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Nahost

Humanitäre Hilfe in Gaza: Christliche Organisation unterstützt Landwirtschaftsprojekte

Wie leben Menschen in Gaza nach Monaten der Zerstörung und Unsicherheit? Im Gespräch mit Florian Riesterer berichtet Sebastian Zug von seinen Eindrücken vor Ort. Er ist Mitarbeiter im Hilfswerk der Evangelisch-reformierten Kirche der Schweiz, das versucht unter extremen Bedingungen Hoffnung und Stabilität zu schaffen. Von Florian Riesterer

Zwei Menschen laufen durch Trümmer und Häuser, die zerstört sind
Pressebild/Suhail Youssef Fouad Nassar

Zerstörtes Rafah: Der erste Eindruck beim Grenzübertritt nach Gaza

Herr Zug, was war Ihr erster Eindruck von Gaza?

Sebastian Zug: Wir sind am Grenzzaun zwischen dem Gazastreifen und Ägypten entlanggefahren, rechts von uns hätte Rafah sein müssen. Der Anblick war frustrierend: Die Stadt ist komplett dem Erdboden gleichgemacht worden. Von der Straße aus sieht man nichts mehr, nicht mal Häusergerippe. Nur noch Schutthaufen. Vereinzelt israelische Soldaten und Panzer.

Wie ist die Versorgungslage?

Sebastian Zug: Ich habe viele Geschäfte am Straßenrand gesehen. Obstläden mit Pappschachteln voller Äpfeln und Birnen und Bananen und Mangos. Eigentlich nicht groß anders als ein Gemüsehändler hierzulande, außer dass sie in Zelten untergebracht sind. Es hängt damit zusammen, dass der private ­Sektor jetzt mehr Waren importieren kann. Wir haben viele LKWs gesehen, die Richtung Grenze fahren oder von dort kommen.

Porträtfoto von Sebastian Zug. Er trägt ein T-Shirt und eine beige Weste.
Pressebild/Suhail Youssef Fouad Nassar
Sebastian Zug ist Mitarbeiter des Hilfswerks der Evangelisch-reformierten Kirche der Schweiz

Versorgungslage in Gaza: Mehr Waren, aber kaum leistbar

Ist das ein gutes Zeichen?

Sebastian Zug: Dass es Waren gibt, heißt leider nicht, dass alle davon profitieren. Die Nahrungsmittelpreise sind immer noch deutlich höher als vor den Krieg, auch wenn ich keine genauen Zahlen kenne. Restaurants werden in Provisorien eröffnet. Dort gibt es sogar Fleisch. Aber die Preise in diesen Restaurants sind höher als in Zürich. Das ist für die meisten einfach nicht bezahlbar.

Wie werden die Menschen versorgt?

Sebastian Zug: Überwiegend über große Suppenküchen von Nicht-Regierungs-Organisationen. Das Problem ist, dass viele Grundnahrungsmittel, die verteilt werden, ja erst gekocht werden müssen. Etwa Reis. Aber in Gaza kann man kaum kochen: Alles, was irgendwie brennbar ist, haben die Leute bereits genutzt, um Feuer zu machen. Gas und ­Benzin sind schwer zu importieren und sehr teuer. An mehreren Orten habe ich Menschen gesehen, die durch das Verbrennen von Plastik eine Art Diesel produzieren.

Leben in Gaza: Zwischen Ruinen, Camps und gefährlichen Häusern

Wie ist die Wohnsituation?

Sebastian Zug: Es gibt Gebiete, wo niemand wohnt, etwa im von Israel militärisch kontrollierten Bereich, und auch in der Nähe der Yellow Line (Waffenstillstandslinie). Es gibt Familien, die in unbeschädigten Häusern leben können, wie in Teilen von Deir al-Balah, wo nur einzelne Häuser gezielt zerstört wurden. Aber das sind die wenigsten. In anderen Orten ist kein Haus mehr bewohnbar. Man fährt über Kilometer an Ruinen vorbei. Problematisch sind Häuser, die zwar noch stehen, aber eigentlich zu gefährlich zum Wohnen sind. Es kommen immer wieder Menschen ums Leben, wenn diese beispielsweise bei Regen zusammenbrechen.

Wer nicht in einem Gebäude unterkommt, baut sich aus verteilten Planen eine provisorische Unterkunft mit einer einfachen Holzkonstruktion. Die wenigsten haben gute Zelte. Es gibt kilometerlange Camps wie in Al Mawasi, oder kleine Camps auf landwirtschaftlichen oder offenen Flächen. Vereinzelt wagen sich Menschen zurück in total zerstörte Gebiete und man sieht Zelte inmitten von Trümmern.   

Wie nehmen die Menschen die Situation wahr?

Sebastian Zug: Ich war überrascht von der positiven Stimmung unter unseren Mitarbeitern. Das hängt vielleicht damit zusammen, dass sie zuvor eine noch schwerere Zeit hatten. Sie können jetzt etwas durchatmen, wenn auch mit einer enormen Unsicherheit über die Zukunft.

