Christliche Themen für jede Altersgruppe

Hochbetrieb am Taufbecken

LAUPHEIM (Dekanat Biberach) – Überall im Land sinken die Zahlen der Gemeindemitglieder, in Laupheim ist es andersrum. Das liegt nicht nur an den Neubaugebieten. Sondern auch daran, dass sich die Seelsorger dieser oberschwäbischen Gemeinde entschlossen der Zukunft zugewandt haben. 


Das Team Ingo Aker, Hermann Müller und Martina Servatius zieht an einem Strang. (Foto: Rüdiger Bäßler)

Gespräch bei Pfarrer Hermann Müller. Im Besprechungszimmer des 2013 eingeweihten neuen Gemeindehauses riecht es immer noch ein wenig nach frischer Farbe. Durch die Wand dringt das tobende Lärmen der Kleinen aus dem Kindergarten. Im ersten Stock bekommen in einem Unterrichtsraum Flüchtlinge Sprachunterricht. Nachher, wenn das Gespräch zu Ende ist, wird rasch umgestuhlt; der Besprechungsraum ist für den Seniorenkreis vorreserviert.


In Hermann Müllers Rede aber liegt tiefe Ruhe. „Das Geschäft recht machen“ sei stets sein Ziel, sagt er, und das heiße: „Den Menschen etwas an die Hand geben, damit sie selber ihr Leben gestalten können.“ Es bedarf vielfacher Nachfragen, um den Laup­heimer Pfarrer zu bewegen, mehr über die stetige Vergrößerung seiner Gemeinde zu erzählen. Gut 4000 Mitglieder zählt die Kirchengemeinde in der Stadt mit ihren rund 21?000 Einwohnern. Im Jahr 1865 lebten im katholisch geprägten Laupheim gerade mal 239 Protestanten. Im vergangenen Jahr wurde das 150-jährige Bestehen der evangelischen Kirche gefeiert, die nur einen Steinwurf vom Gemeindehaus entfernt steht. „Wir sind von einer verschwindenden Minderheit zu einer geachteten Gruppe geworden“, sagt Müller.

64 Taufen gab es allein im vergangenen Jahr, das ist vorläufiger Rekord. Der Andrang hält nach Worten der Pfarrerin Martina Servatius, die sich um die ländlichen Gemeindeteile kümmert, auch im laufenden Jahr an. „Wir kommen hier an die Grenze“, sagt die Seelsorgerin. Mehr als 40 Taufen hat sie 2015 selber gemacht. Solche Zahlen heben sich im überregionalen Vergleich deutlich ab. Denn seit Mitte der 1990er-Jahre ist  die Zahl der Täuflinge im Gebiet der württembergischen Landeskirche rückläufig, geschuldet einer wachsenden Zahl von Kirchenaustritten und dem demografischen Wandel.

Fragt sich, was sich von den Laupheimern lernen lässt. Zum einen wollte die Gemeinde ihre Modernität auch durch die Architektur ausgedrückt wissen. Zwei kircheneigene Wohnungen wurden verkauft, Spenden gesammelt und anschließend ein Gemeindehaus gebaut, das viel mehr sein sollte als der Vorgängerbau mit der Waschbetonfassade: ein Begegnungsort, ein Treffpunkt, der soziale Schranken abbaut, Altersgrenzen überwindet und Gesprächsraum bietet, der sich durchaus nicht nur auf Glaubensfragen begrenzt. Die Veranstaltungsräume im Erdgeschoss sollen ab diesem Jahr auch für private Feiern gemietet werden können.

Das Gebäude, das an den Kindergarten „Arche Noah“ mit seinem Krippenangebot grenzt, lässt Licht aus allen Richtungen herein, es fällt auch auf moderne gestiftete Ölgemälde. Vor der Tür eröffnet sich ein prächtiges Gartengrundstück mit alten Kirsch- und Nussbäumen. Dieses Gebäudeensemble ist ein Glück, und Glück für die Gemeinde ist wohl auch die wirtschaftliche Entwicklung, die Laup­heim seit Jahren nimmt.

Die örtliche Wirtschaft boomt, die Stadt zählt mittlerweile mehr als 11?000 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze, Arbeitslosigkeit gibt es praktisch nicht. Das Rathaus zählt jährlich rund 400 Neubürger. Zuletzt wurden 120 Bauplätze im Gebiet „Ringelhausen III“ oberhalb des Schlossparks ausgewiesen; sie waren in Rekordzeit verkauft. Vom ungebremsten Zuzug der Neubürger profitiere auch seine Gemeinde, sagt Pfarrer Müller.

Aber das ist noch nicht die ganze Erklärung des Phänomens Laupheim. Müller (62) und seine Pfarrkollegin Martina Servatius (55) sind erfahrene Seelsorger, sie wissen, wie man mit den Leuten spricht. Und da, wo der Altersabstand arg groß ist, holen sie sich Expertise. So haben sie den 31-jährigen Vikar Ingo Aker fest eingebunden. Er nutzt das Internet im Umgang mit den kirchenorientierten Jugendgruppen. „WhatsApp spielt auf jeden Fall eine Rolle, wenn man sich verabredet“, sagt Aker. „Die Leute zwischen 12 und 24 greifen nicht zum Gemeindebrief. Sie erwarten, dass sie alles über ihre sozialen Medien erfahren.“

An Heiligabend geht räumlich, zeitlich und personell inzwischen nichts mehr. Weil maximal 300 Gläubige in die Kirche passen, sind zuletzt fünf Gottesdienste gehalten worden. Damit Familien mit Krabbelkindern ausreichend Platz für Kinderwagen und Tragekörbe hatten und alle gut sehen konnten, setzte Pfarrer Müller kurzerhand eine 11-Uhr-Stuhlkreismesse im Gemeindehaus an. Ein Klavierspieler begleitete das Singen, er erzählte die biblische Geschichte.

Die Harmonie zwischen den Seelsorgern strahlt in die tägliche Arbeit hinein. „Wir sind ganz ähnliche Typen“, sagt Martina Servatius über sich und Hermann Müller. Die Erfordernisse des Augenblicks zählten stets mehr als übergeordnete Ziele. „Wir haben hier kein strategisches Projekt entworfen“, sagt sie über die Erfolge der vergangenen Jahre. „Ich habe das Gefühl, wir können am wenigsten dafür. Wir können nur den Segen verwalten.“

12 Uhr, die Kirchenglocke läutet, unter den Müttern, die jetzt ihre Kinder aus der „Arche Noah“ abholen, ist Vera Stoll. Befragt nach den Eigenschaften des Gemeindeseelsorgers überlegt die junge Laupheimerin kurz und sagt mit einem Lachen: „Er ist immer freundlich, hat ein offenes Ohr und nimmt sich Zeit.“ Pfarrer Müller zupft verlegen an seiner Mütze.