist klasse und die Zusammenarbeit läuft wie am Schnürle.“

Angst vor dem Alter hat Friederun Rieger übrigens nicht. Ein bisschen deswegen, weil sie weiß, dass man auch mit ihr liebevoll umgehen wird, wenn sie vielleicht eines Tages als Gast in die Tagespflege kommt. Aber vor allem deswegen, weil „der Herrgott mein Leben in seiner Hand hält“.


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