Ulrich Voderholzer: Beides, die Übergänge sind aber fließend. Zunächst einmal: Im Winter sind die Tage bei uns kürzer, das heißt, es gibt weniger Sonnenlicht. Außerdem sind die Menschen wegen der Kälte weniger im Freien unterwegs, bleiben eher zu Hause und das Schlafbedürfnis ist höher. Das hat Einfluss auf den Hirnstoffwechsel und scheint auch das Glückshormon Serotonin zu beeinflussen. Das natürliche Licht, körperliche Aktivitäten und Naturerlebnisse sind aber essenziell wichtig für unser Wohlbefinden. Natürlich erkrankt nicht jeder im Winter an einer Depression. Wer aber schon eine hat, für den ist der Winter natürlich noch mal schwieriger.
Wie kann man sich denn auf die dunkle Jahreszeit vorbereiten?
Ulrich Voderholzer: Ganz klar: Menschen mit schweren Depressionen brauchen fachliche Betreuung. Präventiv wirken generell regelmäßige Bewegung im Freien oder eine Lichttherapie. Hundebesitzer, die bei Wind und Wetter täglich spazieren gehen müssen, haben da tatsächlich einen Vorteil. Zudem sind soziale Kontakte wichtig, ausreichend Schlaf, kein übermäßiger Alkoholkonsum und ein guter Umgang mit Stress.
Ist denn auch die Suizidrate im Winter höher als im Sommer?
Ulrich Voderholzer: Paradoxerweise ist die Suizidrate im Frühjahr und im Sommer, wenn Menschen wieder aktiver werden, etwas höher als im Winter. Dass es mit den Jahreszeiten zusammenhängen muss, weiß man, weil es sich in Australien, das ja auf der Südhalbkugel liegt, spiegelbildlich verhält.
Welche Auswirkungen der Corona-Pandemie sind denn noch spürbar?
Ulrich Voderholzer: Wir hatten schon vor Corona eine deutliche Zunahme von Depressionen bei jungen Menschen. Die Pandemie hat diesen Trend dann noch verstärkt. Bei vielen Jugendlichen und jungen Erwachsenen erleben wir Orientierungslosigkeit und Unsicherheit, keine stabilen Familienverhältnisse oder kein stabiles Wertesystem. Mit den Corona-Beschränkungen sind Bezugspersonen wie die Großeltern von heute auf morgen weggefallen, genauso wie Vereinssport oder soziale Kontakte. Dann noch die Schulschließungen. Das war eine Vollkatastrophe für viele junge Menschen in einer besonders wichtigen Entwicklungsphase ihres Lebens. Sie waren mehr vor dem Bildschirm. Exzessiver Medienkonsum kann bei Menschen ohne große Medienkompetenz zu noch mehr Orientierungslosigkeit führen.