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Landesbischof und Kirchenpräsidentin

Ernst-Wilhelm Gohl und Dorothee Wüst im Gespräch: Zuversichtlich in die Zukunft

Die Kirchen sind im Aufbruch. Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst aus der Pfalz und Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl aus Württemberg sprechen darüber, was zu tun ist und was sie zuversichtlich stimmt. Von Tobias Glawion und Florian Riesterer

Frau Kirchenpräsidentin Wüst, Herr Landesbischof Gohl, was bedeutet „Aufbruch“ für Sie?

Dorothee Wüst: Es gibt ja das schöne Sprichwort: Wenn sich eine Tür schließt, geht eine andere auf. Für mich heißt Aufbruch, die Chancen zu nutzen, die in der Zukunft liegen, und nicht nur das zu sehen, was schwierig ist.

Ernst-Wilhelm Gohl: Da finde ich die Heilige Schrift sehr wohltuend, dort gibt es tolle Aufbruchsgeschichten, zum Beispiel von der Sklaverei in Ägypten in die Freiheit. Man startet mit Freude und sehnt sich dann in der Wüste zu den vermeintlich besseren Zeiten zurück. Duftende Fleischtöpfe hat es aber nie gegeben, sondern eine dünne Wassersuppe und Peitschen. Ein Aufbruch ist anstrengend. Man verlässt etwas Vertrautes, das kostet Kraft. Aufbruch heißt: Wir verharren nicht im Status quo, sondern wir sind unterwegs. Wir haben eine gute Botschaft, wir haben ein Ziel.

Der Landesbischof der Evangelischen Württembergischen Landeskirche Ernst-Wilhelm Gohl (links) und die Kirchenpräsidentin der Evangelischen Kirche in der Pfalz (rechts) sitzen gemeinsam an einem Tisch. Auf dem Tisch stehen Kaffeetassen. Im Hintergrund ist ein Bildschirm zu sehen auf dem steht "Evangelisches Gemeindeblatt"
Foto: Werner Kuhnle
Ernst-Wilhelm Gohl und Dorothee Wüst im Gespräch

Wie erleben Sie Verlusterfahrung?

Ernst-Wilhelm Gohl: Ich besuche Gemeinden, die Gemeindehäuser aufgeben, an denen große Erinnerungen hängen. Wir machen das nicht aus Spaß, sondern weil wir einen Auftrag als Kirche haben und begrenzte Mittel. Entscheidend ist, dass man Trauer zulässt. Aber wir dürfen nicht darin steckenbleiben.

Dorothee Wüst: Verlustgefühle brauchen Raum, ob im privaten oder im kirchlichen Bereich. Manchmal gehen wir zu schnell darüber hinweg. Die Kunst besteht darin, den Punkt zu finden, wo es eine Perspektive geben kann.

Sind Sie überrascht, dass Trauer mehr Raum braucht?

Dorothee Wüst: Nein. Ich glaube, jeder, der nicht damit gerechnet hat, dass es zu Trauerprozessen kommt, zu Empörung, auch zu Wut und Zorn, der ist nicht von diesem Planeten. Ich arbeite seit 30 Jahren in dieser Kirche. Ich bin großgeworden mit den Traditionen, mit der flächendeckenden Präsenz von Volkskirche. Allein den Respekt vor den eigenen Trauerprozessen zu haben, schärft das Verständnis. Dass die Menschen spüren, dass man sie sieht und hört in ihren Gefühlslagen, ist ein großer Wert in diesem ganzen Prozess.

Ernst-Wilhelm Gohl: In Siebenbürgen habe ich etwas Erhellendes erlebt. Eine Kollegin sagte zu mir: „Herr Gohl, wir waren 30 Jahre depressiv, und jetzt wissen wir, wie Gottes Geist in uns wirkt.” Ihre Kirche hat innerhalb kurzer Zeit fast 90 Prozent der Mitglieder verloren, weil diese ausgewandert sind. Das hat mir die Augen geöffnet. Auch wir sind ein Stück weit depressiv. Das hat sein Recht, wir dürfen nur nicht darin hängenbleiben.

Dorothee Wüst: Ich bin immer wieder dankbar für Begegnungen mit Kirchen in anderen Ländern Europas, weil die schon längst in der ­Diaspora leben müssen, wovon wir noch weit entfernt sind. Wieviel Gottvertrauen dort herrscht und wieviel Aufbruchsgeist!

Portrait von Landesbischof der Evangelischen Landeskirche in Württemberg Ernst-Wilhelm Gohl
Foto: Werner Kuhnle
Landesbischof der Evangelischen Landeskirche in Württemberg: Ernst-Wilhelm Gohl.

Was muss Kirche loslassen, um offen für Neues sein zu können?

Ernst-Wilhelm Gohl: Wenn ich das Patentrezept hätte, wäre ich stolz. Wie kommen wir dem Auftrag nach, Evangelium zu bezeugen in Wort und Tat? Das sieht in Stuttgart anders aus als auf der Alb. Als Kirchenleitung müssen wir Freiheiten eröffnen. Wir müssen mobiler werden. Es gibt ja das schöne Bild von der Kirche als Herberge. Kristin Jahn, die Generalsekretärin des Kirchentags, hat es geprägt: Kirche als Herberge zur Mündigkeit, als Anlaufstelle. Dort wirst du gestärkt und ziehst als mündiger Christ weiter.

