Direkt zum Inhalt
Altersdiskriminierung

Wenn alte Menschen sich ausgeschlossen fühlen

Soziologe Reimer Gronemeyer erklärt, wie und warum alte Menschen im öffentlichen Leben diskriminiert werden und was sie dagegen tun können. Von Franciska Bohl

Eine ältere Frau mit weißen Haaren sitzt auf einer Schaukel, hat Kopfhörer in den Ohren und ein Smartphone in der rechten Hand.
Unsplash+/Curated Lifestyle
Nicht jeder Mensch ist mit dem Smartphone noch so fit wie diese Dame (Symbolbild).
Reimer Gronemeyer ist Theologe und Soziologe und forscht zur Altersdiskriminierung
Pressebild/Pietro Sutera
Reimer Gronemeyer ist Theologe und Soziologe und forscht zur Altersdiskriminierung

Herr Gronemeyer, was für ein Bild von alten Menschen wird heute gezeichnet?

Reimer Gronemeyer: Ich empfinde die Gesellschaft als nicht gerade altenfreundlich. Alte Menschen mögen vielleicht noch einigermaßen gut versorgt sein – aber auch das trifft nicht auf alle Rentner zu. Ansonsten lautet oft die Devise, dass das Alte etwas ist, was wegmuss. Unsere Ururgroßeltern haben noch in einer Gesellschaft gelebt, in der die Älteren gebraucht wurden, weil sie über ein Wissen verfügen, das Jüngere nicht haben. Wir leben in einer Gesellschaft, die innovations- und fortschrittsbesessen ist.

Gibt es konkrete Situationen, in denen Sie sich aufgrund Ihres Alters entmündigt oder diskriminiert gefühlt haben?

Reimer Gronemeyer: Das ist vielleicht etwas zu hart ausgedrückt, aber ich erlebe, dass ich ständig mit dem „noch“ konfrontiert werde: Sie reisen noch nach Afrika? Sie halten noch Vorträge? Dieses „noch“ ist ein Zeichen dafür, dass wir sehr jugendorientiert sind. Es führt dazu, dass von den Alten nichts mehr erwartet wird. Sie sollen ihre Reisen machen, aber sie werden nicht mehr als diejenigen wahrgenommen, die Schätze der Erfahrung und Weisheit in sich tragen.

Modernisierungsprozesse mitzutragen, erfordert Offenheit, Flexibilität und geistige Fitness im Alter. Wie kommen ältere Menschen Ihrem Eindruck nach mit der zunehmenden Digitalisierung klar?

Reimer Gronemeyer: Aus meiner Sicht wird heute eine wachsende Zahl der Alten vom öffentlichen Leben ausgeschlossen. Man kann heute quasi kein Bahnticket mehr lösen, wenn man es nicht online und per Smartphone bestellt, es gibt nur noch wenige öffentliche Ticketcenter. Es herrscht ein Modernisierungszwang vor, und wer den nicht mitmachen kann, ist außen vor. Es müsste aber auch einen Schutz für diejenigen geben, die damit überfordert oder nicht so vertraut sind. Ich habe in letzter Zeit viele Interviews mit alten Menschen geführt. Viele von ihnen sagen, dass all das, worin sie gewohnt haben, verschwindet: die Kirchengemeinde, die vertrauten Straßen mit ihren Geschäften. Da werden Lebenswelten zerstört. Das unter dem Begriff „Modernisierungsprozess“ zu verharmlosen, trifft es nicht.

Kann etwa ein Gottesdienst, der auch digital übertragen wird, nicht die Zugehörigkeit zur Gemeinde verstärken – gerade bei Menschen, die nicht mehr selbst vor Ort in die Kirche kommen können?

Zur Person:

Reimer Gronemeyer, Jahrgang 1939, war als promovierter Theologe zunächst Pfarrer in Hamburg, bevor er sich der Soziologie zuwandte. 1975 übernahm er eine Professur für Soziologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Er beschäftigt sich mit der alternden Gesellschaft, Altersdiskriminierung und Demenz.

Reimer Gronemeyer: Die christliche Gemeinschaft lebt davon, dass man sich von Angesicht zu Angesicht, von Mensch zu Mensch begegnet. Da kann der digitale Zugang nur eine Art Krücke sein. Es geht um das Brot, das man bricht, den Wein, den man gemeinsam trinkt. Ich war ja selber Pfarrer und glaube, dass die Kirche einen großen Fehler macht, indem sie jedem Modernisierungsprozess nachläuft, anstatt auf den Glaubensbruder und die -schwester zu schauen, die in diesem Prozess zurückgelassen wurden. Als Christen dürfen wir die Schwachen und Verlassenen, den eigenen Nachbarn nicht aus den Augen verlieren.

Sie warnen ältere Menschen davor, in die Opferrolle zu fallen. Was können sie selbst tun, um der Altersdiskriminierung entgegenzuwirken?

Reimer Gronemeyer: Wir müssen aufhören zu jammern und raus aus der Haltung, uns als hilfebedürftiges Mängelwesen zu verstehen. Das Alter hat auch unglaublich schöne Seiten, mit einer Empfindungstiefe und einer besonderen Erfahrung. Diese gilt es, wahrzunehmen und zu verteidigen. Wir Alten müssen uns miteinander verbünden. Ich kenne eine Frau in Hamburg, die hat sich mit sieben Frauen über 70 zusammengetan. Sie treffen sich regelmäßig und tauschen sich über ihre Lage, auch über ihre Einsamkeit aus. Sie haben versprochen, sich gegenseitig zu stützen und zu helfen, solange es geht. Solche Lebensformen brauchen wir.

Was bedeutet für Sie also das vielzitierte „Altern in Würde“?

Reimer Gronemeyer: Der Begriff riecht ein bisschen nach Mottenpulver. Da sehe ich mich auf einer Bank mit Stock sitzen und einen Aperitif trinken. Wir müssen dem Begriff seine ursprüngliche Kraft zurückgeben. Eigentlich ist Würde das, was Gott einem schenkt. Also keine Verhaltensweise, die an uns klebt, sondern etwas, das uns zusteht. Immer mit dem Blick auf den anderen. Das Alter birgt die Gefahr, dass man sich nur noch als Fordernder und Hilfsbedürftiger sieht, anstatt zu entdecken, was ich für den anderen sein kann – auch auf dem Pflegebett.

Das ungekürzte Interview lesen Sie in der Ausgabe 26 (2025) im Gemeindeblatt. Diese ist hier als ePaper erhältlich.