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Verunsicherung

Halt finden in der Krise: Strategien für Christen

Nachrichten aus aller Welt zeigen tagtäglich, wie zerbrechlich das Leben sein kann. Unser Autor hat selbst ein Burnout durchgemacht und weiß, was Halt gibt in unsicheren Zeiten. Von Rainer Köpf

Person hält zwischen ihren zwei Handflächen eine kleine gelbe Blume
Unsplash/Lina Trochez

Multiple Krisen: Herausforderung für die Gesellschaft

Seit der Coronazeit sprechen manche Soziologen von einer „multiplen Krise“, in der wir gerade lebten. Die täglichen Nachrichten spiegeln dies in atemloser Hetze wider. Die deutsche Wirtschaft befindet sich im dritten Jahr hintereinander in einer Rezession. Betriebe schließen. Die Ökonomen fragen sich, wie man wieder auf die Füße kommen will, wenn keine Fachkräfte mehr da sind und die Bürokratie immer aufwändiger wird. Wer soll die vielen „Babyboomer“ in ihrem Ruhestand versorgen?

Die regel­basierte internationale Ordnung, die jahrzehntelang die westliche Gesellschaft getragen hat, wird zusehends infrage gestellt. Die Migration fordert Behörden und Kommunen heraus. Der globale Klimawandel scheint kaum aufhaltbar zu sein. Die strategischen Planungen innerhalb der Politik und auch in unseren dramatisch kleiner werdenden Kirchen haben eine immer kürzere Halbwertszeit. Die Zeichen der Hoffnung schwinden. Es sind unsichere Zeiten.

Burnout und Depression: Ein persönlicher Blick auf die Krise

Wie können wir als Christen mitten in dieser Welt als Hoffnungsmenschen leben, als „Kinder des Lichts“ (1. Thessalonicher 5,5)? Mir helfen in solchen angstmachenden Zeiten Haltungen und Strategien, die ich während meiner bislang größten Lebenskrise gelernt habe. Vor 30 Jahren erkrankte ich an einem schweren „Burnout-Syndrom“. Damals stand ich als junger Theologe gerade am Anfang meines pastoralen Dienstes. Es gab noch keine Mitgliederkrise in unserer ­Kirche. Ich war Pfarrer einer lebendigen Landgemeinde. Das gottesdienstliche Leben war pulsierend. Die Menschen waren interessiert am Evangelium. Der Dienst des Pfarrers erfuhr viel Resonanz. Unsere Gemeinde hat zugenommen an Mitgliedern und auch in geistlicher Hinsicht.

Ein Mann sitzt traurig auf einem Bett
Unsplash+/Getty Images
Wer an einer Depression erkrankt ist, schafft es morgens kaum aus dem Bett.

Äußerlich war viel Erfolg spürbar, doch in meinem Innern wuchs eine leere Schwermut. Irgendwann war die Erschöpfungs­depression massiv da. Sie verschwand auch nicht so rasch. Wer diese Traurigkeit der Seele je erlebt hat, weiß, wie furchtbar solche Zeiten sind. Jeder neue Tag liegt morgens schier unüberwindbar vor einem. Man fürchtet sich vor dem, was kommt. Den katastrophierenden Gedanken kann man nicht entweichen. Das ­Leben ist unaushaltbar geworden und der Tod erscheint einem ge­radezu eine Erlösung zu sein.

Freilich, ich kannte die vielen ermutigenden Worte aus der Bibel, die uns Trost zusprechen wollen. Ich hatte im Studium gelernt, dass wir uns unsere menschliche Rechtfertigung vor Gott nicht erwerben müssen, sondern dass wir als Beschenkte ­allein aus Gnaden leben dürfen. Aber diese befreiende Zuversicht war nicht mehr im Herzen

Schon Prophet Elia erkrankte an einer Depression

In der damaligen Krisenzeit habe ich den biblischen Propheten Elia entdeckt. Natürlich kannte ich seine Lebensgeschichte längst, aber in ­meiner jetzigen Situation habe ich sie ganz neu gelesen. Elia war ein „Mann ­Gottes“, der mit ganzer Kraft für ­seinen Herrn gekämpft hatte. Mit den Machthabern und Meinungsmachern seiner Zeit hat er sich angelegt, um sie an den lebendigen Gott Israels zu erinnern.

Beim Gottesurteil am Karmel kam es zum großen Showdown. Elia stand allein gegen 450 Priester des Baals. Mit all ihren Gesängen, Tänzen und Beschwörungen konnten sie bei dieser kultischen Wette den vorbereiteten Opferaltar nicht zum Brennen bringen. Es war das schlichte Gebet des Elia, welches Feuer vom Himmel fallen ließ, den Altar entflammte und aller Welt zeigte, dass „der Gott der Väter Abraham, Isaak und Jakob“ der wahre Gott Israels ist. Elia hätte ­diesen schlagzeilenträchtigen Erfolg genießen können, doch stattdessen sandte Israels König Ahab einige Dolchmänner aus, die Elia töten sollten.

