Christliche Themen für jede Altersgruppe

Gemeinsam musikalisch atmen

AILINGEN/AULENDORF (Dekanat Ravensburg) – Oft wird die Blockflöte als Kinderinstrument abgetan. Von wegen! Die Blockflötenensembles der Kirchengemeinden Ailingen und Aulendorf bereichern nicht nur das Gemeindeleben. Die Musiker stützen einander auch in Krisenzeiten. 

Beate Mau bringt das Ailinger Ensemble zum Klingen. (Foto: Hanna Eder)

Es ist Donnerstag, 10 Uhr morgens. Warme, harmonische Klänge erfüllen den Saal der Kirchengemeinde Ailingen. Die Augen der Spieler sind konzentriert auf die Noten gerichtet. Vor der Fensterfront sitzen im Halbkreis Sopran-, Alt-, Tenor- und Bassstimmen. In der Mitte steht Leiterin Beate Mau und dirigiert ihre Gruppe: „Der Ton muss von ganz tief kommen.“ Sanft und behutsam setzt die Musik wieder ein. Diesmal ist das Zusammenspiel ausgewogener, der Ton klingt honigfarben. „In die Nacht der Welt“, singt Mau leise mit. Dann ordnet sie lächelnd an: „Jetzt nehmen wir den Sopran mit auf die Reise.“

Gemeinsam musizieren: Deshalb kommt seit 1998 das Blockflöten­ensemble der Kirchengemeinde Ailingen zusammen. „Angefangen haben wir mit fünf Spielern, mittlerweile sind wir 14“, erzählt Beate Mau. Das Ensemble gestaltet Gottesdienste, Taizé- und Abendandachten. „Wir verkündigen durch unsere Musik das Wort Gottes“, sagt Mau fröhlich.

Für Ensemblemitglied Ida Glaser ist der Flötenkreis zum unverzichtbaren Bestandteil ihres Alltags geworden. „Es ist mein erstes Instrument“, erzählt die Seniorin stolz, die mit 62 Jahre das Bockflötenspiel begonnen hat. „Es war schon immer ein Wunsch von mir, in Gemeinschaft zu spielen.“ Heute, mehr als zehn Jahre später, ist die 74-jährige Katholikin ganz selbstverständlich im Flötenensemble der evangelischen Gemeinde dabei. „An ihr erstes Konzert beim Seniorennachmittag kann sie sich noch gut erinnern. „Ein tolles Erfolgserlebnis“, sagt sie.

Glaser ist dankbar für die Gemeinschaft in der Gruppe. „Wir organisieren reihum Geburtstagsfrühstücke, machen Ausflüge zur Landesgartenschau oder ins Theater und üben auch privat miteinander“, erzählt sie. Als ihr Mann Manfred, ebenfalls Ensemblemitglied, mit 71 Jahren überraschend starb, stärkte das Orchester ihr den Rücken. „Bei der Trauerfeier hat das ganze Ensemble für ihn gespielt“, erinnert sich die Seniorin. Auf den leeren Platz des Bassflöten-Spielers legten die Ensemblemitglieder einen Kranz. Darauf stand geschrieben: „Manfred, wir vermissen Dich. Dein Flötenkreis.“

Im Gemeindesaal Ailingen ist es für einen Moment ruhig geworden. Die Musiker suchen nach ihren Noten. Das nächste Kirchenlied ist „Herr, wir bitten: Komm und segne uns.“ Auch Brigitte Gottuk aus Berg fahndet in ihren Blättern. Mit 79 Jahren ist Gottuk die älteste Spielerin im Ensemble. „Ich war von Anfang an mit dabei“, erzählt die Seniorin beschwingt. Seit einiger Zeit macht ihr jedoch ihre Sehschwäche zu schaffen.“ Doch aufhören ist ihre Sache nicht. Leiterin Beate Mau besorgt der Seniorin Noten, die extra groß und gut lesbar sind. „Ich fühle mich durch das Ensemble getragen“, sagt die Ensembleälteste. Als vor fünf Jahren ihr Sohn verstarb, habe ihr das Musizieren geholfen, mit der schwierigen Situation fertigzuwerden.

