Frau H. ist ein Beispiel dafür, wie schnell Armut in Deutschland auftreten kann. Nach fünf Jahren als private Pflegerin für ältere Menschen wurde sie entlassen und arbeitete daraufhin in einem Hotel als Putzhilfe. Doch nach einem Sturz und einer schweren Armverletzung wurde sie krankgeschrieben und in der Probezeit gekündigt. Nun droht ihr der Rauswurf aus ihrer Wohnung, da sie die Miete nicht mehr zahlen kann.
Relative Armut hingegen ist EU-weit definiert. Als armutsgefährdet gilt eine Person, wenn ihr Einkommen weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens im jeweiligen Land beträgt. Die Armutsgrenze, genauer die Armutsgefährdungsschwelle, hängt dabei von Anzahl und Alter der Haushaltsmitglieder ab. Grundlage ist das verfügbare Haushaltsnettoeinkommen. Dies wird in ein gewichtetes Pro-Kopf-Einkommen, das sogenannte Nettoäquivalenzeinkommen, umgewandelt.
In Deutschland lag 2023 die Armutsgefährdungsschwelle bei 1314 Euro im Monat für die einzelne Person und bei 2758 Euro für eine Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren, so das Statistische Bundesamt.
Armut ist relational. Arm ist man nicht an sich, sondern im Verhältnis zu den anderen Mitgliedern der jeweiligen Gesellschaft. Ältere erzählen oft, wie das nach dem Krieg war, als „alle nichts“ hatten. Das ließ Menschen, die damals objektiv arm waren, dies eher nicht als Armut empfinden.
Heute sieht das völlig anders aus. Wenn manche sehr reich sind und andere wirtschaftlich niemals Boden unter die Füße kriegen, entsteht soziale Ungleichheit. Wenn man über Armut spricht, ist es deshalb wichtig, auch über Reichtum zu sprechen.
Der Armutsforscher Christoph Butterwegge hat für Reichtum eine eingängige Definition: Reich ist, wer ohne seiner Hände Arbeit von den Erträgen seines Vermögens leben kann. Diese Gruppe ist in den letzten Jahren immer größer geworden, eben weil durch Vermögen immer mehr neues Vermögen wächst.
Die so entstandene, wachsende Ungleichheit lässt sich in wenigen Zahlen zeigen: Die untere Hälfte der Bevölkerung – das sind rund 41,5 Millionen Menschen – besitzt nur etwa zwei Prozent des Gesamtvermögens in Deutschland. Dagegen hält das reichste Prozent – das sind rund 830 000 Menschen – mit rund 30 Prozent des Gesamtvermögens das Dreißigfache ihres Bevölkerungsanteils.
Noch eklatanter wird es, wenn man einen Blick auf die 3300 Superreichen lenkt, die in Deutschland zuhause sind. Das sind Menschen mit mehr als 100 Millionen Dollar Finanzvermögen. Sie besaßen im vergangenen Jahr 23 Prozent des gesamten Finanzvermögens. Der Anteil stieg im Vergleich zum Vorjahr um einen Prozentpunkt.