Holocaust Gedenktag

Ein Gefühl der Beklemmung

Seit 2006 ist der 27. Januar der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Er erinnert an die Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. Ein Besuch am historischen Ort in Polen ist ein ebenso eindrückliches wie beklemmendes Erlebnis.

Andreas Steidel

Der Galgen. Mitten auf dem Gelände hat man jenes Holzkonstrukt stehen lassen, an dem 1947 Rudolf Höss, der Kommandant des Vernichtungslagers Auschwitz, aufgeknüpft wurde. Auch wenn man eigentlich gegen die Todesstrafe ist, kann man sich ein klammheimliches Gefühl der Genugtuung nicht verkneifen: Wer eine Million Menschen grundlos in den Tod schickt, hat eigentlich nichts anderes verdient.

 

Die Gedenkstätte Auschwitz ist ganzjährig geöffnet, zwischen April und Oktober ist sehr viel los. In Oświecim gibt es auch Hotels. Mehr unter www.auschwitz.org

Seit Langem schon hatten wir uns vorgenommen, Auschwitz zu besuchen. Es hat ein Weilchen gedauert, weil es ja doch sehr weit weg ist: Über 1000 Kilometer östlich von Stuttgart oder Speyer liegt es, in Polen. Eine Distanz zu Deutschland, die nicht zufällig gewählt wurde: Niemand sollte mitbekommen, was fernab der Heimat an Ungeheuerlichem geschah.

epd-bild/ akg-images
Ungarische Juden 1944 bei der Ankunft in Auschwitz.

Schweigend gehen wir über ein Gelände, dessen Bilder uns vielfach bekannt sind. Das gilt vor allem für die Rampe mit den Gleisen, an denen täglich die Häftlingstransporte ankamen. In warme Mäntel gehüllt stehen wir dort, wo einst ausgemergelte und halb verhungerte Menschen „selektiert“ wurden. Danach ging es für sie in die Baracken oder direkt in die Gaskammer.

 

Die deutsche Führung über das Gelände ist gut, fast alle gängigen Sprachen werden angeboten. Rund zwei Millionen Besucher kommen jährlich nach Auschwitz, viele junge Menschen sind dabei, ein lebendiges Stimmengewirr in der Warteschlange. Während des Rundgangs jedoch herrscht Ruhe. Kein Lachen, kein dummer Spruch, kein Applaus für den Guide am Ende.

Eine Führung durch Auschwitz ist anders als vieles andere. Auch anders als der Besuch in Dachau oder in Buchenwald. Nirgendwo sonst wurde eine solche Vielzahl von Menschen massenhaft ermordet: Eine Million Juden waren es und gut 100 000 andere Opfer. Auschwitz war eine mit eiskalter Effizienz organisierte Todesfabrik.

 

 

Andreas Steidel

Für den reibungslosen Ablauf sorgte Lagerkommandant Rudolf Höss. Kein Sadist war er wie der aus Schindlers Liste bekannte Amon Göth, der vom Balkon seiner Villa Gefangene erschoss. Höss war ein korrekter deutscher Beamter und ergebener Befehlsempfänger. Ein Familienmensch, der fünf Kinder in die Welt setzte. Ich erinnere mich an den Film mit Götz George aus dem Jahr 1977 („Aus einem deutschen Leben“), der einen Mann zeigt, der ohne nachzudenken einfach funktionierte.

Andreas Steidel
Büchsen des Giftgases Zyklon B

Er perfektionierte auch das Töten, bis jene geräuschlose Methode gefunden war, bei der kein Schuss mehr fiel: die Vergasung mit Zylon B. Wie Konservenbüchsen liegen die Blechdosen des blausäurehaltigen Giftgases in der Vitrine des Museums in Auschwitz. Abfallprodukte eines Arbeitsalltags, der Leichen produzierte wie anderswo Schrauben.

 

Andreas Steidel
Der Schriftzug „Arbeit macht frei“ im Konzentrationslager Auschwitz

Wir haben uns sehr viel Zeit genommen für Auschwitz. Die braucht man auch, denn das Gelände ist riesig. Über 190 Hektar umfasst das Gedenkareal, das im Wesentlichen in zwei Bereiche unterteilt ist. Da gibt es zunächst das Stammlager Auschwitz I, das zuvor eine polnische Kaserne war und ab 1940 in ein KZ umgewandelt wurde. Der Schriftzug „Arbeit macht frei“ prangt dort noch heute über dem Tor. Hier marschierten einst die Arbeitstrupps entlang, sarkastisch begleitet von den Klängen des Häftlingsorchesters. Eine bizarre Vorstellung.

 

Ich denke an Ben Lesser, einen der Zeitzeugen, der einst davon erzählte. Lesser war 1944 in Auschwitz, als 400 000 ungarische Juden dort ankamen: Es war die größte Vernichtungsaktion in der Zeit des Dritten Reiches.

Was treibt eine Nation an, so etwas zu organisieren, wo eigentlich jeder Mann für den Kriegseinsatz gebraucht wurde?

Ben Lesser

Der zweite und größere Teil des Museums ist Auschwitz-Birkenau, das Vernichtungslager Auschwitz II. Es liegt drei Kilometer außerhalb, neben einem Dorf, das die Nazis räumen ließen. Dort war die Todesfabrik mit Gaskammern und Krematorien.

Ein kostenloser Shuttle-Bus verkehrt zwischen beiden Teilen, man kann aber auch zu Fuß gehen. Die letzten Gefangenen wurden im Januar 1945 auf lange Todesmärsche geschickt, in Richtung Westen. Am 27. Januar kam die Rote Armee, der Tag der Befreiung. Sie trafen noch wenige Tausend Häftlinge an, viele von ihnen waren trotz größter medizinischer Anstrengungen nicht mehr zu retten.

 

Andreas Steidel

Zu einem kleinen Licht der Hoffnung wurde für uns der Besuch in Krakau, es ist nur 70 Kilometer entfernt. Dort steht die ehemalige Fabrik des Unternehmers Oskar Schindler. 1200 Juden hat er gerettet, unter Einsatz seines Lebens, ein paar Hundert von ihnen waren mit dem Zug bereits nach Auschwitz transportiert worden.

So wurden die Dinge, die man aus Film und Fernsehen kennt, plötzlich lebendig. Der authentische Ort, er verfehlt seine Wirkung nicht. Verknüpft Bilder und Erinnerungen mit realen Plätzen und Gegenständen.

Einst gab es sogar einen Wohnort, der Auschwitz hieß, weil die Gegend bis 1918 zu Österreich-Ungarn gehörte. Heute trägt er nur noch den polnischen Namen Oświecim: eine 40 000-Einwohner-Stadt mit Hotels und einem Alltagsleben jenseits der Vergangenheit.

Die ist für alle Zeit mit dem Namen Auschwitz-Birkenau verbunden. Die letzten Zeitzeugen sterben, aber die Erinnerung bleibt auch dank dieser beeindruckenden Gedenkstätte im Südwesten Polens erhalten