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Weltfrauentag 8. März

Frauenbewegung im Wandel: von frühen Kämpfen bis zu aktuellen Rückschritten

In der Arbeitswelt verdienen Frauen in Deutschland noch heute im Durchschnitt weniger als Männer und sind in Führungspositionen und Parlamenten unterrepräsentiert. Die Geschichte der Frauenbewegung reicht bis ins 19. Jahrhundert. Wie Frauen für gleiche Rechte kämpften und welche Folgen der aktuelle Tradwife-Trend hat. Von Evelyn Sander (epd)

Eine Gruppe von Frauen unterschiedlichen Alters und Hautfarbe sitzen neben und hintereinander vor einer gelben Leinwand. Sie tragen alle weiße Kleidung.
Unsplash+/Fellipe Ditadi

Louise Otto-Peters: Pionierin der deutschen Frauenbewegung

Frauen in der Politik waren damals verboten. Louise Otto-Peters (1819-1895) war das egal, in Schriften prangerte sie unter männlichem Pseudonym politische und soziale Missstände an. „Otto-Peters gilt als eine der Initiatorinnen der ersten deutschen Frauenbewegung”, sagt die Hamburger Historikerin Hannah Rentschler. Gemeinsam mit Auguste Schmidt gründete Otto-Peters 1865 den ersten Allgemeinen Deutschen Frauenverein (ADF) in Leipzig. Zentrale Forderungen waren das Recht der Frauen auf gleiche Bildung und Chancengleichheit am Arbeitsmarkt.

Frauen und der Kampf um akademische Teilhabe

Auf Druck der Frauenbewegung öffneten sich die Universitäten: Ab 1909 durften sich Frauen an allen Universitäten des Deutschen Reiches einschreiben, obwohl reaktionäre Kreise dagegen wetterten. „Sie erklärten, dass Frauen für ein Studium physiologisch-biologisch nicht in der Lage wären”, sagt die Historikerin. Im November 1918 wurde das Wahlrecht für Frauen in Deutschland eingeführt.

Rückschritt im Nationalsozialismus: Auflösung der Frauenbewegung

Trotz der Erfolge brachen keine rosigen Zeiten für die Frauenbewegungen an. Im Nationalsozialismus wurden emanzipatorische Organisationen aufgelöst, propagiert wurde stattdessen der NS-Frauentyp, der sich um Hauswirtschaft, Mutterschaft und später um den Kriegseinsatz drehte.

Die 1950er Jahre: Traditionelles Familienmodell und politische Rückwärtsgewandtheit

In der Politik der 1950er Jahre wurde das klassische Familienbild mit berufstätigem Mann, Kindern und Hausfrau idealisiert.

erklärt Hannah Rentschler

Damit sollte die junge Demokratie stabilisiert werden. Während in Skandinavien bereits über familienfreundliche Teilzeitmodelle diskutiert wurde, führte die Bundesrepublik Deutschland das Ehegattensplittung ein, das die klassische Ehe mit einem Hauptverdiener fördert.

„Die Politik der 50er Jahre wirkt bis heute nach”, findet die 32-jährige Historikerin. Vor allem auf dem Arbeitsmarkt gebe es Defizite: „Frauen werden oft immer noch schlechter bezahlt und haben schlechtere Karrierechancen als Männer”, weiß die Projektkoordinatorin von „Pro Exzellenzia lead”, einem Karriere- und Kompetenzzentrum für Frauen in Hamburg.

Geschichte des Weltfrauentages

Frauen weltweit gehen am 8. März für ihre Rechte an die Öffentlichkeit. 1910 beschloss die Sozialistische Internationale der Frauen in Kopenhagen, jedes Jahr mit einem Aktionstag den Kampf der Frauen für Gleichberechtigung und bessere Lebensbedingungen voranzutreiben.

1977 führten die Vereinten Nationen den Weltfrauentag als offiziellen UN-Tag ein. In Berlin und Mecklenburg-Vorpommern ist er gesetzlicher Feiertag.

Erfolge der 1970er: Proteste, Gleichstellungspolitik und neue Rechte für Frauen

Dabei hatte sich einiges nach den Straßenprotesten in den 1970ern bewegt: Frauen demonstrierten gegen den Abtreibungsparagrafen 218, kämpften für Chancengleichheit. Ab 1977 durften Frauen arbeiten, ohne den Ehemann um Erlaubnis zu bitten. Die erste Gleichstellungsstelle auf Länderebene öffnete 1979 in Hamburg.

Mittlerweile steht Frauenpolitik mehr im politischen Fokus. Aber bis sich Strukturen verändern, dauert es sehr lange.

beobachtet Hannah Rentschler

Tradwives: Wie konservative Ideologien Frauenrollen neu definieren wollen

Aktuell gerate die Frauenarbeit durch den Sparkurs der Bundesregierung und konservative Frauenbilder unter Druck. In sozialen Medien werde das traditionelle Hausfrauenbild aufwendig inszeniert und dafür auch Religion „missbraucht”, beobachtet Kathinka Kaden, Leiterin des bundesweiten Theologinnenkonvents und Studienleiterin an der Evangelischen Akademie Bad Boll. Der Missbrauch zeige sich vor allem „in der religiösen Überhöhung traditioneller Familienmodelle, die als vermeintlich 'christliche Norm' gesetzt werden”. Frauen würden auf Haus- und Fürsorgearbeit reduziert.

Evangelikale Vorstellungen von 'gottgegebenen Geschlechterrollen' wirken als ideologische Grundlage der Tradwife-Bewegung.

sagt Kathinka Kaden

Evangelikale Geschlechterrollen: Ideologische Grundlagen und politische Verflechtungen

Bibelstellen würden zur Legitimation von Unterordnung instrumentalisiert. Solche evangelikalen Einflüsse gebe es auch in Deutschland, aber weniger dominant als in den USA. Problematisch seien primär Verbindungen zwischen konservativ-evangelikalen und religiös-nationalistischen Rollenbildern sowie politischen Kräften, die Gleichstellung ablehnen.

Teilweise stellt die bewusst harmlose Inszenierung ein Einfallstor für rückwärtsgewandte oder rechtsextreme Ideologien dar.

Kathinka Kaden

Auch Rentschler findet es bedrückend, was heute sagbar ist – wie Frauen online beleidigt werden, im Netz sexualisiert werden, welche frauenfeindlichen Männlichkeitsideale plötzlich wieder da sind. „Für Frauen steht gerade viel auf der Kippe”, sagt die Historikerin. Die Frauenbewegung habe schon viel erreicht. „Jetzt müssen wir Frauen die nächsten Schritte gehen”, sagt Hannah Rentschler.