Ein Hauch von Mittelalter weht durch die Luft. Als ob der Wind die Gesänge der Mönche durch die alten Mauern schickt. Hier also, im abgeschiedenen Kloster Disibodenberg, begann Hildegards außergewöhnliche Laufbahn. Die Grundmauern der Kirche stehen noch, umschlungen von mächtigen Wurzeln und Ästen. An ihrer Seite prangt ein Schild „Frauenklause“, mit einem Fragezeichen dahinter. War hier ihre Zelle?
Vieles ist im Dunkeln aus diesen Zeiten. Über 40 Jahre lebte sie in jenem Klosterwäldchen, das heute einen Weinberg bekrönt. Ein Weg der Stille führt durch die Ruine, unterhalb von ihr steht eine moderne weiße Kapelle, die Hildegard gewidmet ist. Die Menschen kommen in großer Zahl, verewigen sich im Gästebuch am Altar: „Ein schöner und heiliger Ort, man spürt die Ruhe und Kraft, die von ihm ausgeht“, steht darin beispielsweise zu lesen.
Mit der Ruhe war es vorbei, als Hildegard 1141 ihre Gedanken öffentlich machte. Für hellen Aufruhr sorgte sie, als sie sich als Seherin zu erkennen gab. Eine Frau, aus der Gott spricht? Das war entweder Ketzerei oder eine Sensation. Der Abt von Disibodenberg setzte alles auf eine Karte, ging zum Bischof und der schließlich zum Papst. Es war eine Pokerpartie mit hohem Einsatz. Doch Hildegard gewann, wurde 1147 auf der Synode von Trier offiziell anerkannt, eine Prophetin im eigenen Lande, die fortan zu den gefragtesten Persönlichkeiten ihrer Zeit gehörte. Der Hildegard-von-Bingen-Pilgerwanderweg zeichnet die Stationen ihres Lebens nach. Ein 135 Kilometer langer Pfad von Idar-Oberstein an den Rhein, die Ruine Disibodenberg liegt in der Mitte.
Die meisten Besucher pilgern jedoch zu einem Bauwerk ein paar hundert Meter darüber: Malerisch inmitten der Rheingau-Weinberge thront die Abtei St. Hildegard, ein neues Kloster aus dem Jahre 1904, das sich ganz und gar in ihre Nachfolge stellt. „Unsere Gründerin“, steht stolz auf einer der Tafeln, die die Besucher empfangen. Tatsächlich hat sich die Abtei große Verdienste in der Hildegard-Forschung erworben und ihr Hauptwerk „Scivias“ („Wisse die Wege“) detailgetreu abgeschrieben – ein Glücksfall angesichts der Tatsache, dass das Original im Zweiten Weltkrieg verloren ging.
Die Gäste genießen den Klosterwein sowie zahlreiche Dinkelprodukte, die dort im Café angeboten werden. Dinkel-Nussecken gibt es, hausgebackenes Dinkelbrot, eine Dinkel-Tagessuppe: Für Hildegard von Bingen war gesunde Ernährung ein zentraler Bestandteil ihrer Lehre und der Dinkel das „vorzüglichste Getreide“, auch weil von ihm „Frohsinn und Freude“ ausgehen. Von hier oben hat man einen prächtigen Blick hinunter auf den Rhein, Bingen und die Spitze des Rochusbergs: ein Horizont so weit wie der von Hildegard.