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Theologie

Die biblische Bedeutung von Luft und Atem

Vom Wind zur Lebenskraft: Die Bibel beschreibt das Element Luft als Symbol für die Kraft Gottes und die Verbindung zwischen Himmel und Erde. Von Tilman Baier und Nicole Marten

Ein Kind schwimmt unter Wasser, vor seinem Gesicht ist eine große Luftblase zu sehen.
Unsplash/Mariano Nocetti

Der Begriff „Aer”

„Aer” – von antiken Philosophen beschrieben als Gas, das den Raum zwischen Erde und Himmel füllt ist bis heute in Wörtern wie Aerosol oder auch Aeroflot lebendig geblieben. Zu finden ist das Wort nur an zwei Stellen in der Briefliteratur des Neuen Testaments: Für den Apostel Paulus ist diese Lufthülle zwischen Erde und Himmel der Raum, in dem am Ende der Zeit der wiederkehrende Christus erscheinen wird und in den die Gläubigen entrückt werden, ihm entgegen. So schreibt er im 1. Brief an die Christen in Thessaloniki im vierten Kapitel. Doch bis dahin, so schreibt später in der Nachfolge des Paulus einer seiner Schüler im Epheserbrief, ist die Lufthülle Herrschaftsbereich des Satans, dem Widersacher Gottes (Epheser 2,2).

„Pneuma" steht für den Atem Gottes

Das altgriechische Wort „pneuma“ dagegen wird viel häufiger verwendet als „aer“. „Pneuma“ bezeichnet sowohl in der antiken Philosophie wie auch im Neuen Testament die belebende, bewegende, vorwärtsdrängende Luft, die Kraft ausübt. Bis heute findet „pneuma“ in diesem Sinn zum Beispiel in der Mechanik Verwendung.

„Pneuma“ bedeutet auch „Atem“. Das Ein- und Ausatmen ist für viele Lebewesen lebensnotwendig. Wenn der Mensch keine Luft bekommt, tritt schnell der Tod ein. Da ist es naheliegend, dass das Wort „pneuma“ im Neuen Testament auch für den göttlichen Atem verwendet wurde, der Leben schafft und Menschen begeistet. Dieser Heilige Geist Gottes ist es, von dem Lukas in Apostelgeschichte 2 erzählt:

Als der Pfingsttag gekommen war, befanden sich alle am gleichen Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren.

Apostelgeschichte 2, 1-2

Das Bild zeigt eine weiße Pusteblume, die schon einzelne Zungenblüten verliert. Der verschwommene Hintergrund stellt eine grüne Wiese dar.
Unsplash/Sandra Seitamaa
Jesus beschreibt den Heiligen Geist wie den Wind: Er ist nicht sichtbar, sein Wirken jedoch spürbar.

Jesus über das Wirken des Geistes

Auch Jesus, so wird im Johannesevangelium überliefert, beschreibt im nächtlichen Gespräch mit Nikodemus, einem Gelehrten aus der jüdischen Führungsschicht, das Wirken des Geistes und damit die spirituelle Beziehung zwischen Mensch und Gott mit der Metapher des Windes. Man kann diesen nicht sehen, aber seine Wirkungen spüren: „Der Wind weht, wo er will; du hörst sein Brausen, weißt aber nicht, woher er kommt und wohin er geht. So ist es mit jedem, der aus dem Geist geboren ist.“ (Johannes 3,8)

Damit greift Jesus im Gespräch mit dem Gelehrten nicht nur eine Alltagserfahrung auf, sondern er knüpft auch an die vertraute Verwendung des hebräischen Wortes „ruach“ für bewegte Luft in den Heiligen Schriften des Judentums an.

Die vielseitige Bedeutung von „Ruach"

Das Wort „ruach“ kommt im Alten Testament fast 400-mal vor, es ist ein zentraler Begriff. Die Bedeutung ist vielfältig. So kann „ruach“ für „Wind“, „Atem“, „Geist“, „Energie“ und „Lebenskraft“ stehen. Die unterschiedlichen Bedeutungen hängen eng miteinander zusammen. Die Bedeutungen lassen sich nicht immer klar voneinander abgrenzen. Sie gehen vielmehr ineinander über. Alle unterschiedlichen Nuancen sind jedoch dadurch miteinander verbunden, dass sie in irgendeiner Form Bewegung ausdrücken oder zur Grundlage haben:

  • Wind weht
  • Atem fließt
  • Geist schwebt
  • Energie ist Dynamik
  • Lebenskraft hat als Gegensatz die Kraftlosigkeit, die Bewegungslosigkeit

Wenn das Wort „ruach“ fällt, ist Gott häufig mit dabei: Im Schöpfungsbericht (1. Mose 1,2) schwebt der Geist Gottes über den Wassern der Urflut, bevor Gott das Licht von der Finsternis scheidet. Häufig meint das Wort „ruach“ den göttlichen Atem, der Leben erschafft und bewahrt. Dass die Geschöpfe atmen können, folgt daraus, dass der Schöpfer ihnen seinen Atem einbläst.

Da machte Gott der Herr den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.

1. Mose, 2,7

Eine weitere Bedeutung von „ruach“ ist „Weite“ oder „Raum“. Wenn das Leben von jemandem weit wird, ein Mensch erleichtert ist oder aufatmet, dann macht die „ruach“ lebendig, sie setzt in Bewegung, schafft Raum, wo vorher Enge war. Ein Beispiel ist das erleichterte Aufatmen, das eine Perspektive bietet. Zudem lässt Gott seine „ruach“ über die Erde wehen, um das Wasser nach der Sintflut wieder sinken zu lassen (1. Mose 8,1).

Ein starker Sturm mit hellen Blitzen zieht nachts über das Meer.
Unsplash/Johannes Plenio
„Ruach“ kann auch für einen starken Sturm stehen, den Gott mit seinem Atem aufziehen lässt.

„Ruach” kann in der Bibel auch Sturm bedeuten

Das Wort meint allerdings auch den starken Sturm, wie beispielsweise in der Exodus-Erzählung (2. Mose 15,8). Als die Ägypter die Israeliten durchs Schilfmeer verfolgen, bläst Gott mit seiner „ruach“ über das Meer und die ägyptischen Soldaten versinken in den Wassern „wie Blei“, wie es in dem Bericht heißt. Der Lobgesang über die Rettung vor den Ägyptern im Roten Meer schildert das ausführlich: „Durch dein Schnauben türmten die Wasser sich auf, die Fluten standen wie ein Wall.“ Doch als der Feind nachsetzen wollte, „ließest du deinen Wind (ruach) blasen, und das Meer bedeckte sie“ (2. Mose 15,10).

Es handelt sich also nicht nur um eine lebensschaffende, sondern auch um eine sehr gefährliche Kraft, die zerstören kann. Im Falle des Auszugs aus Ägypten geht es zwar zugunsten der Israeliten aus, aber ihre Verfolger ertrinken in den Wasserfluten.

Biblische Bedeutung von Luft und Atem vielseitig

Das zeigt: Alle Lebewesen sind abhängig von der Lebenskraft Gottes. Nicht nur, wenn Gott seinen Atem so bläst, dass Leben vernichtet wird, führt das zum Tod seiner Geschöpfe. Auch wenn er seinen Atem zurückzieht, hat dies den Tod zur Folge. Der Mensch besteht dann nur noch aus irdischem Staub. Darauf verweist auch der Name, den der zweite Sohn von Adam und Eva trägt: Abel lässt sich sowohl mit „Hauch“ als auch mit „Vergänglichkeit“ übersetzen – ein Hinweis auf sein frühes Ende.