Christentum und Feminismus
Doch auch innerhalb der Freikirchenlandschaft gebe es große Unterschiede, sagt Martin Fritz. Die Theologin Mira Ungewitter ist Pastorin einer freien baptistischen Gemeinde. Sie vertritt feministische Positionen. In ihrem Buch „Gott ist Feministin“ befasst sie sich viel mit Frauenfiguren und weiblichen Gottesbildern in der Bibel. „Die ersten Zeuginnen der Auferstehung waren Frauen, Frauen hatten führende Rollen in den ersten Gemeinden und sie waren Apostelinnen“, sagt Ungewitter. Für sie gehören Christentum und Feminismus untrennbar zusammen.
Die Bibel enthält über 3.000 Stellen zum Thema soziale Gerechtigkeit: Das würde ich als Fingerzeig sehen, der auf Geschlechtergerechtigkeit hinweist.
sagt Mira Ungewitter, Pastorin in einer baptistischen Gemeinde
Die biblische Rolle der Frau
Auch Highholder und Friesen begründen ihre Meinung mit der Bibel und ziehen einen Vers in Paulus Brief an die Epheser heran: „Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter, so wie ihr euch dem Herrn unterordnet.“
Ungewitter setzt dem entgegen, dass die Bibel in einem antiken und darüber hinaus patriarchalen Kontext entstanden sei. „Sie enthält genauso antifeministische, wie auch feministische Passagen beziehungsweise Passagen, die das Patriarchale brechen.“
Fritz betont, dass jeder Mensch die Bibel selektiv auslege. Die Bibel sei ein großes Buch, ihre unterschiedlichen Aussagen sind in der Auslegung ideologisch dehnbar. Im Grunde sei die Rolle der Frau kein genuines Thema der Bibel, es würden verschiedene Rollenvorstellungen vorausgesetzt. Die moderne Kleinfamilie, bestehend aus Vater, Mutter und Kindern, die in konservativ-christlichen Kreisen oft als Ideal hochgehalten werde, finde sich nicht in der Bibel.
Man hat mit der Bibel auch schon Polygamie und Sklaverei gerechtfertigt.
sagt Martin Fritz
Konservative Werte und Emanzipation der Frau: Ein Widerspruch?
Vor allem in neocharismatischen Kirchen werde immer wieder eine klare Vorstellung von Männer- und Frauenrollen gepredigt, sagt Fritz. „Mir ist nicht klar, ob so viele junge Frauen neocharismatische Freikirchen besuchen, weil dort konservative Werte vertreten werden, oder trotzdem.“ Die Gottesdienstbesucherinnen seien dem Anschein nach total emanzipiert.
Das sind Young Urban Professionals, die sich da versammeln. Da herrscht eine jugendliche Erfolgskultur, wo die Frauenemanzipation ganz selbstverständlich ist.
sagt Theologe Martin Fritz
Auch Highholder und Friesen widersprächen sich in Teilen selbst. Schließlich nähmen sie „alle feministischen Errungenschaften unhinterfragt für sich in Anspruch“, sagt Fritz. Highholder führe als promovierte Ärztin ein emanzipiertes Leben und habe keine Rollenkonflikte auszutragen. Auch Friesen sei als Influencerin und Inhaberin einer Modemarke Businessfrau und entspreche nicht dem Ideal der klassischen Hausfrau und Mutter.