Christliche Themen für jede Altersgruppe

Unterdrückung aus Tradition

WILHELMSDORF (Dekanat Ravensburg) – „Du bist und bleibst im Regen“ heißt ein neues Heimkinderbuch. Eine Historikerin und eine Journalistin geben darin Einblick in vier diakonische Heime in Oberschwaben in den 1950er- bis 70er-Jahren.


Die Idylle von Wilhemsdorf, dem Hauptsitz der Zieglerschen. Die Einrichtung ist jetzt einem schmerzlichen Kapitel in der Heimerziehung nachgegangen. (Foto: Matthias Lohse/pixelio)

Es ist eine Geschichte der Überforderung und Verkrustung, die die Stuttgarter Historikerin Inga Bing-von Häfen und die Berliner Journalistin Nadja Klinger zusammengetragen haben für das Heimkinder-Buch „Du bist und bleibst im Regen“. Aber auch eine mit Hoffnung, weil starke Persönlichkeiten dazu beigetragen haben, dass die Zukunft der Heimerziehung besser wurde.

Die Historikerin Bing-von Häfen hat verfügbare Quellen sorgfältig zusammengetragen. Daraus zeigt sie auf, wie in der frühen Zeit der Bundesrepublik materielle Not, Personalmangel und das Festhalten an längst überholten Erziehungsgrundsätzen zur Katastrophe für Heimkinder werden konnte.

So belegt die Autorin, dass die Anfang der 1960er-Jahre gerade erst installierten Jugendämter ihren Aufgaben kaum gerecht werden konnten. Notdürftig kümmerten sie sich um die Heime, aus denen bereits Beschwerden vorlagen oder wo Bauprojekte anstanden. „Die Bemühungen um Stärkung der Heimaufsicht waren nicht selten unmittelbare Reaktionen auf aufsehenerregende Presseveröffentlichungen über Fälle von Kindesmisshandlungen in Heimen“, schreibt Bing-von Häfen.

Die Historikerin erschließt mit einem Exkurs ins 19. Jahrhundert auch, in welcher Tradition Unterdrückung und Gewalt in Heimen stand. Basis des Erziehungskonzepts war eine „bedingungslose Erziehung der Kinder zur Gottesfurcht“. Wobei Furcht durchaus wörtlich verstanden wurde und sich der Heimleiter nicht selten als Gottes Statthalter verstand. Dazu kam eine „äußere Disziplinierung, die die Kinder zu treuen Untertanen des Staates machen sollte“.

Die Biografien, die Nadja Klinger beiträgt, lassen die Theorie plastisch werden. Uwe Spannagel ist eines jener ehemaligen Heimkinder. Er ist Arzt geworden mit zusätzlicher sozialpädagogischer Ausbildung. Er wollte „Kindern hilfreicher werden als Erwachsene es für ihn waren“.

Seine nur eineinhalb Jahre im Martinshaus Kleintobel sind dokumentiert in seinem Tagebuch. Es ist eine Zeit voll Schrecken und Mut. Der 14-Jährige muss sich 1970 auf die Menschenrechte berufen, die ihm im Martinshaus genommen werden. Er ist schon zwei Jahre wieder weg, als andere Jungen dort Flugblätter werfen: „Wussten Sie schon, dass es christliche Internate gibt, in denen Schüler von Erziehern zusammengeschlagen werden?“

Auch sexuellen Missbrauch hat es gegeben. Die Autorinnen benennen dies und schreiben: „Einschränkend muss jedoch angemerkt werden, dass die schriftlichen Quellen keineswegs vollständig sein müssen und dass Betroffene und andere Zeitzeugen sich unter Umständen nicht zu vergangenem Leid äußern möchten.“

Das Heimkinder-Buch wurde initiiert von der diakonischen Einrichtung „Die Zieglerschen“. Sie war Träger oder ist Nachfolgeträger des ehemaligen Heilerziehungsheims in Wilhelmsdorf, des früheren Martinshauses Altshausen, des Martinshauses Kleintobel in Berg bei Ravensburg und des Waisenhauses Siloah in Eglofstal beziehungsweise Isny.

„Natürlich war es ein Wagnis, die Archive aus den 1950er-, 60er- und 70er-Jahren zu öffnen und genauer hinzusehen“, schreibt der Vorstandsvorsitzende Harald Rau im Nachwort. „Was uns erwartete, wussten wir nicht. Aber dass bei uns alles ganz anders gewesen sein sollte, war unwahrscheinlich. Wie viel Unrecht, Versagen oder Schuld würden wir finden?“

Auf das Buchprojekt ist er stolz. Die Dokumentation ist ein Schlüssel geworden zum Verstehen der Opfer und der Täter – und sie gibt den Opfern Würde zurück. Denn nicht alle haben sich diese wie Spannagel durch eigene Stärke oder die Unterstützung ihres Umfeldes erhalten können.

„Das Buch wagt es, Widersprüche zwischen Akteninhalten und Erinnerungen aufzunehmen. Es hinterfragt Ereignisse, es zwingt uns dazu, auszuhalten, dass es mehr als eine oder auch überhaupt keine Erklärung gibt für das, was geschehen ist“, resümiert Vorstandvorsitzender Harald Rau und fügt hinzu: „Es ist jetzt Gewissheit, dass auch Menschen in den Einrichtungen der Zieglerschen schlimmsten Übergriffen ausgesetzt waren. Hätten wir versucht, dies zu verschweigen, hätten wir uns ihnen gegenüber ein zweites Mal schuldig gemacht“, stellt er sachlich fest.

Im Internet: www.zieglersche.de | www.wichern.de/books.php

Buch-Tipp

Inga Bing von Häfen, Nadja Klinger: Du bist und bleibst im Regen – Heimerziehung in der Diakonie in den 50er bis 70er Jahren in Oberschwaben.

Wichern-Verlag 2014,
239 Seiten, 14,95 Euro,
ISBN 978-3-88981-364-0

Inga Bing-von Häfen ist im Landeskirchlichen Archiv Stuttgart zuständig für die Archive der Diakonie. Nadja Klinger lebt als freie Autorin in Berlin.

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