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Humor und Glaube

Sind Glaube und Humor miteinander zu vereinbaren?

Wer lacht, distanziert sich vom Gegebenen. Weil das im religiösen Umfeld nicht nur heilsam sein kann, sondern auch gefährlich, ist das Verhältnis von Glaube und Humor nicht ganz so einfach. Von Peter Schaal-Ahlers

Frau mit Mütze lacht
Unsplash+/Jordan González
 Søren Schwesig und Peter Schaal-Ahlers
Pressebild
Pfarrer Peter Schaal-Ahlers (rechts) tritt zusammen mit dem Stuttgarter Stadt­dekan Søren Schwesig im Kirchkabarett „Die Vorletzten“ auf.

Lachen ist menschlich – das wusste schon der griechische Philosoph Aristoteles (384 – 322 vor Christus). Er verstand den Menschen als ein lachendes Wesen. Diese Fähigkeit unterscheidet nach Aristoteles den Menschen von allen anderen Lebewesen. Nun ist das Menschlichste am Menschen aber vielschichtig, schillernd und oft auch rätselhaft.

Worüber lachen Menschen?

Menschen können aus den unterschiedlichsten Gründen lachen. Lachen kann freudig, zustimmend, bitter, begeistert, verspielt, lebenslustig, behaglich, hämisch, höhnisch, ansteckend, spöttisch, stolz, verzweifelt, zynisch und noch vieles mehr sein. Wer aus- oder verlacht wird, kann tief verletzt werden.

Menschen können über das Banalste wie das Heilige lachen. Dabei gibt es weder Grenzen noch Tabus. Humor und Gelächter stellten Mächtige und machtvolle Systeme in Frage. „Wer andere zum Lachen bringen kann, muss ernst genommen werden; das wissen alle Machthaber“, bemerkte der Kabarettist Werner Finck (1902 – 1978), der im KZ Esterwegen landete.

Zwei Seiten des Lachens

Lachen schafft Distanz. Im Bereich des Religiösen ist das heilsam und gefährlich zugleich. Umberto Eco lässt in seinem Roman „Der Name der Rose“ den fanatischen Leiter der Klosterbibliothek Jorge von Burgos sagen: „Lachen ist ein Zeichen der Dummheit. Wer lacht, glaubt nicht an das, worüber er lacht, aber er hasst es auch nicht. Wer also über das Böse lacht, zeigt damit, dass er nicht bereit ist, das Böse zu bekämpfen. Und wer über das Gute lacht, zeigt damit, dass er die Kraft verkennt, dank welcher das Gute sich wie von selbst verbreitet.“

Es braucht menschliche Größe und Souveränität, über sich selbst lachen zu können. Wer selbst einen Schritt zurücktreten kann, der macht Platz für den, der größer ist, im Letzten für Gott selbst. Aber zum Christsein gehört beides: das Lachen und der Ernst, die überschwängliche Heiterkeit und der Tiefgang. Im Buch des Predigers 3,1-2+4 heißt es:

Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; (…) weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit

Menschenfreundliche Religionen können auch über sich selbst lachen, denn sie ertragen Humor, der auch eine Form von Selbstkritik ist. Damit tun sich fundamentalistische Gruppierungen jedoch oft schwer. Wer sich selbst und den eigenen Glauben für so unfehlbar hält, setzt sich letztlich selbst an die Stelle Gottes. Das ist ungut.

Da hört der Spaß auf

In der Christenheit gibt es eine lange Tradition humorloser Theologen, die versuchten, das Lachen aus der Kirche zu verbannen. Clemens von Alexandria (150 – 215 nach Christus) wollte das Lachen in der Gemeinde nicht völlig unterdrücken. Aber er wollte, dass ein Christ beim Lachen – wie überhaupt überall – Maß halten sollte. Johannes Chrysostomos (354 – 407) argumentierte, dass Jesus nach der Bibel drei Nächte und drei Tage lang geweint habe. Die Heilige Schrift berichte aber mit keiner Silbe darüber, dass Jesus auch gelacht habe. Daraus schlussfolgerte er: „Jesus hat niemals gelacht!“ Auch der Kirchenvater Hieronymus (347 – 420 nach Christus) wollte dem Humor im Leben der Christen kein Heimatrecht einräumen. In Anlehnung an Jesu Wort: „Selig seid ihr, die ihr jetzt weint; denn ihr werdet lachen,“ (Lukas 6,21) stellte er fest: „Solange wir im Tal der Tränen leben, gibt es nichts zu lachen.“

Urkomisch ist die Lösung, die Ludwig IX., der Heilige, (1214 – 1270) für das Lachen an seinem Hof gefunden hat. Angetan von der aufkommenden höfischen Lachkultur, die Hofnarren einführte, verfügte der fromme Monarch, dass freitags nicht gelacht werden dürfe.