Da geriet Elia in eine schwere Depression. Er hatte mit so vielen Gegnern den Kampf aufgenommen und die sichtbare Macht Gottes erlebt. Er hat sich bislang allen äußerlichen Angriffen offensiv gestellt. Nun aber nahm er verzweifelt Reißaus vor ein paar ­bezahlten Häschern. Er hatte keine Kraft mehr. Er ließ alles hinter sich, was ihn am Leben hielt. Mutterseelenallein ging er in die Wüste, setzte sich unter einen Wacholderstrauch und wollte sterben: „Herr, nimm meine Seele!“

Hilfe von Gott in schweren Zeiten

Da beschreibt uns die Bibel ein waschechtes Burnout. Wie geht Gott damit um? Er könnte sagen: „Elia, reiß dich doch zusammen, denk an die biblischen Verheißungen, an all den Erfolg, den ich dir geschenkt habe.“ Das tut er nicht. Gott schickt vielmehr einen Engel, der ihm eine Brotzeit hinstellt. „Elia, iss und trink“ Nein, es ist kein Festmahl, nur Brot und Wasser. Aber es sind elementare Schöpfungsgaben, mit denen Elia spüren soll, dass er am Leben ist und dass Gott ihn auch in dieser schwierigen Situation versorgt.

Macht der Natur: Wie die Schöpfung tröstet

Ich habe mir in der schweren Zeit meines Burnouts einen Hund gekauft. Jeden Tag musste ich jetzt einen Spaziergang mit ihm machen. Ich saß nicht mehr nur hinter den Büchern in meinem Amtszimmer. Bei jedem Wetter ging es hinaus in die weite Hohenloher Landschaft. Dabei habe ich täglich die Wunder der Schöpfung wahrgenommen. Es wurde Frühling, Sommer, Herbst und Winter und ich musste diesen Wechsel der Jahreszeiten nicht organisieren. Es geschah von allein. Es war ein Geschenk.

Hilfe bei psychischen Problemen:

  • Die Telefonseelsorge Stuttgart ist unter 0800-111-0111 erreichbar
  • Geschulte Seelsorger sind per Chat unter www.chatseelsorge.de erreichbar

  • Einfach mal plaudern: Das Seniorentelefon „Dreiklang“ richtet sich an ältere Menschen in der Region Stuttgart und ist montags bis donnerstags von 10 bis 12 Uhr unter 0711-2054399 erreichbar

  • Für Menschen, die tiefgehende Sorgen haben oder nach professioneller Unterstützung suchen, gibt es unter www.psych-beratungsstelle-landesstelle.de die Möglichkeit zur kostenlosen und vertraulichen psychologischen Beratung

In Krisenzeiten: Das Alltägliche bewusst wahrnehmen

Ich spürte, dass der Gott, der für all diese Wunder sorgt, dass der auch für mein Leben sorgt. Mir wurde die doppelte Gnade Gottes bewusst. Die zweite Gnade Gottes ist die Erlösung durch das Kreuz und die Auferstehung Jesu Christi. Die erste Gnade Gottes aber ist genauso groß. Alle Menschen erleben, dass Gott uns und diese Welt „sehr gut“ erschaffen hat (1. Mose 1,31). Wir erleben bei jedem Essen, dass Gott uns „reichlich und täglich versorgt“ (Martin Luther).

Deswegen ist es wichtig, dass wir in Krisenzeiten das sonst so Selbstverständliche mit offenen Augen wahrnehmen. Das Brot und das Wasser, den Braten und den Wein, die Tasse Kaffee während der Arbeitspause, das freundliche Telefonat eines Freundes und das abendliche Gespräch im Gasthaus. Die Freude an den irdischen Gaben vertreibt die „multiple Krise“ zwar nicht, aber sie relativiert sie. In Psalm 23 heißt es: „Du, Herr, deckst mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.“

Gott ist für die Menschen da: Trost in unsicheren Zeiten

Und das andere, was der Engel dem Elia gebot: „Geh zum Berg Horeb.“ Das ist der Berg, an dem Gott dem Volk Israel seinen Namen offenbart hat. Gott hat sich dadurch ansprechbar gemacht. Der dort offenbarte Name „Jahwe“bedeutet auf Deutsch eine Zusage: „Ich bin für dich da.“ In Jesus Christus findet dieser Name seine leibliche Gestalt. In Jesu Leben, Leiden und Auferstehen er­leben wir das umfassende „Für-uns-Sein-Gottes“. Ihm können wir unser ganzes Herz ausschütten. Nichts Menschliches ist ihm fremd. Und er antwortet uns durch das Wort der Heiligen Schrift. Darin erfahren wir den Herzschlag seiner Liebe. Das hat eine heilende Kraft und kann uns Halt geben in unsicheren Zeiten.