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Kirchliche Finanzexperten im Interview

Die Kirche muss sparen: Fragen an zwei Finanzexperten

Die württembergische Landeskirche muss sparen. Doch wo und wie? Antje Schmitz hat zwei Finanzexperten – Tobias Geiger und Fabian Peters – zu den Sparmaßnahmen befragt. Von Antje Schmitz

Rotes Sparschwein mit weißen Punkten auf einem Holzboden
Unsplash/Andre Taissin

Die Landeskirche hat zu wenig Geld für die Pensionszusagen gegenüber ihren Pfarrerinnen und Pfarrern zurückgelegt. Bis zum Jahr 2036 sollen die Rückstellungen um eine Milliarde Euro steigen, dies haben die Synodalen auf ihrer Herbsttagung im November beschlossen. Die Landeskirche muss also mehr als 100 Millionen Euro jährlich sparen. Zum Vergleich: Im Jahr 2023 hatte der Haushalt der württembergischen Landeskirche ein Volumen von 777 Millionen Euro.

Am 28. März wird es in Württemberg konkreter: Auf der Frühjahrstagung der Landessynode werden der Oberkirchenrat und der Finanzausschuss über die Eckwerte zur mittelfristigen Finanzplanung für die Jahre 2025 bis 2029 berichten. Außerdem werden die Synodalen darüber debattieren, wie der Haushalt konsolidiert und die Versorgung der Pfarrerinnen und Pfarrer gesichert werden soll. Entscheidungen sind noch nicht zu erwarten, denn der Haushalt wird erst auf der Herbsttagung beschlossen, die vom 23. bis 25. Oktober stattfinden wird.

Fabian Peters leitet das Dezernat für Finanzmanagement und Informationstechnologie, Tobias Geiger ist Vorsitzender des Finanzausschusses der württembergischen Synode. Ihnen beiden wurden dieselben Fragen zu den Sparmaßnahmen in der Evangelischen Landeskirche in Württemberg gestellt.

Herr Peters, die württembergische Landeskirche muss im Lauf von zwölf Jahren jährlich über 100 Millionen Euro sparen. Wer schlägt vor, wieviel eingespart werden muss?

Fabian Peters
Foto: Gottfried Stoppel
Fabian Peters leitet das Dezernat 7.

Fabian Peters: Der Haushaltssouverän ist die Landessynode. Diese entscheidet darüber, welche kirchlichen Aufgabenbereiche mit wie viel Kirchensteuermitteln ausgestattet werden. Dafür macht der Evangelische Oberkirchenrat Vorschläge, denen die Landessynode zustimmen, verändern oder auch ablehnen kann. So sind wir auch bei der Aufstellung der Einsparungen vorgegangen. Der Evangelische Oberkirchenrat hat einen Vorschlag erstellt, der in den vergangenen Monaten in den ständigen Ausschüssen der Landessynode diskutiert wurde. Ein Zwischenschritt ist die jetzt folgende Diskussion des Einsparvorschlags im Rahmen der Frühjahrssynode.

Pfarrer Tobias Geiger
privat
Tobias Geiger ist Vorsitzender des Finanzausschusses.

Herr Geiger, wie erklären Sie den Menschen in den Gemeinden, dass so viel gespart werden muss?

Tobias Geiger: Die Einsparungen im Haushalt der Landeskirche sind aus zwei Gründen notwendig: Zum einen haben wir über unsere Verhältnisse gelebt und zu wenig Geld für die Pensionen von Pfarrerinnen und Pfarrern zurückgelegt. Synode und Oberkirchenrat sind sich einig: Wir dürfen diese Kosten nicht der nächsten Generation aufbürden. Deshalb wollen wir bis 2036 zusätzliche Rückstellungen von einer Milliarde Euro bilden. Zum anderen bleiben die Kirchensteuereinnahmen – bedingt durch die hohen Austrittszahlen und das Sinken der Wirtschaftsleistung in Baden-Württemberg – hinter den Erwartungen zurück. Kurzfristig kann der Fehlbetrag durch Entnahmen aus der Rücklage ausgeglichen werden. Doch spätestens ab 2028 müssen jährlich 103,9 Millionen Euro auf der Ausgabenseite eingespart werden. Für die Kirchenbezirke und -gemeinden soll der Zuweisungsbetrag trotz sinkender Kirchensteuereinnahmen mittelfristig stabil bleiben. Da jedoch die Ausgaben durch Lohnerhöhungen und die allgemeine Preisentwicklung steigen, sind auch hier Einsparungen notwendig.

Was ist der Kern von Kirche, der nicht angetastet werden darf?

