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Konfliktkultur

Experte erklärt: Wie man mit Respekt streitet

​​​​​​​Wie entwickele ich eine eigene Haltung und gehe trotzdem fair mit dem anderen um? Mit solchen Fragen beschäftigt sich Lukas Wiesehöfer intensiv. Von Franciska Bohl

Eine Frau und ein Mann stehen nebeneinander, die Frau hält ein Megaphon vor dem Mund und hält es in die Richtung des Mannes. Der Mann hält sich die Ohren zu.
Unsplash+/Curated Lifestyle

Warum Händeschütteln nach dem Spiel wichtig ist

Neulich auf dem Sportplatz ging es wieder hoch her. Die harte Gangart des Gegners sorgte nicht nur bei den jungen Fußballern, sondern auch im Trainerstab für Emotionen. „Wer solche Fouls begeht, hat keine Shake-hands verdient“, tönte es aus dem Trainerstab. Lukas Wiesehöfer war jedoch anderer Meinung: Das normalerweise obligatorische Händeschütteln nach dem Spiel ist für den Systemischer Berater, der ehrenamtlich eine F-Jugend-Fußballmannschaft betreut, selbstverständlich.

Ein respektvoller Umgang miteinander ist grund­legend. Und als Trainer muss man Vorbild sein, auch wenn es manchmal schwer auszuhalten ist.

sagt Lukas Wiesehöfer

Lukas Wiesehöfer (junger Mann) steht vor einem Backsteinhaus. Er trägt einen Kapuzenpullover in verschiedenen Grüntönen.
privat
Lukas Wiesehöfer ist Systemischer Berater und erklärt Jugendlichen, wie sich Konflikte gut lösen lassen.

Demokratie im Kleinen: Konflikte bei den Kindern ernst nehmen

Die distanzierte Perspektive von außen, den Fokus auf ein faires Mitein­ander, das versucht der 46-Jährige nicht nur im Beruf, sondern auch in seiner Freizeit zu bewahren. Auch wenn er gesteht, dass dies im Umgang mit seinen drei Söhnen nicht immer leicht ist. Dafür, sagt er, seien Auseinandersetzungen bei Kindern oft ehrlicher als bei Erwachsenen. Und so greift er selten ein, wenn sich die Jungs das Spielzeug gegenseitig aus den Händen reißen. „Da gibt es ohnehin kein Richtig oder Falsch, weil jeder aus seiner Perspektive die Situation anders bewertet.“

Gerechtigkeit in der Gruppe: Wie findet man den kleinsten gemeinsamen Nenner?

Konflikte gehören zum Leben dazu und eine eigene Position zu entwickeln, ist für Lukas Wiesehöfer grundlegend, um Lösungen bei Meinungsverschiedenheiten erarbeiten zu können. Regelmäßig besucht er junge Menschen an Schulen, um sich in der Gruppenarbeit gemeinsam mit Begriffen wie Gleich­berechtigung, Liebe und Respekt auseinanderzusetzen.

Es gibt nicht nur einfache Mehr- oder Minderheitsentscheidungen

versucht Lukas Wiesehöfer den Jugendlichen zu vermitteln

Wichtig sind „Demokratie-Spiele“, in denen die jungen Leute gemeinsam herauszufinden versuchen, „was der kleinste gemeinsame Nenner ist, den wir bei aller Meinungsverschiedenheit haben“. Beispielsweise die Diskussion um das Ziel einer Klassenfahrt: Was ist, wenn sich nicht alle Schüler einen Ski-Urlaub leisten können? Entscheidet man sich dann nicht doch lieber für einen Besuch im Freizeitpark Rust, auch wenn die Mehrheit andere Wünsche hat? Es geht ihm darum, zu zeigen, dass es nicht nur einfache Mehr- oder Minderheitsentscheidungen gibt und auch zureflektieren: Was ist wirklich fair?

Kompromisse sind wichtig

Wichtig ist Lukas Wiese­höfer auch, aufzuzeigen, dass jeder die Möglichkeit hat, sich zu engagieren und politisch einzubringen. Die Kunst liege darin, eine Position zu vertreten, aber Kompromisse einzugehen, manche Entscheidungen in der Gruppe mitzutragen, auch wenn man selbst damit nicht glücklich ist.

Wenn man immer die Meinung anderer übernimmt, ist das auch nicht gut

sagt Lukas Wiesehöfer

Man müsse sich im Leben ständig neu positionieren, sagt Lukas Wiesehöfer. Erst dann, ist er überzeugt, sind in der Gesellschaft die Werte möglich, die er für grundlegend hält: „Respekt, Vielfalt, Neugier – und ein guter Austausch.“