Wir haben mit einer Familie gesprochen, die wir mit psychosozialen Aktivitäten unterstützen. Die Kinder haben uns ganz stolz Bilder gezeigt, die sie an ihre Zimmerwand gemalt haben. Die Familie würde eigentlich gern gehen, der Vater arbeitet in einem Golfstaat, aber sie kommen nicht raus aus dem Gazastreifen.

Ein Feld mit grünen Pflanzen und einer Bewässerungsanlage.
Pressebild/Suhail Youssef Fouad Nassar
Agrarprojekte im Gazastreifen helfen bei der Versorgung der Menschen.

Humanitäre Hilfe: Landwirtschaftsprojekte, Reparaturen und Gymnastik

Wie unterstützt Ihr Hilfswerk die Menschen vor Ort?

Sebastian Zug: Unter anderem mit Landwirtschaftsprojekten. So bauen Bauern Gemüse in Gewächshäusern an. Wegen der Blockade kamen über Monate keine Samen nach Gaza und die verfügbaren waren häufig nicht mehr keimfähig. Statt Samen hat einer unser Partner deshalb Tomaten-, Gurken- und Chilisetzlinge produzieren lassen, die an die Bauern verteilt wurden. Die Erfolgschancen auf eine Ernte haben sich deutlich verbessert.

In einem zweiten Projekt hat ein anderer Partner Kleinbauern unterstützt, auf kleinen Flächen während des Kriegs weiterzuproduzieren, und ausschließlich mit lokalem Saatgut gearbeitet. Die Bauern liefern Samen, die sie selbst produziert haben, an eine Saatgutbank und können dort andere Samen beziehen. So werden nicht nur lokal angepasste Gemüsesorten erhalten, die Landwirtschaft wird auch unabhängig von globalen Saatgutkonzernen. Die Projekte waren ein kleiner Beitrag zur Ernährungssicherheit. Schwierig zu bekommen sind Düngemittel, deren Einfuhr bereits vor dem Krieg verboten war, weil da­raus Sprengstoff hergestellt werden kann. Biologische landwirtschaftliche Produktion ist in Gaza vor allem wegen des Mangels an konventionellen Alternativen wichtig, weniger wegen der Nachhaltigkeit.

Was bedeuten die Einfuhrrestrik­tionen für den Wiederaufbau?

Sebastian Zug: Aktuell ist noch nicht an den Wideraufbau von Häusern zu denken. Auch wenn wieder Güter nach Gaza kommen, fehlen zentrale Baumaterialien, insbesondere Zement. Dessen Einfuhr wird konsequent von Israel unterbunden. Deshalb können beschädigte, aber sichere Gebäude nur provisorisch repariert werden. Fenster und komplette Wände werden durch Planen ersetzt. Wir gehen davon aus, dass Menschen noch lange so leben müssen. Deshalb ist unser Ziel, die Menschen in den kommenden Monaten bestmöglich technisch und finanziell zu unterstützen, damit sie mit Mauersteinen und Lehm Löcher in Wänden schließen oder mit Wellblech kaputte Dächer reparieren oder ersetzen können.

Das eine sind die Grundbedürfnisse wie Wohnen und Essen. Die Menschen sind aber auch traumatisiert.

Sebastian Zug: Ja, im Bereich psychische Gesundheit ist das Bedürfnis riesig. Ein dritter Partner von uns berät stark betroffene Kinder und Frauen, bietet aber auch Gruppensitzungen an, in denen sich Betroffene unter fachkundiger Leitung austauschen können. Es bleibt ein Tropfen auf einen heißen Stein. Wir begrüßen Aktivitäten, die die Menschen aus dem täglichen Trott bringen. Eine befreundete lokale Organisation bietet Gymnastikunterricht für Frauen an. Das kann hilfreich sein. 

Würde und Zusammenhalt: Hoffnung inmitten der Zerstörung

Spüren Sie so etwas wie Hoffnung?

Sebastian Zug: Schwierige Frage. Ich habe vor allem das Gefühl, dass die Leute sich viel Würde erhalten, nach vorne blicken. Zwei Symbole stehen dafür: zum ­einen die Sauberkeit in den Camps. Die Menschen putzen die Wege, es liegt fast kein Müll herum. Die Gemeinschaft funktioniert. Zum anderen die Kleidung. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich der war, der die dreckigsten Schuhe anhatte.

Wie blicken Sie in die Zukunft?

Sebastian Zug: Natürlich wäre der Traum, dass sich die Situation stabilisiert, dass Israel sich zurückzieht, Gaza wiederaufgebaut wird und dass Israelis und Palästinenser in Frieden miteinander leben. Jedoch ist all dies in noch weitere Ferne gerückt. HEKS wird weiterhin stark in die Arbeit zur Konflikttransformation und in Palästina eingebunden sein, um zumindest einen kleinen Beitrag zu dieser Vision leisten zu können.