Frau Kübler, wie definieren Sie Antisemitismus?
Agnes Kübler: Antisemitismus ist eine feindselige Haltung gegenüber allem, was jüdisch ist oder als jüdisch verstanden wird. Diese Haltung kann sich äußern in Sprache, Handlungen und Gewalt gegen Jüdinnen und Juden, jüdische Einrichtungen und alle diejenigen, die als solche verstanden werden.
Ist immer klar, was antisemitisch ist?
Agnes Kübler: Diese Frage wird oft gestellt, weil sich hier alle nach der absoluten Sicherheit sehnen und entlastet werden wollen im Sinne von: „Ach, das darf ich doch noch sagen.“ Vieles hängt vom Zusammenhang ab. Wenn ich jedoch eine Zeichnung habe von einem Schwein mit einem Davidstern oder das Wort „Mossad“ mit SS-Runen schreibe, ist das eindeutig antisemitisch.
Erleben Sie Antisemitismus innerhalb kirchlicher Gruppen?
Agnes Kübler: Ich persönlich erlebe keinen Antisemitismus, aber ich nehme ihn wahr. Ich bin ja Referentin für die Themen Rassismus und Antisemitismus, das sind gesamtgesellschaftliche Phänomene. Die EKD hat 2022 Kirchenmitglieder zu Nächstenliebe und Abgrenzung befragt und untersucht, wie sich Mitgliedschaft in einer Kirche und Religiosität auf Vorurteile und die Einstellung zur Demokratie auswirken. Die Studie zeigt, dass Kirchenmitglieder auch in ihren Vorurteilen ein Spiegelbild der Gesellschaft sind. Das heißt, wir finden auch unter ihnen die unterschiedlichen Spielarten von Antisemitismus. Weil ich auch dafür zuständig bin, Menschen das Thema näherzubringen und sie einzuladen, sich damit auseinanderzusetzen und vielleicht auch manchmal zu konfrontieren, nehme ich das natürlich wahr. Aber dieser ganz direkte, explizite Antisemitismus ist mir noch nie begegnet.
Wie ist es mit christlichem Antisemitismus?
Agnes Kübler: Davon sehe ich Spuren, auch in einigen Religionsbüchern. Denken Sie an das Bild des christlichen Stammbaums. Die Wurzeln sind das Judentum, die Krone ist das Christentum. Auf den ersten Blick ist das nicht antisemitisch, aber es hat implizite Aussagen, die durchaus problematisch sind und über die man diskutieren sollte. Was ist bei dem Baum oben, was ist unten? Wer bildet die Krone? Ist das Einzige, was aus dieser Wurzel gekommen ist, das Christentum? Oder gibt es nicht auch noch einen jüdischen Baum? Und einen muslimischen?
Sie geben Workshops. Kann ich mich auch bei Ihnen melden, wenn mir innerhalb der Kirche etwas als antisemitisch auffällt?
Agnes Kübler: Sie können sich dann gerne bei mir melden. Wir sprechen darüber und überlegen gemeinsam, was sinnvoll getan werden kann. Es geht nicht darum, den Konflikt schnell wieder loszuwerden, sondern darum, sich kontinuierlich damit auseinanderzusetzen. Wir werden das nicht mit einer Veranstaltung lösen.
Wo beschäftigen Sie sich mit dem Thema?
Agnes Kübler: Mit Antisemitismus beschäftigen wir uns in der Breite der Landeskirche. Er ist ein Thema in der Erwachsenenbildung, in der Ausbildung der Lehrkräfte, im Theologiestudium, aber auch bei der Ausbildung von Diakoninnen und Diakonen.
Lässt sich der Antisemitismus besiegen?
Agnes Kübler: Den Wunsch habe ich natürlich auch. Aber es gibt in der Gesellschaft ein antisemitisches Grundrauschen. Wo es stark genug ist, kommt es zu Gewalt. So leicht wandeln sich Einstellungen nicht. Der Antisemitismus ist furchtbar für die Jüdinnen und Juden. Und er schadet immer auch der Gesellschaft als ganze. Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit geht oft einher mit demokratiefeindlichem Verschwörungsdenken.
Wie soll ich auf judenfeindliche Äußerungen reagieren?
Agnes Kübler: Es geht immer darum, Antisemitismus zu erkennen, zu benennen und schließlich ins Handeln zu kommen. Letzten Endes geht es dann ja auch darum, Leute dazu anzuregen, noch einmal über sich nachzudenken, damit sie ihre Ressentiments erkennen können. Mit einem einzigen Gespräch werden Sie das nicht schaffen. Fragen Sie weiter nach. Aber wenn jemand ein geschlossenes verschwörungsideologisches Weltbild hat, haben Sie wenig Chancen.
Fällt es Christen schwerer, den eigenen Antisemitismus zu erkennen, denn sie sind ja die Guten?
Agnes Kübler: Alle Menschen streben nach einem positiven Selbstbild. Es gibt wenig, was uns Menschen so eint wie der Wunsch danach, vor uns selbst bestehen zu können. Jede Community, auch die christliche, hat ihre eigenen Herausforderungen in Bezug auf Antisemitismus. Das Christentum erzählt vom Kampf Gut gegen Böse. Man sollte sich aber immer bewusst machen, dass die Welt aus Grautönen besteht. Das heißt eben auch: Man muss kein beinharter Antisemit sein, um sich antisemitisch zu äußern. Wir alle haben Stereotype gelernt. Nun geht es darum, dass wir Verantwortung übernehmen, uns damit auseinandersetzen. Und wir müssen unterscheiden zwischen den Menschen und ihrem Handeln.
Wie können wir unseren jüdischen Nachbarn beistehen?
Agnes Kübler: Da würde ich auch sehr dazu raten, das mit den jüdischen Gemeinden, mit Jüdinnen und Juden zu besprechen. Was wünschen sie sich? Nichtjuden können Mitgefühl zeigen, nachfragen und Ressourcen teilen, zum Beispiel Räume. Unsere Kirchenleitungen gratulieren den jüdischen Gemeinden zu den jüdischen Feiertagen. Solidarität zeigen hat verschiedene Facetten.