Christliche Themen für jede Altersgruppe

Kein Blatt vor dem Mund

TETTNANG (Dekanat Ravensburg) – Sich mit Gästen um einen Tisch setzen und bei einem Glas Wein über Gott und die Welt sprechen, das war im Hause Luther üblich. Bei den „Tettnanger Tischreden“ wird diese Tradition zwei Mal im Jahr im Gemeindehaus gepflegt. 


Im Anschluss an das Referat von Krankenhausseelsorger Hans-Dieter Schäfer wurde bei den „Tettnanger Tischreden“ fleißig weiter-diskutiert. (Foto: Brigitte Geiselhart)

Es ist angerichtet im Hause Luther. Aber Martinus kommt nicht richtig in die Gänge. Hat eine schlimme Nacht hinter sich gebracht. Musste von seiner Frau wieder einmal gepflegt werden, bis schließlich ein Humpen Bier die Erlösung brachte – und der Nierenstein abging. „Ich leide an der Seele, ich leide an der Welt“, sagt der Hausherr. „Den Teufel treibt man nicht mit Sauerkraut, sondern mit Lachen und Gottvertrauen aus dem Haus“, kontert die liebende Ehefrau. Doch mittlerweile sind Gäste eingetroffen. Die Tische sind gedeckt. Auch für Essen und Trinken ist gesorgt. Keine Zeit mehr zum Jammern und Lamentieren.

Nein, wir befinden uns nicht im 16. Jahrhundert, auch nicht in Wittenberg – sondern im April 2016 im Gemeindezentrum der Martin-Luther-Gemeinde in Tettnang. Pfarrerin Martina Kleinknecht-Wagner, Pfarrer Thomas Wagner und ihr Team von Ehrenamtlichen haben zur achten Auflage der „Tettnanger Tischreden“ gebeten, die ganz bewusst an die von Martin Luther so gepflegte und geschätzte Tradition anschließen wollen und sollen. Das szenische kabarettistische Anspiel von Markus Stein und Ursula Tonhauser, die in historischen Gewändern in die Rolle des Reformators und seiner Frau Katharina geschlüpft sind, hat schon mal Lust auf mehr gemacht.

Zum Thema „Religion – Ursache psychischer Störungen oder heilsame Kraft?“ wird Hans-Dieter Schäfer, Krankenhausseelsorger an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Weissenau, zunächst ein Impulsreferat halten und aus seinem Alltag berichten. Doch wie immer artet der Abend nicht in einen Monolog aus, im Gegenteil. Wie kann man den religiösen Bedürfnissen und Interessen seelisch verletzter Kinder und Jugendlicher gerecht werden? Wie kann Religion die Therapie unterstützen? Solche und ähnliche Fragestellungen sollen in der späteren Diskussion, auch in kleinen Tischrunden weiter besprochen und vertieft werden – ganz so, wie es früher im Hause Luther guter Brauch war. Seit Herbst 2012 lädt die Kirchengemeinde zweimal pro Jahr zu den „Tettnanger Tischreden“ ein.

„Die reformatorische Tradition liegt uns natürlich ganz besonders am Herzen. Und wir freuen uns, wenn wir für die jeweiligen Themen aus Kirche und Welt immer wieder kompetente Referenten – gerne auch aus der Region – gewinnen können“, sagt Pfarrerin Martina Kleinknecht-Wagner. Es gehe nicht darum, herkömmliche Vortragsabende zu gestalten. „Ganz bewusst haben wir das Konzept der Tischgespräche aufgegriffen und sind damit auf Interesse und Resonanz gestoßen“. Ein Blick in die Runde des Gemeindehauses gibt ihr Recht.

Gut 30 Männer und Frauen ganz unterschiedlichen Alters und mit unterschiedlichen Berufen sind heute gekommen. Gemeindemitglieder, aber auch katholische Christen und Gäste aus anderen Gemeinden. „Ich habe kein Problem damit, zu Veranstaltungen der evangelischen Gemeinde zu gehen“, sagt etwa die Katholikin Beate Jäger. „Das Thema interessiert mich, ich bin aber auch sehr gespannt auf den Gedankenaustausch.“ „Ja, gerade die Diskussion könnte spannend und anregend werden“, ergänzt der Student Michael Eggart.

„Eine empathie-basierte Religiosität kann in der Therapie psychischer Störungen von Kindern und Jugendlichen einen positiven und stabilisierenden Effekt haben“, lautet eine der Kernaussagen von Krankenhausseelsorger Hans-Dieter Schäfer, der inzwischen zum Abschluss seines Referats gekommen ist. Doch der Abend ist zum Glück noch lange nicht zu Ende. Der Gesprächsbedarf an den Tischen ist groß. Nicht wenige der Gäste haben sich im Verlauf des Vortrags einige Stichpunkte notiert, um jetzt ganz gezielt nachzufragen. Die Stimmung an den Tischen ist gelöst. Jeder weiß, dass er kein Blatt vor den Mund zu nehmen braucht – hat ja Luther auch nicht gemacht. Die bereitgestellten leckeren Schnittchen lässt man sich gerne schmecken. Und auch das Glas Trollinger mundet dem einen oder anderen sehr gut. Man sieht sich – vielleicht auch, wenn die Martin-Luther-Gemeinde im Herbst zu den nächsten „Tettnanger Tischreden“ einlädt.