Direkt zum Inhalt
Armut

Arm in einem reichen Land

Warum Menschen in Deutschland unter Armut leiden – und was ihnen helfen könnte. Von Wolfgang Sartorius

Unsplash+/Yunus Tuğ

Frau H. ist ein Beispiel dafür, wie schnell Armut in Deutschland auftreten kann. Nach fünf Jahren als private Pflegerin für ältere Menschen wurde sie entlassen und arbeitete daraufhin in einem Hotel als Putzhilfe. Doch nach einem Sturz und einer schweren Armverletzung wurde sie krankgeschrieben und in der Probezeit gekündigt. Nun droht ihr der Rauswurf aus ihrer Wohnung, da sie die Miete nicht mehr zahlen kann.

Wolfgang Sartorius
Pressebild
Wolfgang Sartorius ist geschäftsführender Vorstand des diakonischen Sozialunternehmens Erlacher Höhe.

Was ist absolute Armut?

In der wissenschaftlichen Debatte wird zwischen absoluter und relativer Armut unterschieden. Absolut arm sind Menschen, die nicht genügend Mittel zur Verfügung haben für ausreichende Ernährung, Kleidung, Wohnen und ärztliche Versorgung. 

Deutschland ist ein reiches Land. Nur wenige Menschen leben hier in absoluter Armut. Doch auch hier gibt es Menschen, deren physische Existenz durch Verhungern, Erfrieren oder mittelbar durch mangelnde medizinische oder pflegerische Versorgung bedroht ist. Dies ist bei vielen wohnungslosen Menschen der Fall.

Was ist relative Armut?

Relative Armut hingegen ist EU-weit definiert. Als armutsgefährdet gilt eine Person, wenn ihr Einkommen weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens im jeweiligen Land beträgt. Die Armutsgrenze, genauer die Armutsgefährdungsschwelle, hängt dabei von Anzahl und Alter der Haushaltsmitglieder ab. Grundlage ist das verfügbare Haushaltsnettoeinkommen. Dies wird in ein gewichtetes Pro-Kopf-Einkommen, das sogenannte Nettoäquivalenzeinkommen, umgewandelt.

In Deutschland lag 2023 die Armutsgefährdungsschwelle bei 1314 Euro im Monat für die einzelne Person und bei 2758 Euro für eine Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren, so das Statistische Bundesamt.

Armut ist relational. Arm ist man nicht an sich, sondern im Verhältnis zu den anderen Mitgliedern der jeweiligen Gesellschaft. Ältere erzählen oft, wie das nach dem Krieg war, als „alle nichts“ hatten. Das ließ Menschen, die damals objektiv arm waren, dies eher nicht als Armut empfinden.

Schere zwischen Arm und Reich

Heute sieht das völlig anders aus. Wenn manche sehr reich sind und andere wirtschaftlich niemals Boden unter die Füße kriegen, entsteht soziale Ungleichheit. Wenn man über Armut spricht, ist es deshalb wichtig, auch über Reichtum zu sprechen.

Der Armutsforscher Christoph Butterwegge hat für Reichtum eine eingängige Definition: Reich ist, wer ohne seiner Hände Arbeit von den Erträgen seines Vermögens leben kann. Diese Gruppe ist in den letzten Jahren immer größer geworden, eben weil durch Vermögen immer mehr neues Vermögen wächst.

Die so entstandene, wachsende Ungleichheit lässt sich in wenigen Zahlen zeigen: Die untere Hälfte der Bevölkerung – das sind rund 41,5 Millionen Menschen – besitzt nur etwa zwei Prozent des Gesamtvermögens in Deutschland. Dagegen hält das reichste Prozent – das sind rund 830 000 Menschen – mit rund 30 Prozent des Gesamtvermögens das Dreißigfache ihres Bevölkerungsanteils.

Noch eklatanter wird es, wenn man einen Blick auf die 3300 Superreichen lenkt, die in Deutschland zuhause sind. Das sind Menschen mit mehr als 100 Millionen Dollar Finanzvermögen. Sie besaßen im vergangenen Jahr 23 Prozent des gesamten Finanzvermögens. Der Anteil stieg im Vergleich zum Vorjahr um einen Prozentpunkt.

Obdachloser Mensch sitzt auf einer Parkbank
Unsplash/Nathan Dumlao
Armut kann schnell zu Obdachlosigkeit führen.

Wie hängen Armut und Wohnungsnot zusammen?

Viele Städte ächzen unter der Wohnungsnot. Besonders schlecht dran sind Menschen in Armutslagen. Sie sind von den steigenden Wohnkosten in den letzten Jahren besonders betroffen, sagt das Statistische Landesamt in Stuttgart. 2022 mussten sie knapp 45 Prozent ihres verfügbaren Einkommens für Miete ausgeben, sie sind deshalb mit den Wohnkosten überbelastet. Denn die verbleibenden 55 Prozent reichen in der Regel nicht zum Leben.

