Der Galgen. Mitten auf dem Gelände hat man jenes Holzkonstrukt stehen lassen, an dem 1947 Rudolf Höss, der Kommandant des Vernichtungslagers Auschwitz, aufgeknüpft wurde. Auch wenn man eigentlich gegen die Todesstrafe ist, kann man sich ein klammheimliches Gefühl der Genugtuung nicht verkneifen: Wer eine Million Menschen grundlos in den Tod schickt, hat eigentlich nichts anderes verdient.
Die deutsche Führung über das Gelände ist gut, fast alle gängigen Sprachen werden angeboten. Rund zwei Millionen Besucher kommen jährlich nach Auschwitz, viele junge Menschen sind dabei, ein lebendiges Stimmengewirr in der Warteschlange. Während des Rundgangs jedoch herrscht Ruhe. Kein Lachen, kein dummer Spruch, kein Applaus für den Guide am Ende.
Eine Führung durch Auschwitz ist anders als vieles andere. Auch anders als der Besuch in Dachau oder in Buchenwald. Nirgendwo sonst wurde eine solche Vielzahl von Menschen massenhaft ermordet: Eine Million Juden waren es und gut 100 000 andere Opfer. Auschwitz war eine mit eiskalter Effizienz organisierte Todesfabrik.
Für den reibungslosen Ablauf sorgte Lagerkommandant Rudolf Höss. Kein Sadist war er wie der aus Schindlers Liste bekannte Amon Göth, der vom Balkon seiner Villa Gefangene erschoss. Höss war ein korrekter deutscher Beamter und ergebener Befehlsempfänger. Ein Familienmensch, der fünf Kinder in die Welt setzte. Ich erinnere mich an den Film mit Götz George aus dem Jahr 1977 („Aus einem deutschen Leben“), der einen Mann zeigt, der ohne nachzudenken einfach funktionierte.
Ich denke an Ben Lesser, einen der Zeitzeugen, der einst davon erzählte. Lesser war 1944 in Auschwitz, als 400 000 ungarische Juden dort ankamen: Es war die größte Vernichtungsaktion in der Zeit des Dritten Reiches.
Was treibt eine Nation an, so etwas zu organisieren, wo eigentlich jeder Mann für den Kriegseinsatz gebraucht wurde?
Ben Lesser
Der zweite und größere Teil des Museums ist Auschwitz-Birkenau, das Vernichtungslager Auschwitz II. Es liegt drei Kilometer außerhalb, neben einem Dorf, das die Nazis räumen ließen. Dort war die Todesfabrik mit Gaskammern und Krematorien.
Ein kostenloser Shuttle-Bus verkehrt zwischen beiden Teilen, man kann aber auch zu Fuß gehen. Die letzten Gefangenen wurden im Januar 1945 auf lange Todesmärsche geschickt, in Richtung Westen. Am 27. Januar kam die Rote Armee, der Tag der Befreiung. Sie trafen noch wenige Tausend Häftlinge an, viele von ihnen waren trotz größter medizinischer Anstrengungen nicht mehr zu retten.