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Hildegard von Bingen

Die Reise an den Rhein

Wer auf den Spuren von Hildegard von Bingen wandeln will, kann einen 135 Kilometer langen Pilgerweg beschreiten. Er führt von Idar-Oberstein nach Bingen und Rüdesheim am Rhein. Mittendrin liegt jenes Kloser, an dem ihre geistliche Karriere begann: Disibodenberg. Von Andreas Steidel

Abtei St. Hildegard
Andreas Steidel, Katja Pfrommer
Liegt malerisch zwischen den Weinbergen von Rüdesheim-Eibingen: die neue Abtei St. Hildegard.

Ein Hauch von Mittelalter weht durch die Luft. Als ob der Wind die Gesänge der Mönche durch die alten Mauern schickt. Hier also, im abgeschiedenen Kloster Disibodenberg, begann Hildegards außergewöhnliche Laufbahn. Die Grundmauern der Kirche stehen noch, umschlungen von mächtigen Wurzeln und Ästen. An ihrer Seite prangt ein Schild „Frauenklause“, mit einem Fragezeichen dahinter. War hier ihre Zelle?

Vieles ist im Dunkeln aus diesen Zeiten. Über 40 Jahre lebte sie in jenem Klosterwäldchen, das heute einen Weinberg bekrönt. Ein Weg der Stille führt durch die Ruine, unterhalb von ihr steht eine moderne weiße Kapelle, die Hildegard gewidmet ist. Die Menschen kommen in großer Zahl, verewigen sich im Gästebuch am Altar: „Ein schöner und heiliger Ort, man spürt die Ruhe und Kraft, die von ihm ausgeht“, steht darin beispielsweise zu lesen.

Mit der Ruhe war es vorbei, als Hildegard 1141 ihre Gedanken öffentlich machte. Für hellen Aufruhr sorgte sie, als sie sich als Seherin zu erkennen gab. Eine Frau, aus der Gott spricht? Das war entweder Ketzerei oder eine Sensation. Der Abt von Disibodenberg setzte alles auf eine Karte, ging zum Bischof und der schließlich zum Papst. Es war eine Pokerpartie mit hohem Einsatz. Doch Hildegard gewann, wurde 1147 auf der Synode von Trier offiziell anerkannt, eine Prophetin im eigenen Lande, die fortan zu den gefragtesten Persönlichkeiten ihrer Zeit gehörte. Der Hildegard-von-Bingen-Pilgerwanderweg zeichnet die Stationen ihres Lebens nach. Ein 135 Kilometer langer Pfad von Idar-Oberstein an den Rhein, die Ruine Disibodenberg liegt in der Mitte.

Kloster am Disibodenberg
Andreas Steidel, Katja Pfrommer
Wo alles begann: Klosterruine Disibodenberg im Naheland. Im Museum am Strom in Bingen ist Hildegard heute eine Ausstellung gewidmet.

Wer ihn geht, macht sich wie Hildegard auf die Reise nach Bingen. 1150 packte sie ihre Mitschwestern und verließ Disibodenberg. Ein eigenes Kloster wollte sie gründen, am größten aller deutschen Flüsse, dort, wo die Musik spielte, Könige und Kirchenfürsten verkehrten. Wieder setzte sie sich durch, erhielt nach zähem Ringen die bischöfliche Erlaubnis, auf dem Rupertsberg in Bingen am Rhein neu zu bauen. Im „Museum am Strom“ in Bingen ist Hildegard das Hauptthema, Gäste aus aller Welt kommen in jene Stadt, die zu ihrem Beinamen wurde: Hildegard von Bingen! Kaum eine Frau aus dem Mittelalter ist heute bekannter als die Äbtissin vom Rupertsberg.