Auch in den Klöstern war das Lachen ungern gesehen. Als unkontrollierte und manchmal auch ansteckende Körperreaktion wurde es als Einfallstor der Sünde gedeutet. Zudem störte das Lachen die Stille. In schallendes Lachen auszubrechen, war untersagt. Drei Tage Ausschluss aus der Gemeinschaft der Brüder gab es für Lachen während des Chorgebets. Wer in einen Lachanfall ausbrach, musste tagelang fasten. Es gibt eine lange Tradition der christlichen Skepsis gegenüber dem Lachen. So verstand der dänische Religionsphilosoph Søren Kierkegaard Glauben und Humor als zwei sich einander ausschließende Existenzsphären. In einer Religion, die das Leiden so sehr betont wie das Christentum, sah er keinen Raum für den Humor. Für ihn war klar, dass der religiöse Mensch nicht komisch sein kann.

Osterlachen und Karneval

Als Ventil für ausgelassene Heiterkeit gab es in dem humorfeindlichen System der Kirche einmal im Jahr mit dem Karneval eine reservierte Zeit für ausgelassene Narren- und Eselsmessen. Vom 14. bis zum 19. Jahrhundert gab es den Brauch des Osterlachens. Der Priester hatte die Aufgabe, am Ostermorgen die Gemeinde zum Lachen zu bringen. Dabei konnte es herzhaft und kernig zugehen. Auch die Obrigkeit durfte kritisiert werden. Weil im Spätmittelalter die Gemeinde bei diesem Brauch auch mit obszönen Handlungen und Zoten zum Lachen gebracht wurde, wurde das Osterlachen im Protestantismus scharf kritisiert und abgeschafft.

Die Christen müssten mir erlöster aussehen. Bessere Lieder müssten sie mir singen, wenn ich an ihren Erlöser glauben sollte.

sagte Friedrich Nietzsche (1844 – 1900)

Um diesen Satz zu widerlegen, geht manch ein Christ nun als angestrengter Dauerlächler durch das Leben. Gewolltes Lachen ist jedoch Krampf. Nietzsche verkennt, dass Christen guten Grund zum Lachen haben. Zudem sind Christen sogar vom Erlöstheitszwang erlöst. Die Christenheit ist zwar keine Lach- und Schießgesellschaft, aber ein lustiges Völkchen. Das war schon eine Grunderkenntnis Martin Luthers gewesen. Für ihn war Lachen kein Ausdruck der Sünde, sondern Ausdruck für die Überwindung der Sünde. Damit war das herzhafte Lachen freigegeben. Die Clownin und Theologin Gisela Matthiae formuliert es so: „Rechtfertigung bedeutet, von Gott kritisch, aber nicht ungnädig angeblickt zu werden. So ein Blick versetzt in einen Zustand heiterer Gelassenheit, mit dem man sich nun selbst zugleich kritisch, aber nicht ungnädig anblickt.“

Wunderbar hat der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber das gute Miteinander von Glauben und Humor beschrieben:

Wenn ein Mensch nur Glauben hat, steht er in Gefahr, bigott zu werden. Hat er nur Humor, läuft er Gefahr, zynisch zu werden. Besitzt er aber Glaube und Humor, dann findet er das richtige Gleichgewicht, mit dem er das Leben bestehen kann.

sagt Martin Buber

Lachen macht den Menschen menschlich. Und könnte es sein, dass auch im Himmel gelacht wird? Dieser kühne Gedanke ist in dem populären Weihnachtslied „Stille Nacht, heilige Nacht“ entfaltet. Da heißt es: „Stille Nacht, heilige Nacht! Gottes Sohn, o wie lacht Lieb aus deinem göttlichen Mund, da uns schlägt die rettende Stund.“ Lachen ist menschlich. Könnte es sein, dass auch im Himmel gelacht wird.