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Reformation mit Hindernissen

ULM – Mal war die freie Reichsstadt Ulm zwinglianisch, dann wieder katholisch, zum Schluss wurde sie lutherisch: In Ulm wollte man evangelisch sein, es sich aber mit dem katholischen Kaiser nicht verscherzen. Ein Streifzug durch die wechselvolle Reformationsgeschichte der Stadt.


Nicht nur das Münster, auch die neue Bibliothek prägt die Silhouette von Ulm (Foto: Stadtmarketing Ulm)

Obwohl es in Ulm einen Marktplatz gibt, findet der Wochenmarkt auf dem Münsterplatz statt. Früher, als noch das Franziskanerkloster hier war, gab es den Münsterplatz nicht in der Größe. Wo sich die Klosterkirche befand, steht heute das Stadthaus, das den Grundriss der Kirche  hat.

Das Franziskanerkloster und seine Kirche waren Ausgangspunkt der Reformation in Ulm. Dort verbreiteten die  Mönche Johann Eberlin von Günzburg und Heinrich von Kettenbach um 1520 herum die Schriften von Martin Luther. Sie predigten in der Klosterkirche, sie druckten Handzettel mit Luthers Gedanken und schrieben selbst. In der Bürgerschaft, vor allem bei den Patriziern, stieß die neue Lehre auf Zustimmung, doch der Rat der Stadt fürchtete einen Aufruhr. Er wies Eberlin und von Kettenbach aus. Doch „das Feuer war gelegt, die reformatorischen Gedanken waren in der Stadt“, sagt die Historikerin Gudrun Litz. 

Im Laufe der Jahre fuhr der Rat einen regelrechten Schlingerkurs, was die Einführung der Reformation betrifft, erzählt Litz im Münster. Ulm als Freie Reichsstadt war direkt Kaiser Karl V. unterstellt. Der hatte 1521 das Wormser Edikt erlassen, das über Martin Luther die Reichsacht verhängte und  das Lesen und Verbreiten von Luthers Schriften unter Strafe stellte.

Ein offenes Bekenntnis zur Reformation hätte einen Bruch mit dem Kaiser und damit Krieg bedeutet. Deshalb war der Rat der Stadt offiziell kaisertreu: Er verbot die reformatorischen Strömungen und Versammlungen. Inoffiziell wurden sie aber geduldet. Dieser Schlingerkurs hat einen Namen: Bernhard Besserer. Er war Anhänger der Reformation und von 1514 bis 1538 alle drei Jahre turnusgemäß amtierender Bürgermeister. Einerseits wollte er seinen Glauben leben, andererseits den Bruch mit Karl V. vermeiden. Besserer setzte sich unter anderem dafür ein, dass 1524 ein reformierter Theologe als Prediger in Ulm angestellt wurde, obwohl die Stadt offiziell dem Kaiser und der katholischen Lehre verpflichtet blieb.

Konrad Sam, der Neue, war ein Anhänger des Schweizer Reformators Huldrych Zwingli. Der forderte beispielsweise, alle alten Zeremonien und Kirchenbräuche radikal abzuschaffen. Das wollte der Rat nicht: Er fürchtete, dass das zum Aufruhr führen könnte. Sam musste sich zügeln.

Die Reformation wurde im gesamten Reich nicht einfach so eingeführt: 1526 stellte es der Speyerer Reichstag den Reichsstädten frei, ob sie das Wormser Edikt von 1521 ausführen wollten. 1529 allerdings trat das Edikt wieder in Kraft. Beim Augsburger Reichstag 1530 reisten die Ulmer Gesandten, Bernhard Besserer und Daniel Schleicher, vorzeitig ab: Sie hatten vom Ulmer Rat kein Mandat erhalten, dem Augsburger Bekenntnis zuzustimmen. Wieder zurück, ließ Besserer die Bürger namentlich darüber abstimmen, welches Bekenntnis sie annehmen wollten. Die Mitglieder der 17 Zünfte, die Patrizier und weitere Bürgergruppen sprachen sich für das neue Bekenntnis aus. Damit war der Rat der Stadt offiziell verpflichtet, die Reformation einzuführen. Die Akte mit den Abstimmungsergebnissen  im Magazin des Stadtarchivs, Weinhof 15 ist etwa fünf Zentimeter dick.

Nach dem Bürgerentscheid 1530 berief der Rat der Stadt drei auswärtige Theologen, die Reformation einzuführen. Konrad Sam wurde für diese Aufgabe als nicht tauglich befunden. So kamen Martin Bucer aus Straßburg, Johannes Oekolampad aus Basel und Ambrosius Blarer aus Konstanz. Bucer schrieb eine Kirchenordnung, die katholische Messe wurde abgeschafft. Am 16. Juli 1531 feierte man die erste evangelische Abendmahlsfeier, im Herbst vertrieb man Dominikaner und Franziskaner. Der Deutsche Orden wurde verboten, das Münster und sein Turm nicht mehr weitergebaut, letzteres auch aus finanziellen Gründen.