Das Kloster Rupertsberg stand am Zusammenfluss von Nahe und Rhein.  Eine majestätische Abtei in bester Lage, selbst die Ruinen, die nach dem Dreißigjährigen Krieg von ihr blieben, waren imposant. Doch dann passierte das heute Undenkbare: Die Klosterkirche musste dem Eisenbahnbau weichen, 1859 wurden ihre malerischen Reste in die Luft gesprengt. Von Hildegards Kloster ist heute in Bingen nichts mehr zu sehen. Ihre Spuren sind dennoch vielfältig, nachgezeichnet in einem Stationenweg, der durch die Stadt führt. Da gibt es eine Hildegard-Gedächtniskirche unweit der alten Abtei, ein Sehrohr am Flussufer, das den Rupertsberg visuell wiederauferstehen lässt, sowie den „Hildegarten“ gleich neben dem Museum am Strom.

Hildegard, ihre Kräuter und Medizin: Dutzende von Büchern sind dem Thema gewidmet. Es ist ein wenig unklar, wie viele der Rezepte wirklich auf sie zurückgehen. Auf jeden Fall hat sie das Wissen ihrer Zeit zusammengetragen und etwas Ganzheitliches daraus gemacht. Die Einheit von Körper und Seele, die Natur und ihre Kraft: in Hildegards Lehrbuch „Physica“ wimmelt es nur so von heilenden Steinen und Pflanzentinkturen. Hildegard verkehrte mit den Mächtigen ihrer Zeit. Reiste zu Vorträgen nach Köln und Trier, traf Kaiser Barbarossa in der nahen Pfalz in Ingelheim. 1179 starb sie im Alter von 81 Jahren auf dem Rupertsberg in Bingen. Eine Universalgelehrte des Mittelalters, mit einer Vielzahl von Facetten und Begabungen, selbst als Komponistin von geistlichen Gesängen tat sie sich hervor.

Doch ihr Ruf verblasste. Über Jahrhunderte zog sich der Prozess ihrer Heiligsprechung. Erst im späten 19. Jahrhundert begann ihre Wiederentdeckung. Als 1895 auf dem Binger Rochusberg eine Wallfahrtskapelle errichtet wurde, gehörte ein goldener Baldachinaltar zu seinen Schmuckstücken. In lebendigen Bildern erzählt er das Leben Hildegards, der heute auf dem Rochusberg auch ein Begegnungshaus der Kreuzschwestern gewidmet ist. Ihre sterblichen Überreste liegen jedoch auf der anderen Rheinseite. Vermutlich hatte sie dort ein zweites Kloster gegründet, in Rüdesheim-Eibingen. Die Pfarrkirche steht genau an jener Stelle, wo es gewesen sein soll. Auf dem Altar ruhen in einem vergoldeten Schrein die Reliquien Hildegards: „Haupt, Herz, Zunge, Haar und Gebeine“, wie es in einer Beschreibung heißt.

Die meisten Besucher pilgern jedoch zu einem Bauwerk ein paar hundert Meter darüber: Malerisch inmitten der Rheingau-Weinberge thront die Abtei St. Hildegard, ein neues Kloster aus dem Jahre 1904, das sich ganz und gar in ihre Nachfolge stellt. „Unsere Gründerin“, steht stolz auf einer der Tafeln, die die Besucher empfangen. Tatsächlich hat sich die Abtei große Verdienste in der Hildegard-Forschung erworben und ihr Hauptwerk „Scivias“ („Wisse die Wege“) detailgetreu abgeschrieben – ein Glücksfall angesichts der Tatsache, dass das Original im Zweiten Weltkrieg verloren ging.

Die Gäste genießen den Klosterwein sowie zahlreiche Dinkelprodukte, die dort im Café angeboten werden. Dinkel-Nussecken gibt es, hausgebackenes Dinkelbrot, eine Dinkel-Tagessuppe: Für Hildegard von Bingen war gesunde Ernährung ein zentraler Bestandteil ihrer Lehre und der Dinkel das „vorzüglichste Getreide“, auch weil von ihm „Frohsinn und Freude“ ausgehen. Von hier oben hat man einen prächtigen Blick hinunter auf den Rhein, Bingen und die Spitze des Rochusbergs: ein Horizont so weit wie der von Hildegard.