Es gibt Beziehungen, die beginnen ganz unspektakulär und halten Jahrzehnte. Und doch gibt es Menschen, die auch nachts das Telefon abheben würden, wenn man sie braucht. Freundschaften sind völlig freiwillig und zählen vielleicht zu den verlässlichsten Beziehungen.
Johanna Graf ist leitende Psychologin der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Klinikum Stuttgart. Freundschaften vermittelten Zugehörigkeit, stärkten den Selbstwert und gäben das Gefühl, „so akzeptiert zu werden, wie wir sind“. Gerade in schwierigen Lebensphasen seien Freunde oft die Menschen, die Sicherheit und Zuversicht vermittelten – unabhängig von Familie oder Partnerschaft.
Menschen sind Beziehungswesen
sagt Johanna Graf
Partnerschaften seien umfassend, exklusiv und „hoffentlich jedenfalls” lebenslang, sagt Michael Herbst, emeritierter Professor für Praktische Theologie an der Universität Greifswald: „Partner sind einander Gefährten, sie stehen einander bei, sorgen füreinander.” Freundschaften dagegen lebten von einer anderen Qualität: Niemand müsse Freund sein. Aufgrund dieser Freiheit seien sie so kostbar. Gute, stabile und belastbare Beziehungen seien eine wichtige Säule fürs Wohlbefinden, das habe die Forschung bestätigt, sagt Herbst. Laut ihm zeigt die Antwort auf diese Frage, zu wem ein Mensch eine gute Beziehung hat:
Testfrage: Wen könnte ich, wenn es sein muss, auch nachts um zwei anrufen?
sagt Michael Herbst
Dass Freundschaft den Menschen trägt, erzählen nach Herbsts Überzeugung schon die biblischen Geschichten. Da sei Jonathan, der seinem Freund David treu geblieben sei, obwohl er sich damit gegen seinen eigenen Vater stelle. Und das Buch Jesus Sirach im Alten Testament habe die Bedeutung der Freundschaft vor mehr als 2000 Jahren in einem Satz beschrieben, der bis heute nichts von seiner Kraft verloren habe: „Ein treuer Freund ist ein starker Schutz; wer den findet, der findet einen großen Schatz.”