Obwohl der Rat der Stadt es verhindern wollte, hatte die Reformation auch in Ulm einen Bildersturm zur Folge. Allerdings konnte der Rat noch durchsetzen, dass die Familien, die Altäre oder Bilder gestiftet hatten, „ihre“ Kunstwerke abholen konnten. Was zum Beispiel die Neithardts taten. Viele andere Altäre, Skulpturen und Gemälde wurden vernichtet, weil sie dem Geschmack der Zeit nicht mehr entsprachen. Als Ulm ein paar Jahre später kurzzeitig wieder katholisch wurde, kamen die noch erhaltenen Kunstwerke wieder ins Münster zurück. Auch heute noch kann man diese Kunstwerke in der Neithardtkapelle sehen; Bernhard Besserer wurde in der Hauskapelle seiner Familie im Münster beigesetzt. Im Ulmer Museum ist sein Porträt zu sehen. Im Münster wird auch an Konrad Sam erinnert: Die alte Sakristei im Erdgeschoss des Südturms ist heute die Konrad-Sam-Kapelle. Bucer, Oekolampad und Blarer sind als Gemälde im Münster zu sehen.

Als Konrad Sam 1533 starb, wurde Martin Frecht der führende evangelische Geistliche in Ulm. Er lebte im ständigen Konflikt mit dem Ratsherrlichen Kirchenregiment, das teilweise die Aufgaben eines Bischofs übernommen hatte. Die zuständigen Ratsherren saßen im heutigen Münsterpfarramt, Münsterplatz 21. Frecht konnte kaum Entscheidungen ohne das Kirchenregiment treffen. Aber das war nicht seine einzige Herausforderung: Innerhalb der Protestanten gab es viele unterschiedliche Strömungen. Neben Lutheranern und Zwingli-Anhängern waren da noch die (Wieder-)Täufer und die Spiritualisten. Kaspar von Schwenckfeld war Haupt-Vertreter dieser Richtung. Er lehrte, dass es nur auf Gottes Geist ankomme; die Bibel war für ihn ein neuer Papst – aus Papier. Von Schwenckfeld hatte zahlreiche Anhänger in Patrizierkreisen, nicht zuletzt Bernhard Besserer, den Bürgermeister. Der Spiritualist Sebastian Franck trat zeitgleich mit von Schwenckfeld auf und verbreitete Schriften. Die Versuche Frechts, sich theologisch mit den vielen Gruppen zu einigen, scheiterten. Franck und von Schwenckfeld mussten 1538/39 die Stadt verlassen.

Doch gerade von Schwenckfeld war danach immer wieder in Ulm. Er übernachtete oft im Haus der Patrizierfamilie Streicher in der Langen Straße 10 und wurde hier begraben. Untersucht wird, ob er später exhumiert und woanders beigesetzt wurde.

Historikerin Gudrun Litz findet es faszinierend, dass zu Beginn der Reformation in Ulm sehr viele unterschiedliche Glaubensrichtungen verbreitet waren. Weil das noch nicht untersucht ist, läuft dazu im Herbst ein Forschungsprojekt an.

Martin Frecht legte die Grundlagen für das Luthertum in Ulm. Konrad Sam hatte vor allem den Zwinglianismus befördert. Besonders in der Abendmahlsfrage waren sich Lutheraner und Zwinglianer nicht eins. Martin Bucer hatte die Annäherung der beiden Lager befördert mit der Wittenberger Konkordie. Frecht setzte diese um.

Doch die politische Großwetterlage änderte sich erneut: Kaiser Karl V. begann 1546 einen Krieg gegen den Schmalkaldischen Bund, dem auch Ulm angehörte. Kaiserliche Truppen standen auf Ulmer Gebiet. Der Rat ließ die Bürger erneut darüber abstimmen, ob sie protestantisch bleiben wollten. Sie wollten. Doch Karl V. führte 1548 die katholische Messe wieder ein. Martin Frecht leistete Widerstand – und wurde wie seine Amtsbrüder Jakob Spieß, Martin Rauber und Georg Fieß festgenommen, in Ketten durch die Stadt geführt und ins Gefängnis gesteckt. Das Augustinerchorherrenstift St. Michael zu den Wengen wurde restituiert und dem Deutschen Orden die Religionsausübung wieder erlaubt. Der Schwörbrief von 1397, der das Abstimmungsrecht der Bürger festlegte, wurde abgesetzt.

Wenige Jahre später wendet sich die Geschichte erneut: Karl V. dankt 1555 ab, der Augsburger Religionsfrieden tritt in Kraft und erkennt die lutherische Lehre an. 1556 berief man Ludwig Rabus nach Ulm, damit er das Kirchenwesen neu ordnete. Sein Bild ist im Münster zu finden. Rabus orientierte sich an Johannes Brenz und der württembergischen Kirchenordnung. Rabus war bei Visitationen dabei und verdrängte vom Luthertum abweichende Richtungen fast vollständig. 1577 unterschrieb er die Formula Concordiae, eine zum Bekenntnisbuch des Luthertums zählende Konkordienschrift. Ende des 16. Jahrhunderts war Ulm lutherische Reichsstadt.