Zum Vergleich: Die Gesamtbevölkerung gab 2022 durchschnittlich lediglich knapp 30 Prozent ihres verfügbaren Einkommens für Miete aus. Für Menschen im Bürgergeldbezug ist dies doppelt schwierig, denn vielerorts sind die tatsächlichen Marktmieten höher als die anerkannten Kosten der Unterkunft. Dies führt dazu, dass sie aus ihrem monatlichen Bürgergeld – das sind 563 Euro bei einem Einpersonenhaushalt – einen erheblichen Teil für Miete zuschießen müssen.

Menschen in armutsgefährdeten Haushalten leben außerdem in kleineren, häufig überbelegten Wohnungen. Dies oft in einer schlechteren Wohnumgebung, die weniger gut an den öffentlichen Nahverkehr angebunden ist, eine schlechtere gesundheitliche Versorgung hat und über weniger Einkaufsmöglich-keiten verfügt. Das wirkt sich negativ auf die psychische und physische Gesundheit aus. Daran wird deutlich: Armut berührt viele Lebensbereiche. Häufig gehört auch die Armut an tragfähigen Beziehungen dazu.

Armut senkt die Lebenserwartung

Armut berührt viele Dimensionen. Besonders wichtig sind dabei Gesundheit, Ernährung, Wohnsituation, tragende Beziehungen. In all diesen Bereichen sind arme Menschen schlechter dran als materiell besser gestellte. Darin ist auch begründet, dass die statistischen Lebenserwartungen von Arm und Reich deutlich auseinanderfallen.

In einer Studie hat das Robert Koch-Institut im Jahr 2014 die Bevölkerung in fünf Einkommensgruppen unterteilt und ihre Lebenserwartungen verglichen. Demnach leben die Menschen in der reichsten Einkommensgruppe rund zehn Jahre länger als die in der ärmsten Gruppe. Die bittere Erkenntnis: Je ärmer ein Mensch ist, desto geringer ist seine Lebenserwartung.

Was hilft armen Menschen?

Kurz gesagt: alles, was ihre Lebenslage verbessert, in der Regel also die gut beheizbare Wohnung, eine gute Anbindung an Arzt oder Pflegedienst, bei Kindern eine gute Betreuung und Unterstützung bei Schulproblemen, aber auch ordentlich entlohnte Arbeit für Eltern. Und natürlich genügend Transferleistungen wie Bürgergeld, Kindergeld oder Grundsicherung im Alter, wenn das eigene Einkommen nicht reicht.

Alles andere als banal ist aber die Frage, in welcher Weise Hilfe erbracht wird. Werden Menschen ernst genommen in ihren Nöten, oder sehen sie sich Vorurteilen ausgesetzt? Begegnet man ihnen mit Respekt oder mit gerümpfter Nase? Glauben Helfende zu wissen, was der andere Mensch genau jetzt benötigt, oder machen sie sich die Mühe danach zu fragen?

Jesus ist ein gutes Vorbild dafür. Obwohl es auf der Hand liegt, dass der Blinde vor Jericho (Markus 10,51) sehend werden will, fragt ihn Jesus zuerst, was er möchte. Darin kommt tiefer Respekt, echtes Ernstnehmen des anderen zum Ausdruck.

In der diakonischen Armenhilfe gehört die Reflexion solcher Fragen wie der Beziehung zwischen Helfenden und hilfebedürftigen Menschen zu den beruflichen Standards. Auch daran entscheidet sich, ob es Menschen gelingt, Auswege aus der Lebenslage Armut zu finden.

Diakonisch Helfende erinnern bisweilen den Martin Luther zugeschriebenen Satz: „Wir sind Bettler, das ist wahr.“ Luther drückt damit aus, dass wir Menschen vor Gott arm sind – das verbindet uns. Wo jedoch Menschen vor Menschen arm sind, ist dies Ausdruck eines Unrechtsverhältnisses, wenn eigentlich genügend Mittel und Möglichkeiten vorhanden wären, dies zu ändern. Das ist im Jahr 2024 in Deutschland der Fall.

Das Recht auf einen angemessenen Lebensstandard

Die Diskussionen der letzten Wochen um das Thema Bürgergeld waren teils substanzlos. Manche Politiker erweckten den Eindruck, in Deutschland dürfe es eine Armutsbekämpfung nach Kassenlage geben nach dem Motto: „Da es nicht für alle reicht, springen die Armen ein“ (Ernst Bloch). Das wäre aber so unfair wie rechtlich unhaltbar. Und dies ist nicht alleine im Verfassungsgebot der Menschenwürde, formuliert in Artikel 1 des Grundgesetzes und begründet in Urteilen des Bundesverfassungsgerichts, sondern auch in internationalen Verpflichtungen.

Der UN-Sozialpakt gehört zu den wichtigsten Menschenrechtsverträgen der Vereinten Nationen. Er trat 1976 in Kraft und enthält die elementaren sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Rechte. Hierzu zählt das Recht auf Gesundheitsversorgung, auf einen angemessenen Lebensstandard, angemessene Nahrung und Wohnung, auf soziale Sicherheit und das Recht auf gerechte Arbeitsbedingungen.

Dies um Gottes- und der Menschen willen immer wieder in Erinnerung zu rufen, von Regierungen einzufordern, Not zu lindern und Menschen zu ihrem Recht zu helfen, bleibt eine zentrale Aufgabe von Diakonie und Kirchen.