Rechts im Halbkreis sitzt Friedrich Merk. Der 68-Jährige ist seit zehn Jahren im Flötenensemble Ailingen dabei. „Er hat das Musikalische im Blut“, sagt Mitspielerin Glaser lachend. In früheren Jahren spielte der Friedrichshafener Saxophon und Klarinette. Heute ist seine Bass-Stimme im Blockflötenensemble gefragt. „Hier kann ich ohne Leistungsdruck das Spielen genießen und erziele trotzdem Fortschritte in Musikalität, Ausdruck und Technik“, resümiert Merk. „Wir lernen, immer mehr aufeinander zu hören!“, schwärmt Merk. „Es gab schon richtig tolle Momente, wo das Ensemble gemeinsam musikalisch geatmet hat, wo alles aus einem Guss war.“

Ein paar Stunden später, am frühen Abend, 40 Kilometer weiter nördlich im Ländle. Im Gemeindezentrum in Aulendorf hat sich der Thomas-Blockflötenkreis zusammengefunden. Das Ensemble besteht seit 1983 und wurde von dem heutigen Kirchenmusikdirektor in Riedlingen, Jürgen Berron, gegründet, später von Rolf Renz weitergeführt. Es sind heute 14 Frauen und ein Mann. Die jüngste Flötistin ist Christina Ahnert mit 16 Jahren, die älteste ist Helga Renz mit 83. Die Teilnehmer kommen aus Aulendorf oder den umliegenden Ortschaften wie Zollenreute, Bad Saulgau und Bergatreute. Aus Bad Schussenried ist sogar ein vormals vollständiges Blockflötenensemble zum Thomas-Blockflötenkreis dazugestoßen.

Seit 2000 leitet Dietlind Zigelli das Ensemble. Die sympathische Musiklehrerin hat einen „Regenmacher“ für die Untermalung eines Lieds mitgebracht. Das nächste Mal sollen ein bis zwei Sänger, ein Akkordeon, Gitarre und Schlagwerk dazukommen.

Zwei Sopranflöten, sechs Altflöten, fünf Tenöre und drei Bässe sind im Aulendorfer Ensemble vertreten. „Manche Spieler wechseln auch zwischen den Stimmen“, erklärt Zigelli. Ihre Gruppe ist bunt gemischt – von der alleinerziehenden Mutter über die Schülerin bis zum Rentner. Die Konfession spielt bei den Thomas-Blockflöten keine Rolle. „Wir sind hier konfessionsverbindend“, lacht Helga Scheremet, 65 Jahre, aus Mochenwangen.

Dietlind Zigelli erzählt, wie sie selbst zur Blockflötenmusik kam. Ihr Vater Hartmut Strebel, studierter Musiker und Musikhochschulprofessor für Block- und Querflöte, führte sie schon früh an das Instrument heran. „Selbst im Wohnstift Augustinum in Stuttgart-Riedenberg, wo er heute mit seiner Frau lebt, hat er noch ein Blockflötenquintett gegründet, das sich unter seiner Leitung trifft und ab und zu im Gottesdienst und bei Festen auftritt“, erzählt die Musiklehrerin.

Ein Leben ohne die Blockflöte kann sich Zigelli nicht vorstellen. Ihr ist es geradezu ein Herzensanliegen, die Blockflöte aus ihrem Aschenputtel-Dasein zu erlösen. „Die Blockflöte hat viel mehr Wertschätzung verdient“, findet Dietlind Zigelli.

Vom Imageproblem der Blockflöte kann auch Waltraud Hölz aus Bad Schussenried ein Lied singen. „Mein Mann und meine Jungs haben über meine Blockflöte immer gelächelt“, erzählt sie. „Bis ich mit einer Bassflöte nach Hause gekommen bin. Dann war Ruhe.“

Ensemblemitglied Gudrun Egeler aus Aulendorf hat in der Grundschule Blockflöte gelernt. Sie spielte als Jugendliche schon im Ensemble. Viele Jahre später erfuhr sie über ihren Frauen-Yoga-Kurs wieder vom Bedarf der Gruppe. „Das Blockflötenensemble war für mich in einer Lebenskrise ein wichtiger Anker“, erzählt Egeler. Unweit von ihr sitzt Christiane Preiß, 28 Jahre, aus Aulendorf. Die Umwelt- und Verfahrenstechnik-Ingenieurin spielt Bassflöte und ist seit ihrer Kindheit beim Kreis mit dabei.

Seit einem Jahr planen nun beide Gruppen – das Flötenensemble in Ailingen und die Thomas-Blockflöten Aulendorf – gemeinsam Gottesdienste zu gestalten. „Zufällig habe ich Frau Mau vor einem Jahr im Lehrersymphonieorchester kennengelernt“, erzählt Zigelli. Und auch Gemeindepfarrer Gebhardt Gauss wurde schon mit Flötenmusik verwöhnt. Zu seinem Geburtstag spielte das Ensemble ein Ständchen vor seiner Haustür.