Direkt zum Inhalt
Musik in der Kirche

Die Geschichte der Posaunenchöre in Deutschland

Posaunenchöre sind typisch Evangelisch. Sie haben ihre Wurzeln im Pietismus und der Erweckungsbewegung des 18. und 19. Jahrhunderts. Von Andreas Steidel

Eine Gruppe von Menschen sitzt im Freien nebeneinander, alle spielen ein Blasinstrument. Im Vordergrund spielen Frauen Posaune.
epd-bild/Meike Böschemeyer

Geburtsstunde der Posaunenchöre im Jahr 1731

Die Annalen der Herrnhuter Brüdergemeine verzeichnen für den 1. April 1731 ein besonderes musikalisches Ereignis. Da ist vom Einsatz der Waldhörner bei einem Begräbnis die Rede. Kurze Zeit später habe man angereiste Gäste mit neuartigen Posaunenklängen begrüßt.

Für viele gilt der Begräbnischor der Herrnhuter in der sächsischen Oberlausitz als Geburtsstunde der Posaunenchöre in Deutschland. Im Umfeld pietistischer Erneuerungsbewegungen sind sie entstanden, als Basisbewegung gegen die Amtskirche und die Strömungen der Zeit. Zu denen gehörte die Aufklärung, die Glaubensgrundsätze in Frage stellte. Der Pietismus und die Erweckungsprediger versuchten dem mit einer verstärkten Missionstätigkeit zu begegnen. Sie gingen hinaus aufs Land, feierten Gottesdienste unter freiem Himmel und in Zelten.

Posaunenchöre sind flexibel einsetzbar

Da brauchte man Musikinstrumente, die nicht mehr an den Kirchenraum gebunden waren. So kamen als eine Art mobile Allwetter-Orgeln die Blechblasinstrumente in Mode. Zumal sie ausreichend Lärm machen konnten und ihre festlichen Klänge die Gefühle ansprachen.

Den klassischen Kirchenmusikern war das oft ein Dorn im Auge. Es hat lange gedauert, bis Posaunenchöre offiziell von den Amtskirchen an­erkannt wurden. Das hatte freilich auch mit ihrer fehlenden Professionalität zu tun. Lange Jahrzehnte war die Bläserarbeit ein einziges Durcheinander ohne jede Struktur.

Ein schwarz-weiß Porträt von Johannes Kuhlo, er hält ein Waldhorn unter dem Arm.
epd-bild/Bodelschwingsche Anstalten in Bethel
Johannes Kuhlo gilt als Vater der evangelischen Posaunenarbeit.

Johannes Kuhlo brachte Ordnung in die Posaunenchöre

Das änderte sich erst mit Johannes Kuhlo (1856 – 1941), der Ordnung in die Posaunenwelt brachte. Kuhlo war evangelischer Pfarrer im westfälischen Hüllhorst und hatte sich schon als Kind das Altposaunenspiel autodidaktisch beigebracht.

Später ging er zu den Bodelschwinghschen Anstalten in Bethel und wurde Vorsteher der Diakonenanstalt Nazareth. Die Absolventen der Schule bildete er an Blasinstrumenten aus und schickte sie in die Gemeinden. So verbreiteten sich die  Posaunenchöre in Westfalen. Von Anfang an hatte Kuhlo klargemacht, dass das Posaunenspiel für ihn elementarer Teil der christlichen Verkündigung ist. Als „Mitarbeiter am Psalm 150“ sollte er sich einmal bezeichnen, worin es heißt: „Lobet den Herrn mit Posaunen.“ Bis heute gehört diese Botschaft zum Kernbestandteil der Posaunenchöre.

Einheitliche Notenschreibung und Grundstimmung 

Dass daraus eine evangelische Massenbewegung wurde, hat ebenfalls mit Johannes Kuhlo zu tun: Er stellte die Instrumente auf eine einheitliche Grundstimmung um, vereinfachte die Notenschreibung und gab Posaunenbücher heraus, die jahrzehntelang das Standardwerk der Chöre bilden sollten. Seine Verdienste machen ihn zu einer geschichtlichen Größe der Posaunenchorbewegung. Dass man Johannes Kuhlo heute dennoch in sehr gemischter Erinnerung hat, liegt an seinem glühenden Bekenntnis zum Nationalsozialismus.

Erster Posaunenchor in Württemberg in Reutlingen

Um 1880 kam die Posaunenchorbewegung in den Südwesten Deutschlands. Der 1881 gegründete Jünglingsverein in Reutlingen gilt als erster Chor in Württemberg, in Zeiskam in der Pfalz wurde 1885 eine Bläsergruppe ins Leben gerufen. Nach einer Durststrecke im Ersten Weltkrieg kam es in den 1920er-Jahren zu einer zweiten Gründungswelle.

Heute gibt es bundesweit etwa 100.000 Bläserinnen und Bläser in über 6.000 Chören. Sie sind fast ausnahmslos evangelisch, mit einer Ausnahme im fränkischen Veitsbronn: Dort gibt es seit über 50 Jahren einen rein katholischen Posaunenchor, der mangels Alternativen freilich Mitglied im Verband der evangelischen Posaunenchöre in Bayern ist.