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Kindheit im Konzentrationslager Westerbork

Holocaust-Überlebende Eva Weyl berichtet

Eva Weyl, 1935 im niederländischen Arnheim geboren, hat den Holocaust überlebt. Die heute 90-Jährige erzählt als Zeitzeugin jungen Menschen ihr Leben. Von Brigitte Jähnigen

Die Holocaustüberlebende Eva Weyl sitzt in einem Klassenzimmer, im Hintergrund ist eine Schultafel zu sehen. Vor ihr hält eine Person ein Mikrophon von SWR Kultur.
Foto: Brigitte Jähnigen
Holocaust-Zeitzeugin Eva Weyl im evangelischen Heidehof-Gymnasium

Eva Weyl: Zeitzeugin mit einer Botschaft

„Mein ganzes Leben ist Glück.“ Ungläubig hören Schülerinnen und Schüler in der Aula des evangelischen Heidehof-Gymnasiums das Bekenntnis von Eva Weyl. Wie kann das sein, dass eine alte Dame, deren Stuttgarter Vorfahren mütterlicherseits in Konzentrationslagern ermordet wurden, deren Eltern in der Nazizeit von Deutschland in die Niederlande fliehen mussten und die selbst wichtige Jahre ihrer Kindheit im „polizeilichen Judendurchgangslager Kamp Westerbork“ (so die offizielle Bezeichnung) eingesperrt war, ihr Leben als Glück bezeichnet?

Das Glück in Eva Weyls Leben ist ein Glück der Überlebenden. Und gleichzeitig die Verantwortung, die aus diesem Glück erwuchs. Über 100 Vorträge hat die temperamentvolle Niederländerin in deutschen Schulen gehalten. Über 100 Mal hat Eva Weyl über ihr Leben als Kind „im Vorportal des Todes“ erzählt.

Auf einer großen Leinwand sind zwei schwarz-weiß Aufnahmen eines Kindes zu sehen. Sie zeigen die Holocaustüberlebende Eva Weyl. Auf dem rechten Foto hält sie eine Puppe in der Hand.
Foto: Brigitte Jähnigen
Eva Weyl zeigt Schülerinnen und Schülern Bilder aus ihrer Kindheit, bevor ihre Familie ins Lager Westerbork deportiert wurde.

Kindheit im Lager Westerbork: Leben im „Vorportal des Todes“

Eisig kalt und stinkend waren die Baracken, in die die siebenjährige Eva mit ihren Eltern nach der Deportation aus Arnheim ins Lager Westerbork kam. „Wir standen Schlange, wurden registriert, uns wurde die wenige Habe, die wir hatten, abgenommen“, sagt Eva Weyl. Damals wusste das „Evchen“, wie ihre Fa­milie sie nannte, nicht, dass sich in ihrem Wintermäntelchen ein „kleines Vermögen“ verbarg. Ihre Mutter hatte Diamanten mit Stoff umhüllt und als Knöpfe angenäht.

Mutter war meine Welt

erinnert sich die 90-Jährige Eva Weyl

Eine Lüge, die Eva Weyls das Leben schützen sollte

Ihre Mutter war es auch, die die Tochter immer wieder durch Lügengeschichten beschwichtigte. „Wo ist Sara?“, fragte die siebenjährige Eva, als die eines Tages nicht mehr da war. „Sara ist mit dem Zug weg“, antwortete ihre Mutter. „Ich dachte, hat die aber Glück“, fügt Eva Weyl hinzu. Und sagt, dass sie sie nie wiedergesehen habe.

Sara, das Mädchen in Eva Weyls Geschichte, war eine von 80.000 Menschen, die in den Jahren 1942 bis 1945 aus Westerbork, dem „Vor­portal zum Tod“, wie die Zeitzeugin an diesem Tag noch öfter sagen wird, zur Vernichtung vorzugsweise nach Auschwitz-Birkenau und Sobibór gebracht wurden.

Männer der SS waren es, die die Transporte zusammenstellten. Kommandant war SS-Obersturmführer Albert Konrad Gemmeker. Er baute das Lager, das er intern sein „kleines Königreich“ nannte, zu einer „großen Täuschung“ aus. Mit Schule, mit Krankenhaus, mit kleineren Baracken neben Massenunterkünften. Evas Mutter arbeitete in der Wäscherei, der Vater war Bauarbeiter, Schneider und Bauer. „Vater brachte Kartoffeln, dazu hatten wir Rüben, Bohnen, rote Marmelade, Margarine aufs Brot, das wir trotzdem Butterbrot nannten“, erzählt Eva Weyl. „Vorläufig zurückgestellt“ stand auf Ausweisen, die die Familie vor einer Deportation schützte.

Er (Evas Weyls Vater) hat unser Leben gerettet

sagt Eva Weyl 

Eva Weyl: „Ich brauche euch als Zweitzeugen”

Es ist sehr still in der Aula des Heidehof-Gymnasiums, wenn Eva Weyl sich mit Beispielen in den Alltag von Schülerinnen und Schülern hineindenkt. „Mobbing, so sagt man wohl heute, führte damals zur offenen Verfolgung, Schweigen und Wegschauen zum industriell betriebenen Völkermord“, so die Mutter und Großmutter von fünf Enkeln.

Die kanadische Armee war es, die am 12. April 1945 die nur noch 850 Gefangenen befreite. Schon am Vortag war Kommandant Gemmeker geflohen. Später wurde er in einem Prozess vor dem Sondergericht Leeuwarden zu zehn Jahren Haft verurteilt. „Davon hat er nur sechs Jahre ab­gesessen“, sagt Eva Weyl.

Es ist ein Geschenk für mich, dass ihr mir zuhört. Ich bin Zeitzeugin, ich brauche euch als Zweitzeugen

sagt Eva Weyl

Anne Frank, die Shoah und der Verlust des Glaubens

Eva Weyl zieht ­Parallelen in die Jetzt-Zeit. Sie sei „auch ein Immigrantenkind“ gewesen, „eine Fremde in einem anderen Land“. Wie frei ein Mensch leben könne, wisse er erst, wenn ihm die Freiheit genommen werde. Erst spät begann Eva Weyl, sich mit der Nazizeit und den Folgen für jüdische Menschen wie Anne Frank, für Sinti und Roma und Menschen mit einer kommunistischen Welt­anschauung auseinanderzusetzen. Sie alle waren in Westerbork.

Jeder in den Niederlanden hat die Tagebücher von Anne Frank in der Schule lesen müssen. Was sie erlebt hat, hab ich erst viel später verstanden

sagt Eva Weyl

Nach der Scheidung sei es ihr zweiter Partner gewesen, ein Jude aus den USA, der mit ihr die europäischen Vernichtungsstätten besucht habe. Als Jüdin, die nicht religiös aufgewachsen ist, sei es ihr wichtig zu sagen: „Je mehr ich über die Shoah erfuhr, umso weniger religiös war ich.“ Eva Weyl bittet nur um eines: „Bleibt Menschen.“