Humanitäre Hilfe: Landwirtschaftsprojekte, Reparaturen und Gymnastik
Wie unterstützt Ihr Hilfswerk die Menschen vor Ort?
Sebastian Zug: Unter anderem mit Landwirtschaftsprojekten. So bauen Bauern Gemüse in Gewächshäusern an. Wegen der Blockade kamen über Monate keine Samen nach Gaza und die verfügbaren waren häufig nicht mehr keimfähig. Statt Samen hat einer unser Partner deshalb Tomaten-, Gurken- und Chilisetzlinge produzieren lassen, die an die Bauern verteilt wurden. Die Erfolgschancen auf eine Ernte haben sich deutlich verbessert.
In einem zweiten Projekt hat ein anderer Partner Kleinbauern unterstützt, auf kleinen Flächen während des Kriegs weiterzuproduzieren, und ausschließlich mit lokalem Saatgut gearbeitet. Die Bauern liefern Samen, die sie selbst produziert haben, an eine Saatgutbank und können dort andere Samen beziehen. So werden nicht nur lokal angepasste Gemüsesorten erhalten, die Landwirtschaft wird auch unabhängig von globalen Saatgutkonzernen. Die Projekte waren ein kleiner Beitrag zur Ernährungssicherheit. Schwierig zu bekommen sind Düngemittel, deren Einfuhr bereits vor dem Krieg verboten war, weil daraus Sprengstoff hergestellt werden kann. Biologische landwirtschaftliche Produktion ist in Gaza vor allem wegen des Mangels an konventionellen Alternativen wichtig, weniger wegen der Nachhaltigkeit.
Was bedeuten die Einfuhrrestriktionen für den Wiederaufbau?
Sebastian Zug: Aktuell ist noch nicht an den Wideraufbau von Häusern zu denken. Auch wenn wieder Güter nach Gaza kommen, fehlen zentrale Baumaterialien, insbesondere Zement. Dessen Einfuhr wird konsequent von Israel unterbunden. Deshalb können beschädigte, aber sichere Gebäude nur provisorisch repariert werden. Fenster und komplette Wände werden durch Planen ersetzt. Wir gehen davon aus, dass Menschen noch lange so leben müssen. Deshalb ist unser Ziel, die Menschen in den kommenden Monaten bestmöglich technisch und finanziell zu unterstützen, damit sie mit Mauersteinen und Lehm Löcher in Wänden schließen oder mit Wellblech kaputte Dächer reparieren oder ersetzen können.
Das eine sind die Grundbedürfnisse wie Wohnen und Essen. Die Menschen sind aber auch traumatisiert.
Sebastian Zug: Ja, im Bereich psychische Gesundheit ist das Bedürfnis riesig. Ein dritter Partner von uns berät stark betroffene Kinder und Frauen, bietet aber auch Gruppensitzungen an, in denen sich Betroffene unter fachkundiger Leitung austauschen können. Es bleibt ein Tropfen auf einen heißen Stein. Wir begrüßen Aktivitäten, die die Menschen aus dem täglichen Trott bringen. Eine befreundete lokale Organisation bietet Gymnastikunterricht für Frauen an. Das kann hilfreich sein.
Würde und Zusammenhalt: Hoffnung inmitten der Zerstörung
Spüren Sie so etwas wie Hoffnung?
Sebastian Zug: Schwierige Frage. Ich habe vor allem das Gefühl, dass die Leute sich viel Würde erhalten, nach vorne blicken. Zwei Symbole stehen dafür: zum einen die Sauberkeit in den Camps. Die Menschen putzen die Wege, es liegt fast kein Müll herum. Die Gemeinschaft funktioniert. Zum anderen die Kleidung. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich der war, der die dreckigsten Schuhe anhatte.
Wie blicken Sie in die Zukunft?
Sebastian Zug: Natürlich wäre der Traum, dass sich die Situation stabilisiert, dass Israel sich zurückzieht, Gaza wiederaufgebaut wird und dass Israelis und Palästinenser in Frieden miteinander leben. Jedoch ist all dies in noch weitere Ferne gerückt. HEKS wird weiterhin stark in die Arbeit zur Konflikttransformation und in Palästina eingebunden sein, um zumindest einen kleinen Beitrag zu dieser Vision leisten zu können.