Christliche Themen für jede Altersgruppe

Hand in Hand durch Dachau - deutsch-israelischer Schüleraustausch

RAVENSBURG – Felicitas und Yasmin sind Freundinnen fürs Leben. Die 16-Jährige aus Ravensburg und die 19-Jährige aus Nahariya bei Haifa haben sich über einen deutsch-israelischen Schüleraustausch kennengelernt. Seitdem sprechen sie über Gott und die Welt.

Besuch in Deutschland: Yasmin (dritte von links) mit Felicitas und deren Familie im Jahr 2019. Foto: privatBesuch in Deutschland: Yasmin (dritte von links) mit Felicitas und deren Familie im Jahr 2019. Foto: privat

Ein Schüleraustausch ist immer eine tolle Sache und für alle Beteiligten eine Bereicherung. So empfindet es auch Felicitas Freund aus Ravensburg. Wenn sie aber über ihre Austauschschülerin Yasmin spricht, und die Zeit, die sie mit ihr gemeinsam verbringen durfte, dann strahlen ihre Augen. „Wir waren vom ersten Tag an auf einer Wellenlänge“, sagt sie. „Wir sind zur Schule gegangen, haben unsere Freizeit zusammen verbracht, haben Party gemacht, gelacht und getanzt – aber auch zusammen geweint. Und wir haben über Gott und die Welt geredet.“

Felicitas besucht das Ravensburger Welfengymnasium. Weil sie schon mit fünf Jahren eingeschult wurde, macht die 16-Jährige bereits im kommenden Jahr ihr Abitur. Yasmin ist 19 Jahre und kommt aus Israel. Genauer gesagt aus Nahariya, einer am Mittelmeer gelegenen Stadt mit knapp 60 000 Einwohnern nördlich von Haifa. Yasmin war dort Schülerin an der Amal Comprehensive School und leistet nach ihrem Abitur mittlerweile ihren in Israel verpflichtenden Wehrdienst ab.

Gut 30 Jahre ist es her, dass Ursula und Werner Wolf – sie als Lehrerin am Welfengymnasium, er als Lehrer am Gymnasium in Weingarten – den gemeinsamen Schüleraustausch mit einer israelischen Partnerschule ins Leben gerufen haben. Eine Begegnung, die seither zahlreiche Schülerinnen und Schüler auf beiden Seiten zusammengeführt und bei vielen Jugendlichen nachhaltige Spuren hinterlassen hat.

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So wie bei Felicitas Freund. Sie ist in einem christlich geprägten Elternhaus zusammen mit zwei jüngeren Brüdern aufgewachsen. Dass der Blick von klein auf schon über den eigenen Tellerrand und den eigenen Kirchturm hinausging, liegt sicher in ihrer Familiengeschichte begründet. „Mein Urgroßvater hatte jüdische Wurzeln. Außerdem ist die Mutter meines Vaters Französin“, erzählt Felicitas. Dass der Uropa in Berlin lebte, als Bildberichterstatter auf einer Trabrennbahn arbeite, das hat seine Urenkelin schon früh von ihren Eltern erfahren. Auch dass er keinen Ariernachweis, dafür einen Zwangsarbeiterausweis besaß. Und dass er Ende Mai 1936 von der Gestapo ohne Angabe von Gründen verhaftet wurde und 16 Tage im Gefängnis verbringen musste. Dank des Einsatzes seiner Mutter und enger Freunde konnte er später als „kriegsrelevanter“ Arbeiter ausgewiesen werden und verschwand vermutlich deshalb nicht im KZ. „Ausgrenzung war in meiner Familie also immer ein Thema“, sagt Felicitas. „Und für Geschichte habe ich mich auch schon immer interessiert.“

