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Reichspogromnacht

Bischof Gohl: Reichspogromnacht verweist auf aktuelle Gefahren

Am 9. November 1938 zerstörten Nationalsozialisten Synagogen, jüdische Geschäfte, Friedhöfe und Wohnungen. Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl erinnert „an den tiefsten und dunkelsten Abgrund der deutschen Geschichte”. Vielerorts werden heute Stolpersteine als Zeichen der Erinnerung geputzt. Von Kira Geiss und epd

Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl trägt einen Talar in einer Kirche.
Foto: Thomas Rathay

Landesbischof Gohl: „Dunkelster Abgrund der deutschen Geschichte“

Für den evangelischen Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl erinnert der 9. November nicht nur an die Reichspogromnacht von 1938, „an den tiefsten und dunkelsten Abgrund der deutschen Geschichte”. Er schärfe auch die Wachsamkeit für die Gegenwart, sagte Gohl. Er schärfe „den Blick für die Dunkelheiten des Antisemitismus, die nie ganz aus Deutschland verschwunden sind und seit dem 7. Oktober 2023 dramatisch zunehmen”.

Wer auf die Reichspogromnacht zurückschaue, so Gohl, der dürfe die Augen nicht vor den Bedrohungen verschließen, denen Jüdinnen und Juden in Deutschland tagtäglich ausgesetzt sind.

Dem Leid ihrer Vorfahren gilt unser Gedenken, ihnen selbst unsere Solidarität und Unterstützung

sagte Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl

Was geschah in der Reichspogromnacht?

Am 9. November 1938 brannten in ganz Deutschland die Synagogen. Fensterscheiben wurden eingeschlagen und über 7500 jüdische Geschäfte und Wohnungen zerstört. Auch vor den jüdischen Friedhöfen wird kein Halt gemacht.  Doch das war erst der Anfang, denn jüdisches Leben war in Deutschland nach der Nacht vom neunten auf den zehnten November kaum noch möglich.

  • Jüdinnen und Juden durften keinen Handel, kein Handwerk und kein Gewerbe mehr betreiben.
  • Auch in anderen Lebensbereichen wurden Juden diskriminiert. Durch strenge Verbote und Auflagen. Dadurch entzog das nationalsozialistische Regime diesen Menschen Schritt für Schritt jede wirtschaftliche und gesellschaftliche Existenzgrundlage.

Jüdinnen und Juden wurden verschleppt und ermordet

Das „United States Holocaust Memorial Museum“ und die „Bundeszentrale für politische Bildung“ veröffentlichten, dass zudem rund 30.000 jüdische Männer nur wenige Tage nach dem 9. November in Konzentrationslager wie Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen verschleppt wurden, um dort misshandelt und ermordet zu werden.

„Der 9. November gilt heute als Reichspogromnacht“, erklärt Irina Ruoff, die bei der Stolpersteininitiative Stuttgart und im Projekt „Widersetzen“ aktiv ist. Der Begriff „Pogrom“ stammt aus dem Russischen und bedeutet „Verwüstung“ oder „Zerstörung“. Er beschreibt gewalttätige Übergriffe auf eine religiöse, ethnische oder nationale Minderheit, die von staatlicher Seite geduldet oder sogar aktiv unterstützt werden.

Was war der Auslöser für die Reichspogromnacht?

  • Seit 1933 hatten die jüdische Bevölkerung durch Gesetze der Nationalsozialisten immer weniger Rechte und wurden ausgegrenzt und wirtschaftlich ruiniert.
     
  • Im Oktober 1938 ließ das NS-Regime etwa 17.000 polnische Juden zwangsweise ausweisen („Polenaktion“). Darunter war auch die Familie Grynszpan, deren Sohn Herschel Grynszpan in Paris lebte.
     
  • Am 7. November 1938 erschoss Herschel Grynszpan aus Verzweiflung über das Schicksal seiner Familie den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath in Paris.
  • Die NS-Führung benutzte diesen Vorfall als Vorwand, um einen bereits vorbereiteten Gewaltexzess gegen Jüdinnen und Juden zu inszenieren, der am 9. November 1938 stattfand.
Der Künstler Gunter Demnig hält zwei quadratische goldene "Stolpersteine", die an die Ermordung von Jüdinnen und Juden durch die Nationalsozialisten erinnern, in der Hand. Hinter ihm steht ein Regal in dem weitere "Stolpersteine" stehen
epd-bild/Rolf K. Wegst
Gunter Demnig ist Künstler und verlegt Stolpersteine in ganz Europa.

Stolpersteine putzen als Zeichen der Erinnerung

In 30 europäischen Ländern hat der Künstler Gunter Demnig sogenannte Stolpersteine verlegt um an die während der Nazizeit deportierten und ermordeten Jüdinnen und Juden zu erinnern. Die kleinen, goldenen Quadrate sollen dazu beitragen, dass diese Menschen nicht in Vergessenheit geraten. Inzwischen sind es über 100.000 Steine, die er verlegt hat. Damit diese langfristig erhalten bleiben, müssen sie regelmäßig geputzt werden – vielerorts finden am 9. November Aktionen statt. Zum Putzen der Stolpersteine braucht es nicht viel:

Am besten man füllt sich etwas Wasser ab, gibt Essig hinzu und nimmt sich einen weichen Schwamm oder Lappen, damit die Stolpersteine nicht beschädigt werden.

sagt Irina Ruoff