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Pfälzer und Schwaben lachen

Humor über Ländergrenzen

Schwäbischer und Pfälzer Humor könnte nicht unterschiedlicher sein – gegenseitiges Verständnis schaffen Jürgen Kaiser und Michael Landgraf. Von Jürgen Kaiser und Michael Landgraf

Zwei Männer die lachen
Unsplash/Donovan Grabowski
Jürgen Kaiser
Evangelisches Medienhaus
Jürgen Kaiser ist Schwäbischer Pfarrer i. R. und Buchautor.

Und es gibt ihn doch – den schwäbischen Humor!

Von Jürgen Kaiser

Den schwäbischen Humor gibt es doch gar nicht – vermuten viele in Deutschland. Oder sie stellen die ­Behauptung auf, die Schwaben würden zum Lachen in den Keller gehen. Alles falsch! Es gibt ihn nämlich, den schwäbischen Humor. Aber der ist eben anders, als die meisten denken.

„Der Adlerwirt hot en neuer Spitzenkoch! Dem sein Roschtbrata isch so guat, dass da noch drei Tag danach Muskelkater en dr Gosch hasch!“, ein vergiftetes Lob!

Schwäbischer Humor kennt keine Schenkelbatscher oder laut lachende Pointen. Der schwäbische Humor kommt angeschlichen, verpackt in Bildern, die man erst einmal ent­rätseln und verstehen muss. Zudem noch in eine Untertreibung oder Übertreibung verpackt. Dazu braucht es Grips, um das Ganze zu „übersetzen“. Wer das nicht kann, mit dem braucht man sich auch nicht zusätzlich zu unterhalten. „Des isch scho glatt! Je länger Kloider em Schrank hänget, desto enger werdet se ganz von alloi!“

„Wenn Dommheit quitsche dät, dät der sell da ganze Tag mit der Ölkann rommlaufe!“ Mit dem Vorurteil, Schwaben hätten keinen Humor, müssen sich vor allem die evangelischen Schwaben herumschlagen. Seit 1559 gab es in Schwaben die allgemeine Schulpflicht. Auf Kosten des Staates. In anderen Regionen Deutschlands erst 150 Jahre später. Das brachte ­einen riesigen Bildungsvorsprung. Der wurde allerdings eingebremst durch ein gerechtes Erbsystem, die Realerbteilung. Auch einmalig in Deutschland. Nur bei den Schwaben waren auch Frauen erbberechtigt. So waren sie gebildet und zugleich bettelarm. Denn mit jedem Erbfall gab es immer weniger zu verteilen. Ab 1607 kam noch die totale Überwachung der Sitten durch die Nachbarschaft hinzu. Denunziation gegen Belohnung. Das ließ die Schwaben verstummen und in sich kehren.

Sie wurden dadurch „hehlenga“. Das heißt nicht nur heimlich, sondern auch „geheimnisvoll“. Das Misstrauen war so gegenwärtig, dass man sich sehr vorsichtig ausdrückte und verhielt. Das färbte auf die Sprache ab und auf den Humor. „I denk mei Sach!“ und „Net gschompfa isch g’lobt genug!“ stammen aus dieser Zeit. Und eben auch, dass man das Gesicht nicht verzog, keine Empfindungen zeigte und Lob und Kritik in Sprachbilder verpackte.

„Bei dem send Träna enna ra gloffa!“ war ein Lob für einen Witwer, „Dia hot überhaupt net g’heult!“ war ein Lob für eine Witwe. Diese Kontrollmechanismen wirkten über Jahrhunderte und haben sich in die schwäbische DNA eingebrannt.

„Es isch scho g’spassig! Je weniger em Portemonnai dren isch, umso meh druckt es!“ Da ist nichts mit schnellen Pointen, Schlag auf Schlag. Da muss man erst einmal nachdenken.

Genau das will der Schwabe. Er will sehen, wen er als Gegenüber hat, Freund oder Feind. So tastet er erst mal ab – und das auf der Bildungsebene. Dabei geht es nicht ums ­Abitur – sondern um menschliches Verstehen. Dann erst bildet er sich ein Urteil – das allerdings auch wieder in ein Bild verpackt wird. „Den mog e! Des isch oiner, der kommt, wenn scho g’schafft, aber no net g’vespert isch!“

Michael Landgraf
Privat
Michael Landgraf ist Pfälzer Pfarrer und Schriftsteller. Er geht der Sprache und der Lebensart in der Pfalz literarisch auf den Grund.

