In der Osternacht des Jahres 1523 floh Katharina aus ihrem Kloster. Sie hatte sich dort nie besonders wohl gefühlt, tat sich mit den Gelübden schwer, ungefragt hatte man sie im Alter von fünf Jahren in einen Konvent gesteckt. Die Tochter des Landadeligen Johan von Bora teilte damit das Schicksal vieler höherer Töchter des Mittelalters.
Doch die Zeiten hatten sich geändert. Im sächsischen Wittenberg hatte sich ein Mönch namens Martin Luther über die Verbindlichkeit von Klostergelübden ausgelassen. Seit Jahren forderte er den Papst heraus und hatte sich sogar mit dem Kaiser angelegt. Dank mächtiger Freunde sammelte er täglich neue Anhänger.
Katharina von Bora lernt Martin Luther kennen
Das machte Katharina Mut. Mit zwölf ihrer Mitschwestern wagte sie den Ausbruch. Von ihrem Zisterzienserinnenkloster Marienthron in Nimbschen bei Grimma schlug sie sich ins 100 Kilometer weiter nördlich liegende Wittenberg durch. Dort wartete die Freiheit auf sie und womöglich ein Ehemann für eine bessere Zukunft.
Der Junggeselle Martin Luther nahm sich ihrer an. Er brachte sie bei Freunden unter, den Cranachs, in deren Malerhaushalt sie arbeiten durfte. Luther hatte sich auch für sie umgesehen: Der Wittenberger Student Hieronymus Baumgartner aus Nürnberg war eine gute Partie.
Katharina von Bora soll einen anderen Mann heiraten
Katharina mochte ihn und er sie. Der Hochzeit schien nichts mehr im Wege zu stehen. Doch seine Eltern lehnten ab. Eine entlaufene Nonne als Schwiegertochter, das hatte ihnen gerade noch gefehlt. So scheiterte die Beziehung und Luther musste weitersuchen: Der angesehene Pfarrer Kaspar Glatz aus Orlamünde schien der nächste vielversprechende Kandidat zu sein.
Doch Katharina lehnte ab! Ein unglaublicher Vorgang für eine Frau ihrer Zeit und ein erstes Zeichen dafür, dass sie sich nicht herumkommandieren lassen würde. Luther war erbost und fand sich mal wieder in seiner Ansicht bestätigt, wohin es führte, wenn man Frauen ihren Willen ließ: „Das Weiberregiment nimmt selten ein gut End“, lautet einer seiner Sinnsprüche.
Seine eigene Frauenbeziehung hatte ebenfalls kein gutes Ende genommen. Die von ihm verehrte Ave von Schönfeldt, die mit Katharina aus dem Kloster geflohen war, hatte sich nicht länger von ihm hinhalten lassen und den Hausapotheker der Cranachs geheiratet.
Luther und Katharina kommen sich näher
So standen am Ende Katharina von Bora und Martin Luther alleine da. Wie sie schließlich zueinanderkamen, ist bis heute nicht ganz geklärt. Irgendwann soll Katharina einmal beiläufig geäußert haben, dass sie von den seltsamen Kandidaten Luthers die Nase voll hatte. Wenn sie einen nehmen würde, dann den Reformator selbst.
Womöglich hatte ihn das herausgefordert. Irgendwie fand er Gefallen an der Frau, die sich den Mund nicht verbieten ließ. Im Geheimen trafen sie sich und begannen über eine Verbindung nachzudenken, die für beide von Vorteil sein könnte. Eine Zweckehe, wie sie nicht selten geschlossen wurde in jenen Tagen.
Eine skandalöse Vermählung
Ende Mai 1525 machten sie ihre Pläne öffentlich. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer: Der Mönch Martin Luther und die Nonne Katharina von Bora, zwei zur Ehelosigkeit verpflichtete Ordensleute, wollten heiraten. Das war doppelte Ketzerei, in vielen Teilen des Reichs hätte man sie dafür hingerichtet.
Auch im Lager der Reformation war man nicht begeistert. Luthers Freund Philipp Melanchton, wohl auch sauer darüber, dass man ihn nicht ins Vertrauen gezogen hatte, sprach von einer „unglücklichen Tat“. Wer noch auf eine Versöhnung mit der katholischen Kirche spekuliert hatte, brauchte darauf nun nicht mehr zu hoffen. Und würde sich Luther nun überhaupt noch seiner Arbeit widmen können?
Der Reformator und seine Katharina ließen sich von alledem nicht beeindrucken. Eigenwillige Köpfe, die sie beide waren, schweißte sie der Druck von außen nur noch mehr zusammen. Am 13. Juni 1525 gaben sie sich im kleinen Kreis das Jawort, am 27. Juni wurde groß gefeiert.
Die erfolgreiche Ehe der Luthers
Ihre Ehe war letztlich eine Erfolgsgeschichte. Im ehemaligen Augustinerkloster in Wittenberg gründeten sie einen Haushalt. Dank des Professorengehalts, das Luther bezog, und der Einnahmen aus dem Gästebetrieb wurde daraus ein Familienbetrieb mit rund zehn Bediensteten.
Katharina war für alle wirtschaftlichen Belange zuständig. Mit Umsicht führte sie das Luther-Haus und durfte selbst bei den Abendgesellschaften mit am Tisch sitzen. „Mein Herr Käthe“ nannte sie der Reformator voller Hochachtung, sie war nicht nur seine Ehefrau, sondern auch eine geschätzte Beraterin.
In immer stärkerem Maße war aus der Zweckgemeinschaft eine von wachsender Zuneigung geprägte Liebesbeziehung geworden. Sechs Kinder wurden den Luthers geschenkt, die sich ebenso ergänzten, wie sie Seelenverwandte waren. So schrieb Martin Luther eines Tages: „Ich wollte meine Käthe weder für Frankreich noch für Venedig hergeben.“
Reinszenierung der Lutherhochzeit in Wittenberg seit 1994
Seit 1994 feiert ihr Heimatort Wittenberg ihre Vermählung mit einem großen Stadtfest. Im 500. Jubiläumsjahr der Luther-Hochzeit fällt das natürlich besonders prächtig aus, mit einer langen Festtafel und 2000 Gewandträgern, die die Zeit der Reformation wieder aufleben lassen.