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Musik im Advent

Das Instrument in mir

Sie sind unverbindlich, stehen allen offen und werden immer beliebter: Bei den offenen Sing­angeboten geht es um die reine Freude am Singen. Warum Singen so viel Spaß macht, hat viele Gründe – die Erfahrung hat auch Bezirkskantor Immanuel Rößler gemacht. Von Franciska Bohl

epd-bild/Robert Paul
Das gemeinsame Singen tut gut und sorgt für ein Lächeln im Gesicht.

Das Aufwärmprogramm an diesem Mittwochabend ist ausgedehnt – fast eine halbe Stunde lang animieren Jeschi Paul und Klaus Rother das singbegeisterte Publikum, bis es losgeht. Joggen auf der Stelle, Übungen für die Gesichtsmuskulatur und der traditionelle „Opener“, die Er­öffnung mit den improvisierten Liedzeilen „Was geht ab, heute hier im Lab“. Danach startet das eigentliche Singprogramm, das heute ­Lieder von Rio Reiser, Pink, John Lennon, Herbert Grönemeyer und Max Mutzke umfasst.

Die Texte werden mit einem Beamer auf die Leinwand projiziert; nach einer ­ersten Runde Probe werden nach der Pause alle Stücke wiederholt. „Wir geben uns selbst ein Konzert“, beschreibt es Jeschi Paul. Einmal im Monat laden sie und Klaus Rother ins „Laboratorium“ in Stuttgart-Ost ein. Ihr Motto: „Deine Stimme für den Osten“. Kommen darf jeder, der „bisher vorzugsweise unter der ­Dusche gesungen hat“. ­Voraussetzung ist lediglich, Freude am ­Singen zu haben. Im ältesten Live-Musik-Club in Stuttgart stehen dann Klassiker aus 60 Jahren Rock und Pop auf dem Programm.

Jeschi Paul initiiert auch den „Ich-kann-nicht-singen-Chor Stuttgart“, der sich einmal im Monat samstags in Stuttgart-Zuffenhausen trifft. Die Chorleiterin, Sängerin und Musikpädagogin ist überzeugt, dass zum ­Singen nicht unbedingt Noten benötigt werden: „Wer sprechen kann, kann auch singen. Jeder kann Gefühle akustisch darstellen – Bewegung, Körper und Atmung führen zum eigenen Sound der Stimme.“

Nach ähnlichem Prinzip funktioniert das sogenannte „Rudelsingen“, das deutschlandweit an unterschied­lichen Orten stattfindet. Auch hier begleiten zwei Musiker das Publikum – und das Repertoire reicht vom Schlager über den Evergreen bis hin zum aktuellen Radio-Hit.

Immer beliebter werden diese offenen Sing-Angebote, bei denen es – anders als in der Chorarbeit – nicht um professionelle Darbietungen geht, sondern um die reine Freude am Singen. Eine Entwicklung, die Immanuel Rößler positiv sieht. Der Bezirkskantor aus Waiblingen leitet Kinder- und Jugendchöre, die ört­liche Michaelskantorei sowie eine Gospel-Gruppe und ein Ensemble für Senioren. Zudem ist er Fach­berater für Kinderchöre im Kirchenbezirk Waiblingen. „Ich finde es toll, dass es solche Angebote gibt. Singen ist keine Frage der Qualität.“

Zumal es das „spontane und selbstverständliche Singen“ nicht mehr oft gebe. Schon in der Schule würden die Kinder höchstens noch für eine kurze, begrenzte Zeit, etwa bis zur sechsten Klasse, im Religions- oder Musikunterricht miteinander singen.

Dabei lässt sich die Begeisterung dafür schon im jungen Alter wecken, sagt der 60-Jährige. Anders als im Erwachsenenalter, wo viele sich nicht mehr trauen würden, seien Kinder noch unvoreingenommen. „Wenn man nur mit dem richtigen Lied kommt, sind sie gleich dabei.“ Dann fühlten sich auch neue, junge Chormitglieder schnell zugehörig und integriert.

Singen ist also nicht nur gesund, stärkt das Immunsystem und entspannt, sondern erzeugt auch ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. Wo man sonst im Alltag als Einzelperson sich profilieren müsse, sei das gemeinsame Singen „eine Ebene, auf der man sich zusammentut, wo man etwas als Gruppe schafft, indem man miteinander spricht und atmet“. Aus psychologischer Sicht gibt es aber noch einen anderen, wichtigeren Aspekt: „Im Singen öffne ich mich, gebe etwas von mir preis. Stimme ist das Instrument in mir – ich gebe etwas von meinem Innersten nach außen.“ Zudem begebe man sich auch emotional in das jeweilige Lied hinein.

Das geschieht an diesem Abend auch im „Laboratorium“, wo die Veranstaltung nach rund zweieinhalb Stunden ihren stimmungsvollen ­Abschluss findet. Der Blick in die freudestrahlenden Gesichter und das Fazit einer begeisterten Teil­nehmerin sprechen Bände: „Es war so, so schön!“