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Bewusstes Essen

Ernten und essen mit Genuss

Familie Kößner betreibt einen landwirtschaftlichen Hof und ist überwiegend Selbstversorger. Wie wirkt sich solch ein Mehrgenerationenprojekt auf das persönliche Verhältnis zum Essen aus? Einblick in einen Familienalltag, in dem bewusstes Essen eine große Rolle spielt. Von Franciska Bohl

Matthias Kößner
Julian Rettig
Gewächshaus
Julian Rettig
Lukas bei der Arbeit im Gewächshaus.

Gurken, Paprika, Chili, Basilikum – und ein Wespennest: Das kleine Gewächshaus auf dem Hofgelände der Familie Kößner hat einiges zu bieten. „Die Gurken gehen gerade zur Neige, die Saison ist jetzt vorüber“, sagt Matthias Kößner und zeigt einige Meter weiter auf den Boden des Nutzackers. „Erst war es sehr trocken, dann gab es viel Regen – das ist nicht ideal. So lässt sich das Unkraut schwer bekämpfen und Spätkeimer wie Hirse wachsen dadurch sehr hoch.“

Der fachmännische Blick des 52-Jährigen ist durch jahrzehntelange Erfahrung geschult, auch wenn der Vater dreier Kinder die Landwirtschaft „nur“ im Nebenerwerb betreibt. „Für mich ist das ein toller Ausgleich zur Arbeit“, sagt der Elektriker. Auch seine Frau Susanne arbeitet hauptberuflich in einem anderen Job, in der Personalabteilung der Gesamtkirchengemeinde Backnang, und ehrenamtlich als Kirchenpflegerin. Insgesamt elf Personen leben auf dem Hof am Rande von Burgstetten. Es ist ein Mehrgenerationenprojekt: Neben der fünfköpfigen Familie mit den Kindern Lukas (23), Salome (21) und Josua (17) wohnen auch deren Onkel mit Familie und die Großeltern auf dem etwa ein Hektar großen Gelände. Die Familie bezeichnet sich als „überwiegende Selbstversorger“: Zur Hofhaltung gehören, neben Gemüse- und Obstanbau, auch 25 Hühner, vier Schweine, zwei Enten, ein Hahn – nicht zu vergessen Katze Flauschi und Hund Loki.

Fleisch und Wurst produziert die Familie also überwiegend selbst, ein befreundeter Metzger übernimmt die Schlachtung. Nur Rindfleisch wird bei Verwandten auf einem Biolandbetrieb besorgt. Das Brot bäckt Matthias Kößner meistens selbst, allerdings müssen Getreide- und Milchprodukte ebenfalls auswärtig besorgt werden.

Seit 1997 lebt Matthias Kößner auf dem Hof, der von seinen Schwiegerelten gebaut wurde. Noch heute ist es ohne die Großeltern auf dem Hof nicht denkbar, sagen alle Familienmitglieder übereinstimmend. „Sie kümmern sich um Schweine, Hühner und Garten“, berichtet Salome, die inzwischen in Ravensburg studiert, aber regelmäßig nach Hause kommt. „Wenn ich in der Stadt bin, sehe ich, was für ein Privileg es ist, hier so leben zu können“, sagt sie. Besonders beliebt sind die Gerichte von Oma, wie Kartoffelsalat und Maultaschen, „sie kocht besonders gut – da kommt kein anderer ran“, sagt Salome und lacht. Beim Maultaschen-Herstellen an Gründonnerstag sei sie jedenfalls immer da. Schon als Kind habe sie von ihrer Großmutter Backen und Kochen gelernt. „Und wenn ich etwas Neues ausprobiere, frage ich nicht zuerst das Internet, sondern meine Oma.“

Frisch geerntete Kürbisse
Foto: Julian Rettig

Matthias Kößner bestätigt: „Wir sind verwöhnt – gutes Essen ist uns sehr wichtig.“ Zum bewussten Essen gehört für die Familie jedoch nicht nur das Kochen von saisonalem Gemüse und Früchten, sondern auch die regelmäßigen gemeinsamen Mahlzeiten. „Es kocht jedes Mal ein anderer“, sagt Salome. Wenn die Oma kocht, verschickt sie zwischen 12.30 und 13 Uhr eine Textnachricht an alle Familienmitglieder: „Jetzt gibt es Essen!“ Dann versammeln sich alle, die zu der Zeit auf dem Hof sind, am großen Esszimmertisch. Das Tischgebet ist ebenfalls wichtiger Teil des gemeinsamen Rituals. Nur gefrühstückt wird einzeln, da jeder zu unterschiedlichen Zeiten das Haus verlässt.

Julian Rettig
Zum Hof gehören 25 Hühner.

Die Liebe zum Leben auf einem Selbstversorger-Hof haben die Kinder von Eltern und Großeltern übernommen. Auch Lukas, der jetzt eine Ausbildung als Notfallsanitäter beginnt, kann sich ein Leben in der Stadt nicht vorstellen. „Und beim Kauf von Eiern wüsste ich gar nicht, auf was ich achten müsste“, sagt er schmunzelnd. Besonders an den Hühnern habe er einen Narren gefressen, sagt seine Schwester. „Er ist unser Hühnerflüsterer.“

Das enge Verhältnis zu den Tieren auf dem Hof, aber auch zum selbst angebauten Gemüse und Obst, hat großen Einfluss auf das Genusserlebnis beim Essen, glaubt Salome: „Wenn man selbst gesät hat, schmeckt das ganz anders.“ Und Matthias Kößner bestätigt: „Man weiß einfach, was drin ist. Geschmack und Konsistenz sind viel frischer, weil zwischen Ernte und Essen wenig Zeit liegt.“

Julian Rettig

Es gibt immer etwas zum Anbauen oder Wintergemüse zum Einlegen. Bei der Kartoffelernte, die schnell gehen muss, arbeiten alle mit. Ab und an probieren die Kößners auch etwas Neues beim Anbau aus – und verwerfen es unter Umständen dann wieder. So wie bei Wassermelone und Süßkartoffeln – was schließlich zu viel Arbeit bei der Ernte verursachte. Da waren sich alle einig, dass sich das nicht lohnt, aufgrund der schwierigen Vegetationszeit. Es steckt also immer viel Arbeit hinter dem landwirtschaftlichen Betrieb, der von außen wie eine Idylle wirkt. Besonders jetzt in den Septembertagen, wo die Sonnenblumenfelder schon von weiter her sichtbar leuchten und so manchen Hobbyfotografen anziehen.

Schwierige Zeiten und Rückschläge gibt es trotzdem, etwa als einmal ein Habicht ein Huhn riss, das sich offensichtlich noch verzweifelt gewehrt hatte. Doch der Zusammenhalt funktioniert durchweg gut, auch Urlaub liegt für die einzelnen Familienmitglieder drin, weil immer jemand auf dem Hof bleibt. „Da fällt es dann nicht schwer, loszulassen“, sagt Matthias Kößner. „Und wir kommen alle immer wieder gerne heim.“