Christliche Themen für jede Altersgruppe

Tief atmen beim Gedenken

BIBERACH – Der Beginn des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren ist für Pfarrerin Andrea Luiking ein Grund, einen Gottesdienst zu gestalten. Das Bibelwort „Richte unsere Füße auf den Weg des Friedens“ hatte vor 100 Jahren niemand hören wollen.  


Tief atmen und gedenken: Reinhold Adler, Pfarrerin Andrea Luiking, und Wolfgang Horstmann wirkten mit am Gottesdienst. (Foto: Inge Veil-Köberle)

Ein Gottesdienst, der zum Hören, Sehen und Mitsingen einlädt. Zweimal hat ihn Andrea Luiking gefeiert: in Biberach und in Ummendorf, wo sie selbst Pfarrerin ist. Ein Schlüsselsatz: „Erinnerung ist flaches Atmen, Gedenken atmet tief.“ Die Zitate wurden von Sprechern vorgetragen und sollten Bilder im Kopf erzeugen.

Sätze aus dem Manifest des Jungdeutschland-Bundes, dem Dachverband zur Wehrerziehung im Deutschen Reich aus dem Jahre 1911, lauteten so: „Jungdeutschland soll wehrhaft und wahrhaft sein. Es fürchtet Gott und sonst nichts auf der Welt“. Oder eine Passage, die von Kirchengemeinderat Wolfgang Horstmann gesprochen wurde: „Still und tief im deutschen Herzen muss die Freude am Krieg und ein Sehnen nach ihm leben, weil wir der Feinde genug haben und der Sieg nur einem Volke wird, das mit Sang und Klang zum Krieg wie zu einem Feste geht.“

Diese Sätze hörten sich in der Stille des Kirchenraumes an wie eine Kriegserklärung, und es wurde aufgeregt gemurmelt in den Sitzreihen. Die Zitate berühren, gehen in die Tiefe. Dazwischen spielten Sabine Götze an der Orgel und Manuela Stolz auf der Oboe. Die Musik spiegelte die Unruhe und die Aufbruchsstimmung wieder. Erinnerung ist flaches Atmen, Gedenken geht tief. Und der Klang der Oboe unterstrich musikalisch dieses tiefe Atmen, das Gedenken daran, wie sich das Volk der Katastrophe näherte.

Der Alltag schien im Deutschen Kaiserreich vor über 100 Jahren militarisiert zu sein: Auf Leinwand wurde ein Bild projiziert, auf dem ein Kind in Uniform, freudestrahlend zusammen mit seinem Vater, ebenfalls in Uniform ,abgebildet waren. Der Vater wurde in den Soldatendienst berufen.

Reinhold Adler aus Fischbach, einer Teilgemeinde von Ummendorf, hatte den Gottesdienst mit vorbereitet. Als Historiker geht der pensionierte Lehrer der Frage nach, wie sich die Geschichte auf die Gegenwart auswirkt. Pfarrerin Luiking war es wichtig, dass die recherchierten und ausgewählten Zitate in die Liturgie des Gottesdienstes einfließen können. „Es sollte keine Bildungsveranstaltung werden, aber auch keine Ansammlung von Zitaten“, erklärt sie dieses ungewöhnliche Gottesdiensterlebnis.

Am 28. Juni 1914 wurde der österreichische Thronfolger in Sarajewo ermordet. Während der deutsche Kaiser Wilhelm II. für den Krieg appelliert mit den Worten „Mit den Serben muss aufgeräumt werden, und zwar bald. Jetzt oder nie!“, gibt es ebenso kritische Stimmen. Eine Frau erahnte den Krieg und schrieb: Wie schrecklich es wäre, einen Sohn zu haben mit zwanzig, der in den Krieg muss.

Wie ein Nachrichtenticker wurden die Daten der Mobilisierung der Länder zum Krieg in Erinnerung gebracht. Wie schnell hatte sich doch in wenigen Tagen die Situation hochgeschaukelt. In Deutschland wurde das Volk am 1. August informiert und vor dem Berliner Schloss wurde dann das Lied „Nun danket alle Gott“ angestimmt.

„Der Krieg fällt nicht vom Himmel“, mahnt die Pfarrerin. In ihrer Predigt sprach sie auch die Mitwirkung der Kirche an. „Wie genoss die Kirche ihre Bedeutung für das Volk, und wie schnell wurde das verdreht, was uns das Christentum lehrt.“ Es sei nur noch von Feinden gesprochen worden. Das Zitat aus einer Biberacher evangelischen Kriegspredigt lautete: „Welch wunderbarer Meister ist doch der Krieg! Was Menschen nicht vermocht mit allem ihrem Bedacht und Fleiß, das hat der Krieg wie durch einen Zauberschlag erreicht: die innere Einigung Deutschlands.“

Die evangelische wie auch die katholische Kirche seien blind gewesen, so wie das Volk auch. Die Blindheit müsse benannt werden. Die Augen seien verschlossen gewesen vor dem, was der Krieg bewirke. Es seien neue Waffen eingesetzt und das Heil in der Vernichtung gesucht worden. Verblendet: In ihrer Predigt weist die Pfarrerin auf die Geschichte in der Bibel vom blinden Bettler Bartimäus. „Jesus heilte die Blindheit von Bartimäus, allerdings nicht wegen seines Leidens sondern wegen seines Glaubens“, sagt Luiking.

Aus den Aufzeichnungen eines Oberlehrers war zu hören, wie junge Frauen, deren Männer schon am ersten Tag der Mobilmachung einrücken mussten, laut klagend und jammernd am Marktbrunnen in Biberach standen, daneben schauten die Kinder verängstigt drein. Die ersten Toten im Ort waren zwischen 21 und 30 Jahre alt. Insgesamt starb im Ersten Weltkrieg alle 15 Sekunden ein Soldat.

Luiking rief dazu auf, zu prüfen: „Was würde Jesus sagen? Das Bibelwort: „Richte unsere Füße auf den Weg des Friedens“ solle tief verankert sein. In den Fürbitten wurde an die Friedenserfahrungen nach 1945, an die Betroffenen der heutigen Kriege gedacht. Denn der Krieg fällt nicht vom Himmel.

Information

In der Versöhnungskirche in Ummendorf wurde zudem die Ausstellung „Diktatur und Demokratie im Zeitalter der Extreme. Streiflichter auf die Geschichte Europas im 20. Jahrhundert“ eröffnet. Generationsübergreifend können 100 Jahre europäische Geschichte dank Smartphone gehört und auf über 190 Fotos angeschaut werden. Die Ausstellung wird vom Institut für Zeitgeschichte, Deutschlandradio Kultur und der Bundesstiftung Aufarbeitung herausgegeben.
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