Was muss Kirche loslassen, um offen für Neues sein zu können?
Ernst-Wilhelm Gohl: Wenn ich das Patentrezept hätte, wäre ich stolz. Wie kommen wir dem Auftrag nach, Evangelium zu bezeugen in Wort und Tat? Das sieht in Stuttgart anders aus als auf der Alb. Als Kirchenleitung müssen wir Freiheiten eröffnen. Wir müssen mobiler werden. Es gibt ja das schöne Bild von der Kirche als Herberge. Kristin Jahn, die Generalsekretärin des Kirchentags, hat es geprägt: Kirche als Herberge zur Mündigkeit, als Anlaufstelle. Dort wirst du gestärkt und ziehst als mündiger Christ weiter.
Dorothee Wüst: Wir müssen die Selbstverständlichkeiten loslassen, die alten Bilder, die uns geprägt haben, die Überzeugung, Volkskirche zu sein. Wir werden uns schnell von der Vorstellung lösen müssen, dass wir eine flächendeckende Pastoral-Versorgung vorhalten können. Darin steckt eine Riesenchance, nämlich die Mündigkeit des Ehrenamts, also das, was uns als protestantischer Kirche so wichtig ist, das Priestertum aller Getauften. Wir werden deutlich mehr Wege ersinnen müssen, wie wir auf Menschen zugehen.
Wie kann die Herberge attraktiv werden?
Ernst-Wilhelm Gohl: Indem wir ermöglichen, dass Menschen in einer bestimmten Lebenssituation spüren: Gott begleitet dich auf diesem Weg. Die kommen nicht sonntagmorgens um zehn in die Kirche, aber sie kommen zu einer Aktion auf der Königstraße. Da sammeln sie kurz Kraft und gehen dann weiter ihren Weg.
Dorothee Wüst: Mit der Segensagentur „Blessed Pfalz” machen wir super Erfahrungen. Als Kirche sind wir für die Menschen an dem Ort, wo sie es brauchen. Aber wir erwarten keine Dauerhaftigkeit. Das ist auch nicht unser Auftrag. Unser Auftrag ist die Verkündigung des Evangeliums in Wort und Tat.
Ernst-Wilhelm Gohl: Ich war beim Vorlesetag in einer kleinen Albgemeinde. Tolle Verbindung zur Grundschule, tolle Verbindung ins Altersheim, ein Dorfladen mit Café und überall ist die Kirche mit Mitarbeitenden dabei. Es geschieht so viel Gutes. Das müssen wir wieder stärker ins Bewusstsein bringen. Ein toller Leuchtturm ist die Kirchenmusik. Jeder, der am Karfreitag zur Johannespassion oder Matthäuspassion kommt, geht anders aus der Kirche hinaus. So etwas als Chance zu begreifen, das steht für mich unter dem Begriff „Herberge zur Mündigkeit”.
Wie können wir die Ehrenamtlichen entlasten, aber auch stärken?
Ernst-Wilhelm Gohl: Es ist wirklich wichtig, dass Ehrenamtliche, wenn sie Ideen haben, erleben: „Ja, lass uns das doch miteinander ausprobieren.” Wir als evangelische Kirche müssen darin eine Bereicherung sehen. Das ist Mündigkeit, auch theologisch. Bibelstunden sind wichtig, Erwachsenenbildung. Das alles sind Formen, wie man die Mündigkeit stärkt, so dass jeder Christ und jede Christin auch bei ethisch schwierigen Themen zu einer eigenen Meinung kommt.
Verändert sich Kirche auch in der Wirkung nach außen?
Ernst-Wilhelm Gohl: Nach außen wirken ist immer noch unsere Aufgabe, und zwar unabhängig von unserer Größe. Das Evangelium wirkt in die Welt hinein. Deshalb ist es wichtig, dass sich Christinnen und Christen auch gesellschaftlich äußern und engagieren. Die große Frage lautet: Wie bringt man sich in den Diskurs ein, ohne dass es weiter zu Polarisierung führt? Brückenbauen ist das Gebot der Stunde.