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Aus der Kirche

Friedmann Eißler: Nicht nachlassen

Der Dialog zwischen Christen, Muslimen und Juden ist schwieriger geworden. Dabei ist er jetzt wichtiger denn je, findet auch Islambeauftragter Friedmann Eißler. Von Brigitte Jähnigen

Ein Davidstern, Kreuz und Halbmond
Unsplash+/Joshua Kettle
Judentum, Christentum und Islam sind die drei abrahamitischen Religionen.

Wir haben im Dialog lange gesagt, wir machen keine Politik, und damit war im Grund der Nahostkonflikt gemeint. Aber das geht jetzt nicht mehr.

Friedmann Eißler, Islambeauftragter der württembergischen Landeskirche

Es gebe kein einfaches Zurück zur Tagesordnung. Die Beziehungen zu Musliminnen und Muslimen seien derzeit einer schweren Belastungsprobe ausgesetzt. Projekte würden abgebrochen, Friedensgebete abgesagt. Antisemitismus sei in einem erschreckenden Ausmaß sichtbar geworden. An einem Ort ziehen sich die Juden zurück, an einem anderen sind es die Muslime, die eine Zusammenarbeit im Moment nicht fortsetzen. Denn auch die Zahlen islamfeindlicher Vorfälle in Deutschland sind enorm hoch. Beschmierungen von Moscheen, Bedrohungen, Schmähungen von Muslimen haben in den vergangenen Monaten stark zugenommen.

Friedmann Eißler
Foto: Brigitte Jähnigen
Friedmann Eißler ist der Islambeauftragte der Württembergischen Landeskirche.

Der abrahamische Gedanke – dass Christen, Juden und Muslime verwandt sind – war lange Zeit Motivgeber, doch im Alltag trägt er nicht immer, die Unterschiede sind tiefgreifend

sagt Friedmann Eißler

Religiöse Vielfalt nimmt zu

Familienorientierung, Ehrvorstellungen, die Würde des Alters, das Verhältnis zwischen Frau und Mann seien traditionell von der Kultur bestimmt, würden aber eben auch islamisch-religiös verstärkt. Eißler denkt zurück: Vor über 60 Jahren waren die Menschen in Württemberg mehrheitlich protestantisch oder katholisch. Inzwischen ist die religiöse Landschaft stark verändert. Zehn Prozent der Bevölkerung in der Region Stuttgart sind Muslime. Sie sind Nachbarn, Dienstleister, Vorgesetzte, Lehrerinnen und Ausbilder, Künstler, Professorinnen und Mediziner. Tendenz steigend. „Angst vor der Islamisierung allerdings“, so Eißler über populistische Ansichten, solle man nicht schüren.

Politisierung des Islams

Dennoch sieht auch er, dass die Politisierung der muslimischen Gesellschaft zugenommen hat. Immer häufiger werde „der Westen“ als Feindbild ausgemacht.

Wir brauchen mehr Wissen übereinander, Respekt füreinander und Brücken, auf denen wieder aufeinander zugegangen werden kann

sagt Friedmann Eißler

Bisher tragfähige Initiativen dürften nicht mutlos werden. Beziehungsarbeit beim „Haus Abraham“, einer jüdisch-christlich-muslimischen Bildungsinitiative in Stuttgart, im Rat der Religionen, dem interreligiösen Frauenmahl im Hospitalhof Stuttgart und Initiativen in vielen Gemeinden vor Ort sind für ihn Leuchttürme in Dialog und Trialog. „Statt Pauschalurteile zu vertiefen, müssen wir auf gemeinsame Lebensthemen wie Glauben, soziales Engagement, das gesellschaftliche Miteinander, aber auch existentielle Fragen wie das Sterben und unsere Zukunftshoffnung schauen“, so Friedmann Eißler.

Friedmann Eißlers Interesse am Islam

Wie aber wurde bei dem Jungen aus „christlichem Haus“ die Neugier auf den Islam und später den Nahen Osten geweckt? „In der christlichen Jugendarbeit traf ich auf Kinder von Gastarbeitern. Die anderen Bräuche und Düfte, vor allem Sprachen und Kulturen haben mich gereizt“, sagt der 59-Jährige. Dann lernte er „aus Spaß“ Arabisch, studierte später Theologie und Islamkunde an der Universität Tübingen und vertiefte sein Hebräisch sowie seine Kenntnisse des Judentums an der Hebräischen Universität in Jerusalem während eines Auslandsstudienjahres.

Bevor er Islambeauftragter der württembergischen Landeskirche wurde, war er Referent der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin. „Wir dürfen Muslime nicht in Sippenhaft nehmen. Die lebendigsten Projekte sind die, wo wir uns als Personen zeigen, uns engagieren und darüber austauschen, was uns trägt“, sagt Friedmann Eißler. Auf der Frühjahrstagung der württembergischen Landessynode mahnte er, kritische Perspektiven nicht auszusparen:

Wenn wir die Probleme nicht gemeinsam angehen, wird die Situation in einigen Jahren eine viel schwierigere sein. Gemeinsam! Wir wollen zusammenkommen: Wer, wenn nicht wir. Und wann, wenn nicht jetzt.

sagt Friedmann Eißler