Die Geschichte des Evangelischen Gemeindeblatts für Württemberg

 

Am 1. Oktober 1905 erschien die erste Ausgabe des Evangelischen Gemeindeblatts. Vier Seiten hatte es damals, das Jahresabonnement kostete eine Mark. Daraus ist, gerechnet nach verkaufter Auflage, die  größte evangelische Kirchengebietszeitung in Deutschland geworden. Mit einer wechselvollen Geschichte und einer illustren Runde von Chefredakteuren, zu denen sogar der spätere Landesbischof Theophil Wurm gehörte.

Schon seit Jahren besteht in kirchlichen Kreisen unserer Stadt der lebhafte Wunsch nach einem besonderen evangelischen Gemeindeblatt, in welchem Fragen des kirchlichen Lebens eine eingehendere Behandlung erfahren könnten.

Mit diesen Worten eröffnete das „Evangelische Gemeindeblatt für Stuttgart“ vor rund 120 Jahren seine Berichterstattung. „Evangelisches Gemeindeblatt für Stuttgart“: So hieß die neue Kirchenzeitung zunächst, denn es sollte noch ein Weilchen dauern, bis sich andere Gemeinden außerhalb der Hauptstadt  anschlossen und daraus  schließlich ein Evangelisches  Gemeindeblattgemeinde für ganz Württemberg wurde.

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Die erste Ausgabe des Evangelischen Gemeindeblattes von 1905.

Vier Seiten, eine Mark im Jahresabo

Entstanden war die neue Zeitung aus der Schriftenmission der Evangelischen Gesellschaft in Stuttgart. Die war 1830 als Traktat-Verein gegründet worden und entwickelte sich im Zuge der kirchlichen Sozialbewegung rund um den Hamburger Pastor Johann Hinrich Wichern bald zu einem wichtigen Standbein der Innere Mission in Deutschland.

Innere Mission: So hieß anfangs die Diakonie. Und dieser diakonische Träger leistete sich eben auch eine Kirchenzeitung, die im Gründungsjahr  ganze vier Seiten hatte  und eine Mark im Abonnement kostete.

Der erste Schriftleiter, wie die Chefredakteure bis in die 1970er-Jahre hießen, war Pfarrer Ernst Kalb. Er lobte in der Ausgabe vom 1. Oktober 1905 seine „bewährten Mitarbeiter“, die er in Wahrheit erst finden musste. Das Gemeindeblatt der Anfangszeit war eine One-Man-Show, die erst allmählich zu wachsen begann.

Eine Kirchenzeitung für die Basis

Nach drei Jahren hatten sich immerhin schon 175 Gemeinden angeschlossen, denn um die ging es von Anfang an: Keine erbauliche Sonntagszeitung wie die das schon viel ältere „Stuttgarter Evangelische Sonntagsblatt“ wollte man sein, sondern eine geistliche Informationsschrift für die Basis.

Das Stuttgarter Sonntagsblatt sollte dann viel später noch einmal eine Rolle spielen: 1972 wurde es nämlich dem Evangelischen Gemeindeblatt für Württemberg zugeschlagen, mit einem erfreulichen Zugewinn an Auflage. Noch heute kann man deshalb auf der Titelseite des Evangelischen Gemeindeblatts auch den kleinen Schriftzug „Stuttgarter Evangelisches Sonntagsblatt“ erkennen.

Das Gemeindeblatt entwickelte sich zunächst auch so ganz prächtig. Spätestens unter Pfarrer August Hinderer, Schriftleiter von 1908 bis 1918, kamen nun auch soziale Probleme, Erziehungsthemen  und politische Fragen zur Sprache. Zuvor hatte es einen Schriftleiter gegeben, der aufgrund seiner kurzen Verweildauer von nur einem Jahr (1907-1908) zwar nicht das Gemeindeblatt prägte, wohl aber später die Landeskirche: Auch Theophil Wurm, Landesbischof von 1929 bis 1948, gehörte als junger Pfarrer zu denen, die an der Spitze der neuen Kirchengebietszeitung standen.

Theophil Wurm
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Theophil Wurm schrieb für das Evangelische Gemeindeblatt.

Selbst Bischof Wurm war Schriftleiter

Wurm musste die Landeskirche durch die schwierige Zeit des Nationalsozialismus lavieren. Das Gemeindeblatt blieb dabei irgendwann auf der Strecke. Schon 1939 wurde die Zeitung  wieder auf vier Seiten zurückgestutzt und 1941 ganz eingestellt: Angeblich wegen Papiermangels, doch der wahre Grund war wohl eher, dass man die kirchliche Verkündigung verbieten wollte.

So ging es erst nach dem Zweiten Weltkrieg weiter, nun mit ganz neuen Themen, die die Leser bewegten: Berichte über Israel und das Judentum gehörten dazu, ebenso wie über die Kriegsschäden und den Wiederaufbau der Kirchen.

Die Menschen suchten Erbauliches und fanden es im Gemeindeblatt. 1956 erreichte die württembergische Wochenzeitung die phänomenale Auflage von 225.000 Exemplaren: Zahlen, von denen man heute nur träumen kann.