Als der deutsch-israelische Schüleraustausch im Unterricht zur Sprache kam, ließ sich Felicitas zusammen mit einer Freundin schnell dafür begeistern. 2019 war es dann soweit. „Die Chemie stimmte von Anfang an. Es war so, als ob wir uns schon ewig kennen würden“, sagt sie mit Blick auf die drei Jahre ältere Yasmin. „Zusammen Hand in Hand durchs ehemalige Konzentrationslager in Dachau zu gehen, eine Synagoge in Ulm zu besuchen und gemeinsam das Laubhüttenfest zu feiern, das war alles sehr bewegend.“ Viel voneinander übers Leben in den jeweils anderen Ländern gelernt zu haben, auch das war für beide junge Frauen von zentraler Bedeutung. „Ich habe zwei wunderbare Wochen mit einer so tollen und gastfreundlichen Familie verbringen dürfen. Ich bin auf viele offenherzige Menschen getroffen. Menschen, die an unserer jüdischen Kultur interessiert sind, durfte aber auch selbst viel über die Kultur und den Alltag in Deutschland erfahren“, schreibt Yasmin via E-Mail. „Und ich habe in Felicitas eine Freundin fürs Leben gefunden.“

Felicitas Freund ist 16 Jahre alt. Im kommenden Jahr macht sie ihr Abitur. Foto: Brigitte GeiselhartFelicitas Freund ist 16 Jahre alt. Im kommenden Jahr macht sie ihr Abitur. Foto: Brigitte Geiselhart

Der Schüleraustausch mit der israelischen Schule liegt den ehemaligen – mittlerweile pensionierten – Initiatoren nach wie vor am Herzen. Aber auch der generationenübergreifende Dialog zwischen Juden und Christen. Ursula Wolf ist heute Geschäftsführerin der „Gesellschaft für Christlich-Jüdische Begegnung in Oberschwaben e. V.“, ihr Mann Werner einer von drei Vorsitzenden. Neben der religiös-kulturellen Basis sieht der Verein seine Aufgabe nicht zuletzt darin, sich mit aktuellen gesellschaftlichen Problemen zu befassen – wie etwa mit dem in den vergangenen Jahren wieder wachsenden Antisemitismus in Deutschland.

Eine Entwicklung, die auch Felicitas Freund große Sorgen bereitet. „Es ist wirklich beängstigend, wenn man bedenkt, dass inzwischen auf sogenannten Querdenker-Demos menschenverachtende antisemitische Parolen verbreitet werden“, sagt sie betroffen. Ein durchaus auch kritisches Auge auf die aktuelle Politik Israels und die Auseinandersetzung mit Palästinensern zu werfen, ist für sie selbstverständlich. „Spannend war auch der Geschichts-Leistungskurs zum Holocaust“, sagt Felicitas. „Und für viele meiner Mitschüler war es interessant, dass ich zu dieser Thematik aus meiner eigenen Familiengeschichte etwas zu berichten hatte.“

Bald möchte Felicitas nach Israel

Zum Gegenbesuch in Israel, der für 2020 geplant war, ist es durch die Pandemie nicht gekommen. „Wir wollten Yasmin letztes Jahr an Weihnachten zu uns einladen, auch das war leider nicht möglich“, sagt Felicitas. Aber man ist weiter in Verbindung, schreibt sich regelmäßig E-Mails, telefoniert und tauscht sich über aktuelle Probleme aus. So hat sich Yasmin spontan besorgt bei Felicitas gemeldet, als sie im Sommer von der Flutkatastrophe in Deutschland erfahren hat.

Für Felicitas Freund steht jetzt erstmal das Abitur an. Vor einem Studium zunächst mit einem journalistischen Praktikum in die Berufswelt hineinzuschnuppern, das kann sie sich gut vorstellen. „Ein Besuch bei Yasmin steht in jedem Fall auf meiner Agenda“, sagt sie. Pläne dafür hat sie schon geschmiedet. Am Strand zu übernachten, sich im Toten Meer vom Salzwasser tragen zu lassen, mit ihrer Freundin alle „Hotspots“ abzuklappern, das hat Felicitas sich vorgenommen – natürlich auch in eine Synagoge zu gehen und dort Gottesdienst zu feiern. Party machen, tanzen und lachen – auch das möchte sie wieder gerne. Und mit Yasmin über Gott und die Welt reden.

Ev. Gemeindeblatt 42/2021 | Von Brigitte Geiselhart