Ihre Mutter war es auch, die die Tochter immer wieder durch Lügengeschichten beschwichtigte. „Wo ist Sara?“, fragte die siebenjährige Eva, als die eines Tages nicht mehr da war. „Sara ist mit dem Zug weg“, antwortete ihre Mutter. „Ich dachte, hat die aber Glück“, fügt Eva Weyl hinzu. Und sagt, dass sie sie nie wiedergesehen habe.
Sara, das Mädchen in Eva Weyls Geschichte, war eine von 80.000 Menschen, die in den Jahren 1942 bis 1945 aus Westerbork, dem „Vorportal zum Tod“, wie die Zeitzeugin an diesem Tag noch öfter sagen wird, zur Vernichtung vorzugsweise nach Auschwitz-Birkenau und Sobibór gebracht wurden.
Männer der SS waren es, die die Transporte zusammenstellten. Kommandant war SS-Obersturmführer Albert Konrad Gemmeker. Er baute das Lager, das er intern sein „kleines Königreich“ nannte, zu einer „großen Täuschung“ aus. Mit Schule, mit Krankenhaus, mit kleineren Baracken neben Massenunterkünften. Evas Mutter arbeitete in der Wäscherei, der Vater war Bauarbeiter, Schneider und Bauer. „Vater brachte Kartoffeln, dazu hatten wir Rüben, Bohnen, rote Marmelade, Margarine aufs Brot, das wir trotzdem Butterbrot nannten“, erzählt Eva Weyl. „Vorläufig zurückgestellt“ stand auf Ausweisen, die die Familie vor einer Deportation schützte.
Er (Evas Weyls Vater) hat unser Leben gerettet
sagt Eva Weyl
Es ist sehr still in der Aula des Heidehof-Gymnasiums, wenn Eva Weyl sich mit Beispielen in den Alltag von Schülerinnen und Schülern hineindenkt. „Mobbing, so sagt man wohl heute, führte damals zur offenen Verfolgung, Schweigen und Wegschauen zum industriell betriebenen Völkermord“, so die Mutter und Großmutter von fünf Enkeln.
Die kanadische Armee war es, die am 12. April 1945 die nur noch 850 Gefangenen befreite. Schon am Vortag war Kommandant Gemmeker geflohen. Später wurde er in einem Prozess vor dem Sondergericht Leeuwarden zu zehn Jahren Haft verurteilt. „Davon hat er nur sechs Jahre abgesessen“, sagt Eva Weyl.
Es ist ein Geschenk für mich, dass ihr mir zuhört. Ich bin Zeitzeugin, ich brauche euch als Zweitzeugen
sagt Eva Weyl
Eva Weyl zieht Parallelen in die Jetzt-Zeit. Sie sei „auch ein Immigrantenkind“ gewesen, „eine Fremde in einem anderen Land“. Wie frei ein Mensch leben könne, wisse er erst, wenn ihm die Freiheit genommen werde. Erst spät begann Eva Weyl, sich mit der Nazizeit und den Folgen für jüdische Menschen wie Anne Frank, für Sinti und Roma und Menschen mit einer kommunistischen Weltanschauung auseinanderzusetzen. Sie alle waren in Westerbork.
Jeder in den Niederlanden hat die Tagebücher von Anne Frank in der Schule lesen müssen. Was sie erlebt hat, hab ich erst viel später verstanden
sagt Eva Weyl
Nach der Scheidung sei es ihr zweiter Partner gewesen, ein Jude aus den USA, der mit ihr die europäischen Vernichtungsstätten besucht habe. Als Jüdin, die nicht religiös aufgewachsen ist, sei es ihr wichtig zu sagen: „Je mehr ich über die Shoah erfuhr, umso weniger religiös war ich.“ Eva Weyl bittet nur um eines: „Bleibt Menschen.“