Julius von Jan berichtet erstmals

Das gab dem Gemeindeblatt Relevanz, es wurde zum wichtigsten öffentlichen Forum der evangelischen Kirchenwelt in Württemberg. So brachte dort 1957 der bekannte Pfarrer Julius von Jan erstmals seine Geschichte zu Papier. Eine Geschichte des mutigen Widerstands am Buß- und Bettag 1938, als Fürsprecher der Juden hatte man ihn schwer misshandelt und ins Gefängnis gesteckt. Aus dem Gemeindeblatt erfuhren die Württemberger erstmals davon.

Es war zwischenzeitlich eine vielseitige Publikation mit einem Bild auf der Titelseite und weiteren Fotos im Innenteil. 1960 wurde dann der erste Titel in Farbe gedruckt, passend zur bunten Frühlingszeit am Pfingstsonntag.

Die neuen Themen der Zeit erfassten allmählich auch die Kirchenzeitung: Fernsehen, Verstädterung, Atomgefahr, Ehekrisen und Scheidungen. Die heile Wirtschaftswunderwelt bekam Risse und das spiegelte sich auch im kirchlichen Leben wieder, wo übrigens noch immer ausschließlich die Männer das Sagen hatten: Erst 1968 wurde in Württemberg die erste Pfarrerin ordiniert.

Ausschnitt aus dem Evangelischen Gemeindeblatt
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Bei der Redaktionskonferenz 1952

Frauen spielten lange keine Rolle

Leitende Positionen sollten Frauen aber noch lange nicht haben, auch nicht im Gemeindeblatt: Hier gab es bis 2003 nur Chefredakteure. Der erste, der ganz offiziell auch so hieß (und nicht mehr Schriftleiter), war Pfarrer Kurt Rommel. 17 Jahre lang, von 1974 bis 1991, drückte er dem Gemeindeblatt seinen Stempel auf.

Dem agilen Jugendpfarrer und bekannten Liederdichter lag besonders viel am Kontakt mit den Lesern. So entstanden in seiner Zeit zwei Angebote, die bis heute Bestand haben: Die Leserreisen, die 1976 mit einer Familienfreizeit in Südtirol begannen und 1977 mit einer Reise nach Israel in ein umfassendes Angebot mündeten.

Die zweite Rommel-Idee waren die Wanderungen in die Kirchengeschichte: 1984 lud das Gemeindeblatt erstmals seine Leserinnen und Leser zu einem Ausflug aufs Land ein, mit Gottesdienst und Bewirtung und kulturellen Angeboten. Heute heißt die Aktion „Glaubensweg“, bei dem sich einmal pro Jahr die Leser an einem anderen Ort in Württemberg treffen.

Publizistische Professionalität zählt

Die Jahrtausendwende brachte dann auch beim Gemeindeblatt einschneidende Veränderungen mit sich: Mit dem Ausscheiden von Chefredakteur Andreas Rössler 2003 übernahm erstmals eine Frau die Leitung der Redaktion. Sie war zugleich auch die erste Führungsperson, die nicht mehr aus der Pfarrerschaft kam: Petra Ziegler war studierte Theologin und ausgebildete Journalistin.

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Die Chefredakteure und -redakteurin im Evangelischen Gemeindeblatt bis 2019.

Publizistische Professionalität sollte in einer sich rasant ändernden Medienwelt nun eine immer größere Rolle spielen. Auch das Evangelische Gemeindeblatt für Württemberg hat mit  Auflagenrückgängen zu kämpfen. Die Kirchenbindung schwindet und die Menschen lesen immer seltener eine gedruckte Zeitung.

Dennoch ist das Blatt nach verkaufter Auflage noch immer die größte evangelische Kirchengebietszeitung in Deutschland. Mit knapp 30.000 Abonnenten und einem Vielfachen an Leserinnen und Lesern bleibt die Relevanz hoch. Was im Gemeindeblatt steht, macht in kirchlichen Kreisen schnell die Runde.

Wichtiger Teil des Medienhauses

Seit 1. Januar 2019 ist das Evangelische Gemeindeblatt für Württemberg Teil des Evangelischen Medienhauses der Landeskirche. Ein Übergang von einem diakonischen Träger (Evangelische Gesellschaft) zu einem publizistischen Unternehmen, in dem das Gemeindeblatt die wichtige Rolle des Printproduktes übernimmt.

Die gedruckte Zeitung als Baustein eines Gesamtkonzeptes im engen Zusammenspiel mit anderen Informationsangeboten wie Radio, Fernsehen, Multimedia und Internet  – das ist das, worauf es heute ankommt. Das Gemeindeblatt bleibt dabei eigenständig, zugleich aber eingebettet in ein publizistisches Informationsangebot der Kirche, das auf der Höhe der Zeit ist.

Dafür sorgt seit 2019 mit Tobias Glawion  auch ein Chefredakteur, der allen Redaktionen des Medienhauses vorsteht. Das Gemeindeblatt, daran lässt er keinen Zweifel, ist für ihn ein unverzichtbarer Kernbestandteil eines publizistischen Angebots, das sich heute wie damals den Menschen in den Kirchengemeinden verpflichtet fühlt.

Im September 2023 ist die Redaktion des Gemeindeblattes mit den Redaktionen des Medienhauses in einen gemeinsamen Newsroom gezogen. 

von Andreas Steidel