Christliche Themen für jede Altersgruppe

Vorfahrt für den Nahverkehr - Verpflichtendes Nahverkehrsticket

RAVENSBURG – Der Pfarrer und Sozialpädagoge Stefan Brückner hat ein Konzept zur dringend anstehenden Verkehrswende entwickelt. Im Zentrum seiner Ideen steht ein verpflichtendes Nahverkehrsticket. Seine Vorschläge hat er auch schon Politikern unterbreitet.

Stefan Brückner. Sozialpädagoge. Foto: Martina Kruska„Wann brauche ich ein Auto? Es gibt für die meisten Wege den Bus.“ Dieses Denken will Stefan Brückner (auf dem Bild beim Einsteigen) etablieren. Foto: Martina Kruska

Für Stefan Brückner, 1954 in Schmidsfelden bei Leutkirch geboren, gehörten schon immer Theologie, Glaube, Kirche und Gesellschaft zusammen. Nicht ohne Grund wandte er sich nach Abschluss seines Theologiestudiums in Tübingen und Kiel dem Studium der Sozialpädagogik zu. Immer schaute er über den Tellerrand hinaus, ob während seines Vikariats in Reutlingen, als „Pfarrverweser“ in Raidwangen bei Nürtingen oder während seiner Arbeit an verschiedenen Stationen als „ständiger“ Pfarrer.

Während seiner 16-jährigen Pfarrtätigkeit an der Evangelischen Kirche in Mochenwangen (1991 bis 2007) ließ Brückner 2001 das Dach des Gemeindehauses mit Photovoltaik-Modulen ausstatten. Mit dem im selben Jahr beschlossenen Öko-Audit zeigte die Gemeinde, wie wichtig ihr die kontinuierliche, aber aufwendige Verbesserung der Ökobilanzen war. 2002 verfasste der Kirchengemeinderat eine Umwelterklärung, in der der Weg von der Theologie zu den Umwelt-Leitlinien der Gemeinde aufgezeigt wird. Der Hauptgedanke: „Gott hat die Welt erschaffen und sie uns Menschen als Grundlage unseres Lebens anvertraut, damit wir sie bewahren.“ Darunter werden sechs Leitsätze aufgeführt. Der erste lautet: „Deshalb achten und schützen wir Pflanzen, Tiere und Menschen und ihre Lebensräume.“ Der letzte: „Wir gehen davon aus, Umweltschutz macht sich bezahlt“.

Die Verbindung von theologischer Arbeit mit dem Engagement in gesellschaftspolitischen Entwicklungen und im Gemeinwesen blieb für Brückner auch während seiner mehrjährigen Tätigkeit an der Evangelischen Akademie Bad Boll richtungsweisend: Er bildete dort Vikarinnen und Vikare im Fach „Gesellschaftsdiakonie“ aus und war Teil des Teams „Akademie für Führung und Verantwortung“. Dessen Schwerpunkt lag in der Stärkung zivilgesellschaftlicher Haltungen wie Zivilcourage oder Demokratieförderung.

Auch an seiner letzten Pfarrstelle in Eschach von 2013 bis 2019 blieb er seiner Devise treu: „Was ich theologisch vertrete, muss in Handlungsformen münden.“ So wurde der Gemeinde aufgrund ihres Engagements „Fair – Nachhaltig – Ökumenisch“ das Siegel „Faire Gemeinde“ von der Diakonie Württemberg verliehen. Dabei spielen auch der regionale Einkauf sowie die konsequente Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel eine Rolle.

Eine Regionalbahn am Bodensee. Brückner setzt sich für eine einfachere Bahnnutzung ein. Foto: adobe stock/ Jürgen FälchleEine Regionalbahn am Bodensee. Brückner setzt sich für eine einfachere Bahnnutzung ein. Foto: adobe stock/ Jürgen Fälchle

Es ist nicht verwunderlich, dass sich Stefan Brückner nach seiner Pensionierung dem Thema „Stärkung des Öffentlichen Nahverkehrs“ zuwandte. Sein Ziel ist ein Umdenken der Menschen. Das schädliche Motto „Was brauche ich einen Bus? Ich habe doch ein Auto!“ möchte er umkehren in das Motto „Wann brauche ich ein Auto? Es gibt doch für die meisten meiner Wege den Bus!“ Die dazu benötigten Schritte (siehe Kasten) hat Brückner sowohl verschiedenen Landes- und Bundespolitikern als auch ausgewählten Print-Medien mitgeteilt.

„Klar wird das erstmal einen Aufschrei unter den Autofahrern geben“, sagt Brückner. „Aber bei einem Steuer-Aufschlag von 20 Cent pro Liter Benzin wäre er sicher größer!“ Zwei Argumente hat er parat. „Erstens: Wer ein Kraftfahrzeug be-sitzt, bringt damit zum Ausdruck, dass er oder sie mobil sein will. In der dringend notwendigen Verkehrswende wird klargestellt, dass die individuelle Mobilität natürlich weiterhin sinnvoll bleibt, dass sie jedoch kein Grund mehr sein darf, sich aus der Beteiligung am Öffentlichen Nahverkehr herauszuhalten. Zweitens: Das ‚verordnete‘ Jahresticket ist für Kfz-Nutzer immer ein Gewinn, denn es erschließt neben einer eigenen sinnvollen Kfz-Nutzung den kompletten Öffentlichen Nahverkehr und spart damit Treibstoff- und Abnutzungskosten des Kfz ein.“ Für Menschen mit Behinderung oder Kfz-Besitzer, die in ihrem Wohnort keine gute Anbindung an den Nahverkehr haben, sollten Sonderregelungen gefunden werden.

Ticket als Gewinn für alle

Brückner ist es ernst mit der Verkehrswende. In seinen Schreiben bittet er die Politiker, seine Überlegungen mit in Expertendiskussionen aufzunehmen und weiterzuentwickeln. Das Ziel, die Gesellschaft klimaneutraler zu gestalten und die Schöpfung auch für nachkommende Generationen zu erhalten, gelte es, mit aller Macht zu verfolgen.

Der FDP-Abgeordnete Benjamin Strasser hat als einziger auf Brückners Schreiben geantwortet. Die anderen angeschriebenen Politiker oder Medienvertreter reagierten – wenn überhaupt – mit formalisierten Antwortschreiben. Dass Brückners Ideen von den entsprechenden Gremien aufgenommen und weiterentwickelt werden, zeichnet sich derzeit noch nicht ab.

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Brückners Vorschläge

■ Konsequent betriebener, kostenaufwendiger Ausbau des Öffentlichen Nahverkehrs.


■ Einführung eines 365-Euro-Tickets für die bundesweite ÖPNV-Nutzung als kundenfreundliches Modell, das alle umständlichen Ticketbuchungen ersetzt. Für Schüler, Azubis, Studierende und weitere Zielgruppen könnte es entsprechende Ermäßigungen geben.


■ Erschließung neuer Finanzquellen. Es reicht nicht aus, das 365-Euro-Ticket oder andere ver-billigte Tickets anzubieten, ohne dass Autofahrer dazu motiviert werden, auf Bus und Bahn umzusteigen. Das kann durch einen „Win-Win-Effekt“ geschehen: Mit jedem privat angemeldeten Kfz wird die Verpflichtung zum 365-Euro-Ticket fällig. Für den Ausbau des ÖPNV ermöglicht dieses Verfahren etliche Milliarden Euro jährlich, die fest eingeplant werden können. Für den Kfz-Besitzer spart es Fahrtkosten ein, wenn anlassbezogen umgestiegen werden kann.