Der Pfälzer lacht laut

 

Von Michael Landgraf

„In der lustigen, heitern, reichen Pfalz können auch nur heitere, fröhliche, reichbegabte Menschen wohnen.“ August Becker schreibt dies im 1858 erschienenen Buch „Die Pfalz und die Pfälzer“ und stellt den Zusammenhang zwischen Landschaft, Lebensart und Humor her. Spürbar sei, dass das Selbstgefühl hier stärker ausgeprägt ist, als es „die Bescheidenheit erlaubt.“

Ein beliebtes Wanderziel im Pfälzerwald bei Waldleiningen namens „Pfälzer Weltachs“ zeugt davon. Die Idee geht auf das 1909 erschienene Buch „Pälzisch Weltgschicht“ von Paul Münch zurück, in dem steht: „Do werd die Weltachs ingeschmeert unn uffgebasst, dass nix passeert.“ Münch reflektiert auch die Schöpfungsgeschichte und zitiert Gott: „Ma merkt, dass ich allmächdich bin, do mach ich’s Paradies enin.“

Gemeint ist bei beidem natürlich die Pfalz. Humorvolle Visualisierungen des Gedankens sind in Neustadt an der Weinstraße der Paradiesbrunnen und eine lebensgroße Eva an einem Rastort über Deidesheim in der Weinlage Paradiesgarten. Die Erzählung vom Turmbau zu Babel reflektierend, schildert Münch, dass der Menschen Ursprache natürlich das Pfälzische sei. Ansonsten gebe es „Sproche, wo kään Mensch versteht, die arme Kerle dun mer lääd“. Klar sei, dass der pfälzische Ausdruck für Reden, nämlich Babbeln, mit der Sprache Babels verbunden sei.

Im 2024 erschienenen Kino-Dokumentarfilm „Hiwwe wie Driwwe 2“ stellt Filmemacher Benjamin Wagener konkret die Frage nach dem hiesigen Humor. Comedian Christian Chako Habekost erläutert, dass man eher explosiv-laut als in sich gekehrt lache, was grundsätzlich gesünder sei. Auf humorvoll-laute Pfälzerinnen und Pfälzer traf anscheinend  auch Adolph Freiherr von Knigge 1792 bei seiner „Fußreise in die Pfalz zur Zeit der Weinlese“ begegnet, die er unter diesem Titel dokumentierte. Die Einheimischen würden beim Artikulieren „schreien“.

Seine Begründung: Das Laute sei Ausdruck des Glücks, das man empfinde, in einer so schönen Region wie der Pfalz leben zu dürfen. Kein Wunder, dass sich auch Pfälzer als Krischer, also als Schreihälse bezeichnen.

Becker weist noch auf eine weitere Quelle Pfälzer Humors hin, nämlich auf den Sinn für heiteres Zusammensein. Begegnungen sind in der Pfalz leicht möglich. Wer auf der Suche nach einem Platz auf einem Volks-, Wein- oder Kirchenfest herumirrt, hört oft den Satz: „Kumm hock dich her, ich ritsch ä Stick.“ Man rückt zusammen, um mit anderen ins  humorvolle Gespräch zu kommen, selbst bei traurigen Anlässen. So antwortet der Sänger der pfälzischen Kult-Band „Die anonyme Giddarischde“, Thomas Etzel Merz, in „Hiwwe wie Driwwe“ auf die Frage nach dem hiesigen Humor: „Wanns in de Palz bei ner Beerdichung traurich zugeht, is de Parrer schlecht.“

Der Blick ins sechsbändige Pfälzer Wörterbuch verrät: „Er hot än gude Humor“ kann mancherorts auch „er hat einen guten Appetit“ meinen. Und wirklich: Lachen verbraucht mehr Kalorien, was bei der Verdauung eines deftigen Pfälzer Gerichts mit einem Halbliter-Schoppen Wein sicher verträglicher ist. Unbeliebt sind in der Pfalz übrigens lang-atmige Witze. Lieber „utzt“, also foppt man sich kurz, meint es aber nicht böse.

Sprachlich wird in der Pfalz sowieso eher die kurze Form bevorzugt. „Kommerlosse“ ist das höchste Lob, das selbst dann kommt, wenn ein nichtpfälzischer Gastgeber oder eine Gastgeberin zum Essen eingeladen hat. Erntet man irritierte Blicke, dann kann man immer noch gewitzt die Situation retten, durch den Satz: „Sei froh, dass ich kään Schwoob bin, do deeds hääße: Net gschimpft is gelobt genuch.“