Dorothee Wüst: Wir müssen die Selbstverständlichkeiten loslassen, die alten Bilder, die uns geprägt haben, die Überzeugung, Volkskirche zu sein. Wir werden uns schnell von der Vorstellung lösen müssen, dass wir eine flächendeckende Pastoral-Versorgung vorhalten können. Darin steckt eine Riesenchance, nämlich die Mündigkeit des Ehrenamts, also das, was uns als protestantischer Kirche so wichtig ist, das Priestertum aller Getauften. Wir werden deutlich mehr Wege ersinnen müssen, wie wir auf Menschen zugehen.

Wie kann die Herberge attraktiv werden?

Ernst-Wilhelm Gohl: Indem wir ermöglichen, dass Menschen in einer bestimmten Lebenssituation spüren: Gott begleitet dich auf diesem Weg. Die kommen nicht sonntagmorgens um zehn in die Kirche, aber sie kommen zu einer Aktion auf der Königstraße. Da sammeln sie kurz Kraft und gehen dann weiter ihren Weg.

Dorothee Wüst: Mit der Segensagentur „Blessed Pfalz” machen wir super Erfahrungen. Als Kirche sind wir für die Menschen an dem Ort, wo sie es brauchen. Aber wir erwarten keine Dauerhaftigkeit. Das ist auch nicht unser Auftrag. Unser ­Auftrag ist die Verkündigung des Evangeliums in Wort und Tat.

Ernst-Wilhelm Gohl: Ich war beim Vorlesetag in einer kleinen Alb­gemeinde. Tolle Verbindung zur Grundschule, tolle Verbindung ins Altersheim, ein Dorfladen mit Café und überall ist die Kirche mit Mitarbeitenden dabei. Es geschieht so viel Gutes. Das müssen wir wieder stärker ins Bewusstsein bringen. Ein toller Leuchtturm ist die Kirchenmusik. Jeder, der am Karfreitag zur Johannespassion oder Matthäuspassion kommt, geht anders aus der Kirche hinaus. So etwas als Chance zu begreifen, das steht für mich unter dem Begriff „Herberge zur Mündigkeit”.

Wie können wir die Ehrenamtlichen entlasten, aber auch stärken?

Ernst-Wilhelm Gohl: Es ist wirklich wichtig, dass Ehrenamtliche, wenn sie Ideen haben, erleben: „Ja, lass uns das doch miteinander ausprobieren.” Wir als evangelische Kirche müssen darin eine Bereicherung sehen. Das ist Mündigkeit, auch theologisch. Bibelstunden sind wichtig, Erwachsenenbildung. Das alles sind Formen, wie man die Mündigkeit stärkt, so dass jeder Christ und jede Christin auch bei ethisch schwierigen Themen zu einer eigenen Meinung kommt.

Verändert sich Kirche auch in der Wirkung nach außen?

Ernst-Wilhelm Gohl: Nach außen wirken ist immer noch unsere Aufgabe, und zwar unabhängig von unserer Größe. Das Evangelium wirkt in die Welt hinein. Deshalb ist es wichtig, dass sich Christinnen und Christen auch gesellschaftlich äußern und engagieren. Die große Frage lautet: Wie bringt man sich in den Diskurs ein, ohne dass es weiter zu Polarisierung führt? Brückenbauen ist das Gebot der Stunde.

Portrait von Kirchenpräsidentin der Evangelischen Kirche in der Pfalz Dorothee Wüst
Foto: Werner Kuhnle
Kirchenpräsidentin der Evangelische Kirche der Pfalz: Dorothee Wüst.

Frau Wüst, welche Rolle spielt die Kirche als Schutzraum?

Dorothee Wüst: Wenn ich einen Diskursraum aufmache, dann muss der notwendig ein Schutzraum für Menschen sein, die angegriffen werden. Man kann von uns erwarten, dass wir eine klare Position kommunizieren, aber auch Diskursräume offenhalten, in denen man Meinungsverschiedenheiten unter der Wahrung von Menschenwürde, mit Achtung und Respekt austragen kann. Ich merke, dass die enger zusammenrücken, die für eine Stärkung von Demokratie stehen. Es gibt ein großes Interesse daran, dass wir als Kirche unsere Stimme erheben und uns für eine Stärkung der Demokratie und deren Werten einsetzen.

Ernst-Wilhelm Gohl: Das Stuttgarter Schuldbekenntnis hat gerade Jubiläum gehabt. Darin wird beklagt, dass man zu spät oder zu schwach protestiert habe. Eine Lehre daraus ist, dass wir frühzeitig benennen müssen, wo die Menschenwürde verletzt wird. Wir dürfen uns auch nicht zu sehr in die Defensive reden lassen.

Dorothee Wüst: Im Moment merke ich diese Haltung der Selbstverzwergung. Die können wir uns nicht leisten. Und zwar einfach deshalb, weil wir einen Auftrag haben, den Gott uns gegeben hat.

Das ganze Interview lesen Sie im Gemeindeblatt Nr. 1 (2026). Das ePaper ist erhältlich im Gemeindeblatt Online-Shop.