Herr Waldman, Welche Folgen hätte eine Wahl Netanjahus?
Ofer Waldman: Seit dem 7. Oktober klaffen immer größere Lücken im Freundeskreis, in der Whatsapp- Gruppe der Kita, in der Nachbarschaft. Weil die Menschen das Land verlassen. Und diejenigen, die das Land verlassen, sind gerade diejenigen, die das Land eigentlich braucht. In jedem Gespräch, das ich zurzeit mit Freunden in diesem Land führe, fällt der Satz: Wenn Netanjahu noch einmal die Wahlen hier gewinnt, dann gehen wir weg. Dann müssen wir eine harte Entscheidung treffen für die Zukunft unserer Kinder. Für mich, der dieses Land sehr, sehr liebt, hier geboren und aufgewachsen ist, ist das sehr schmerzhaft.
Welche Rolle kann der deutsche Staat spielen?
Ofer Waldman: Der 7. Oktober war der verlustreichste Tag für das jüdische Volk seit dem Ende des Holocaust. Dieses Trauma sitzt überall. Ich selbst saß mit meinen Kindern immer wieder im Bunker. Aus dieser Katastrophe schaffen es Israel und Palästina nicht aus eigenen Kräften heraus, nicht mit der gegenwärtigen politischen Führung. Wenn die Rede von Staatsräson ernst gemeint ist und von der deutsch-israelischen Freundschaft, dann ist es jetzt die Zeit, gerade das demokratische Lager in Israel zu unterstützen, um dieses Land wieder zurück auf die Bahn der Demokratie zu bringen.
Da Sie Deutschland ansprechen: Hier gilt eine Anteilnahme für Palästina und gegen die Politik Netanjahus schnell als Antisemitismus …
Ofer Waldman: Ich glaube, wir zahlen jetzt den bitteren Preis für das Versagen in den Debatten um die documenta 15, um Nemi El-Hassan, um die arabischsprachige Redaktion der Deutschen Welle oder während der Berlinale. Wir haben die Diskussion, was ist Antisemitismus, was ist legitime Israel-Kritik, nicht zu Ende geführt. Stattdessen hat sich jede Seite in ihrer Position verschanzt, es ist oft ein Selbstgespräch. Aber: Viele Menschen in Deutschland haben einen biografischen Bezug zu dem, was in Israel und Palästina geschieht. Nur wird es oft zweckentfremdet für innerpolitische Diskussionen, etwa in der Migrationsdebatte.
Können Sie das präzisieren?
Ofer Waldman: Wenn ein palästinensisch-deutscher Junge, dessen Großeltern aus dem Südlibanon fliehen mussten und nach Deutschland kamen, nicht offen über seine Familiengeschichte, über sein Deutschsein und Palästinensischsein in Deutschland sprechen kann; wenn er keinen gleichberechtigten Platz am Tisch hat, wenn es um Erinnerungskultur geht; wenn er über die deutsch-jüdische Geschichte nicht nachdenken und offen diskutieren kann: In so einem Fall finde ich jeglichen Vorwurf, dass er sich mit dem deutschen Grundgesetz oder mit der Leitkultur, wie der Kanzler sagt, nicht hundertprozentig identifiziert, verlogen. Alle Teile der deutschen Gesellschaft sollten offen darüber sprechen können.
Wie können zivilgesellschaftliche Organisationen und Kirchen in Deutschland Räume des Friedens offenhalten in diesem Konflikt?
Ofer Waldman: Es klingt vielleicht plump, aber Begegnungen sind wichtig. Ich bin nach Deutschland gekommen als Musiker des West-Eastern Divan Orchesters, saß im Orchester Schulter an Schulter mit arabischen Musikern aus dem gesamten Nahen Osten. Das Orchester oder die Barenboim-Said Akademie in Berlin haben enorme Signalwirkung. Es gibt eine Menge Organisationen, etwa „Parents Circle“, die in Deutschland immer mehr Zuspruch finden. Wer Begegnungen ermöglicht und das sichtbar macht, ermutigt, sich zu engagieren.
Klar gibt es immer Menschen, die polarisieren, weil das ihre Natur ist oder sie politisch einen Nutzen daraus ziehen. Aber die große Mehrheit ist in der Lage, die Komplexität des Konflikts wahrzunehmen. Und sie braucht Ankerpunkte. Genau das sind diese Organisationen. Und es ist wichtig, dass Gruppen hierherkommen und sich sowohl in Israel als auch Palästina ein Bild davon machen, wie es den Menschen dort geht.