Christliche Themen für jede Altersgruppe

Integration im Turbogang

ISNY (Dekanat Ravensburg) – In dem ehemaligen Kinderdorf Siloah wohnen jetzt Flüchtlingsfamilien aus Syrien und Afghanistan. Doch nur für begrenzte Zeit: Innerhalb eines Jahres sollen sie so gut integriert sein, dass sie nicht mehr auf staatliche Unterstützung angewiesen sind. 

Gemeinsam an der Integration arbeiten: Unter den Flüchtlingen und den hauptamtlichen Helfern in Siloah herrscht eine gute Atmosphäre. (Foto: Christof Schrade)


„Wir wollen richtig reinpowern“, sagt Pfarrer Michael Mitt von der evangelischen Kirchengemeinde in Isny im Allgäu. „Aber die Familien, die mitmachen wollen, müssen dann eben auch powern.“ Was der Seelsorger meint, ist ein einzigartiges Modell zur Turbo-Integration von Flüchtlingsfamilien. Innerhalb nur eines Jahres sollen Familien durch intensive Förderung aus einer Hand „schnellstmöglich unabhängig von staatlichen Hilfen“ gemacht werden und lernen, ein „selbstständiges und eigenverantwortliches Leben in Deutschland“ zu führen.

Der Ort, an dem dies stattfinden soll, scheint beim ersten Hinsehen ein Wohngebiet aus den 70er-Jahren mit riesigen Grundstücken in bevorzugter Hanglage einer der sonnenreichsten Gemeinden Deutschlands zu sein. Tatsächlich handelt es sich um das ehemalige Kinderdorf Siloah, das nach mehr als 100 Jahren wechselvoller Geschichte seit einiger Zeit keine Jugendhilfeeinrichtung mehr ist. Die Wohnbebauung in Isny ist über die Jahrzehnte ans Dorf herangewachsen. Siloah liegt nicht mehr abseits.

Seit Januar wurden nach und nach sechs von zwölf Gruppenwohnhäusern der ehemaligen Jugendhilfeeinrichtung mit Familien belegt, die hauptsächlich aus Syrien und Afghanistan kommen. So ein ehemaliges Kinderdorf hat aber nicht nur Wohnhäuser, sondern auch Verwaltungsgebäude, eine Turnhalle, Schule und Kindergarten. Und diese Voraussetzungen nutzt das Projekt „Integration in Deutschland“. Familien mit minderjährigen Kindern, die in eines der Wohnhäuser ziehen, können, wenn sie wollen, einen ungewöhnlichen Vertrag unterschreiben. Das Angebot besteht in umfassenden Hilfen zur Integration, die weit über das hinausgehen, was das Flüchtlingsaufnahmegesetz, vorschreibt, erklärt Barbara Schulte, Geschäftsführerin der „Waisenhausstiftung Siloah“. Sie finanziert das Projekt gemeinsam mit der Kirchengemeinde. Mit der Unterschrift unter den Vertrag verpflichtet sich die Familie, diese Hilfen auch zuverlässig in Anspruch zu nehmen.

Die Familien durchlaufen drei Phasen: In der Phase des Ankommens werden sie von ehrenamtlichen Paten dabei unterstützt, Stadt und Umland kennenzulernen. Sie machen Erfahrungen mit dem Einkaufen, mit Verwaltungen und öffentlichen Verkehrsmitteln. In der zweiten Phase steht die Sprachförderung der Familie im Vordergrund. Dabei werden die Kinder von professionellen, „traumageschulten“ Erziehern betreut, mit dem Ziel, sie zeitnah in die Kindergärten und Schulen vor Ort zu integrieren. Die Erwachsenen lernen separat. Parallel dazu kommen sie mit Einheimischen zusammen und sollen Praktika angeboten bekommen.

In der letzten Phase erhalten die Familien Hilfe bei der Wohnungs- und Arbeitssuche. „Dabei nützen wir natürlich die Netzwerke, die viele Flüchtlinge schon haben. Wenn sie in die Nähe von Verwandten ziehen wollen, die schon in Deutschland sind, helfen wir dabei“, sagt Barbara Schulte. Und Michael Mitt ergänzt: „Die sollen ja nicht in Siloah bleiben. Wir wollen ja möglichst vielen Menschen diese Chancen hier ermöglichen.“

Die Waisenhaus-Stiftung, die Kirchengemeinde und deren Hospitalstiftung geben für dieses Projekt in zwei Jahren 340.000 Euro aus. Davon werden die Erzieher und Sachkosten bezahlt, zwei „Dorfmeister“ sind eingestellt, ebenso eine Koordinatorin für die „Paten“. Das Diakonische Werk Ravensburg, das bereits für die Sozialbetreuung der Flüchtlinge zuständig ist, hat eine Ehrenamtsbetreuerin für alle, die sich im Isnyer „Netzwerk Asyl“ engagieren, eingestellt. Ein Familien- und Begegnungszentrum soll entstehen. Die Früchte dieses Projekts sollen mittelfristig allen Isnyern zu Gute kommen. So wäre laut Pfarrer Mitt ein Sozialkaufhaus denkbar, in dem Flüchtlinge und Einheimische gleichermaßen einkaufen können.



www.siloah-isny.de