Tobias Geiger: Kern der Kirche ist der Auftrag, das Evangelium in Wort und Tat zu verkündigen. Dieser Auftrag ist grenzenlos – Jesus sagt: „Gehet hin und machet alle Völker zu Jüngern.“ Doch unsere Mittel und Möglichkeiten sind begrenzt. Bis 2030 wird unsere Mitgliederzahl von einstmals 2,5 Millionen im Jahr 1970 auf 1,5 Millionen zurückgehen. Als kleiner werdende Kirche können wir nicht alle Dienste und Werke wie bisher finanzieren. Dieser Rückbau ist schmerzhaft, denn wir müssen in Bereichen kürzen, wo gute und wertvolle Arbeit geleistet wird. Doch trotz aller Einsparungen können wir weiterhin unsere Kernaufgaben in Kirche und Diakonie erfüllen. Für mich persönlich ist dabei das Evangelische Jugendwerk in Württemberg wichtig, damit wir den Glauben an die nächste Generation weitergeben.

Fabian Peters: Der Kern von Kirche ist die Verkündigung des Evangeliums in Wort und Tat. Das geschieht in unterschiedlichsten Ausprägungen und Arbeitsfeldern. Und das ist es auch, was es so kompliziert macht. Es ist meines Erachtens nicht hilfreich das eine gegen das andere auszuspielen. Nahezu alles, was wir derzeit tun, hat Wert und Wirkung. Nahezu alles dient dem Evangelium. Das bedeutet, dass jede Kürzung im landeskirchlichen Haushalt zur Folge hat, dass wir künftig an weniger Orten und mit weniger Intensität den Kern des kirchlichen Auftrags erfüllen können. Das ist schmerzhaft.

Was ist Ihre größte Befürchtung?

Fabian Peters: Unsere Kirche wird zweifellos kleiner, älter und ärmer. Es führt kein Weg daran vorbei auch unsere Strukturen daran anzupassen. Und gleichzeitig bleiben wir – wenn wir in so ziemlich jedes andere Land dieser Welt blicken – eine sehr reiche Kirche. Wenn es doch auch an anderen Orten dieser Welt gelingt trotz geringerer Ressourcen kreative, glaubensstarke und hoffnungssture Wege zu gehen, dann sollten wir das doch auch tun können. Meine Befürchtung ist, dass wir das aus dem Blick verlieren könnten.

Tobias Geiger: Meine Sorge ist eine doppelte: Dass wir die Zahlen und Prognosen anzweifeln und die vor uns liegenden Herausforderungen kleinreden. Oder dass wir angesichts der hohen Summen wie ein Kaninchen vor der Schlange in Schockstarre fallen und untätig bleiben. Doch der Oberkirchenrat hat mit Klarheit und Konsequenz eine Priorisierungsliste erarbeitet, um quer durch alle landeskirchlichen Arbeitsbereiche die notwendigen Einsparungen zu erreichen. Ich bin zuversichtlich, dass wir bis zur Herbstsynode die Beschlüsse fassen, um im Jahr 2028 einen ausgeglichenen Haushalt vorzulegen.

Was ist Ihre Hoffnung?

Tobias Geiger: Ich bin mit Jürgen Klopp in die Schule gegangen – einem der erfolgreichsten Fußballtrainer aller Zeiten. Am Pfingstsonntag 2024 wurde der 57-Jährige im Stadion in Liverpool verabschiedet. 60.000 Fans sangen „You’ll never walk alone“. Dieses Lied hat sich zu einem fast religiösen Ritual entwickelt. Eigentlich liegt das Copyright für solche Rituale bei uns als Kirche. In jedem Gottesdienst stellen wir uns unter den Segen Gottes. Die biblischen Worte sagen nichts anderes als der Song aus dem Stadion: „You’ll never walk alone“ – du bist nicht allein. Ich vertraue darauf, dass diese Zusage am Ende des Gottesdienstes nicht nur für jeden Einzelnen, sondern auch für die Kirche als Ganzes gilt. Wir sind nicht alleingelassen, sondern stehen auch als kleiner werdende Gemeinschaft unter Gottes Führung und Leitung.

Fabian Peters: Ich bin überzeugt, dass die evangelische Kirche eine wichtige Impulsgeberin in unserer Gesellschaft bleibt, die mit dem Evangelium gesellschaftsverändernd wirkt. Wir bleiben nicht für uns selbst, sondern schauen, wo wir gebraucht werden. Das macht mir Hoffnung, dass auch morgen Menschen in unserer Kirche glauben, vertrauen, laufen, hinfallen und wieder aufstehen lernen.