Jesus über das Wirken des Geistes
Auch Jesus, so wird im Johannesevangelium überliefert, beschreibt im nächtlichen Gespräch mit Nikodemus, einem Gelehrten aus der jüdischen Führungsschicht, das Wirken des Geistes und damit die spirituelle Beziehung zwischen Mensch und Gott mit der Metapher des Windes. Man kann diesen nicht sehen, aber seine Wirkungen spüren: „Der Wind weht, wo er will; du hörst sein Brausen, weißt aber nicht, woher er kommt und wohin er geht. So ist es mit jedem, der aus dem Geist geboren ist.“ (Johannes 3,8)
Damit greift Jesus im Gespräch mit dem Gelehrten nicht nur eine Alltagserfahrung auf, sondern er knüpft auch an die vertraute Verwendung des hebräischen Wortes „ruach“ für bewegte Luft in den Heiligen Schriften des Judentums an.
Die vielseitige Bedeutung von „Ruach"
Das Wort „ruach“ kommt im Alten Testament fast 400-mal vor, es ist ein zentraler Begriff. Die Bedeutung ist vielfältig. So kann „ruach“ für „Wind“, „Atem“, „Geist“, „Energie“ und „Lebenskraft“ stehen. Die unterschiedlichen Bedeutungen hängen eng miteinander zusammen. Die Bedeutungen lassen sich nicht immer klar voneinander abgrenzen. Sie gehen vielmehr ineinander über. Alle unterschiedlichen Nuancen sind jedoch dadurch miteinander verbunden, dass sie in irgendeiner Form Bewegung ausdrücken oder zur Grundlage haben:
- Wind weht
- Atem fließt
- Geist schwebt
- Energie ist Dynamik
- Lebenskraft hat als Gegensatz die Kraftlosigkeit, die Bewegungslosigkeit
Wenn das Wort „ruach“ fällt, ist Gott häufig mit dabei: Im Schöpfungsbericht (1. Mose 1,2) schwebt der Geist Gottes über den Wassern der Urflut, bevor Gott das Licht von der Finsternis scheidet. Häufig meint das Wort „ruach“ den göttlichen Atem, der Leben erschafft und bewahrt. Dass die Geschöpfe atmen können, folgt daraus, dass der Schöpfer ihnen seinen Atem einbläst.
Da machte Gott der Herr den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.
1. Mose, 2,7
Eine weitere Bedeutung von „ruach“ ist „Weite“ oder „Raum“. Wenn das Leben von jemandem weit wird, ein Mensch erleichtert ist oder aufatmet, dann macht die „ruach“ lebendig, sie setzt in Bewegung, schafft Raum, wo vorher Enge war. Ein Beispiel ist das erleichterte Aufatmen, das eine Perspektive bietet. Zudem lässt Gott seine „ruach“ über die Erde wehen, um das Wasser nach der Sintflut wieder sinken zu lassen (1. Mose 8,1).