Direkt zum Inhalt
Kirche und Soziale Medien

Junge Menschen in den Sozialen Medien erreichen

Luca Sigle kennt sich in einem Bereich aus, mit dem Kirche häufig fremdelt: in den sozialen Medien. Dort verbringen junge Menschen viel Zeit. Er weiß, wie er Jugendliche in der digitalen Welt erreichen möchte. Von Antje Schmitz

Ein Smartphone wird in einer Hand gehalten, der Bildschirm zeigt einen Ordner der mit "Social Media" überschrieben ist und die App-Symbolde von Facebook, Facebook Messanger, Instagram, WhatsApp und X (ehemals Twitter) zeigt.
Unsplash/Julian Christ

Herr Sigle, Sie haben Ihre Masterarbeit über „Digitale Glaubenskommunikation im virealen Zeitalter“ geschrieben. Wie sind Sie auf das Thema gekommen?

Luca Sigle: Ich bin ein Informatik-Nerd. Seit meiner Jugend entwickle ich Apps, das mache ich mittlerweile auch nebenberuflich. Mich interessiert alles, was mit Digitalität und Kirche zu tun hat. Die Schnittstelle von Digitalität und Glauben finde ich spannend. Sie wird leider recht wenig beleuchtet, weil bei uns in der Kirche digitale Themen noch nicht so etabliert sind. So lag es nahe, mich mit dem Thema zu beschäftigen.

Porträtbild eines jungen Mannes (Luca Sigle) mit Bart.
privat
Jugenddiakon und App-­Entwickler Luca Sigle.

Warum tut sich Kirche denn mit Digitalität schwer?

Luca Sigle: Ich denke, Kirche ist bei vielen Neuschöpfungen erst einmal vorsichtig. Da herrscht eine Grund­skepsis, aus der heraus man sagt: Wir müssen erst mal schauen, was das eigentlich ist, bevor wir an­fangen. Ich kann diese Haltung nachvollziehen, Digitalisierung ist ja auch nicht der heilige Gral. Ich glaube aber, dass man unterschätzt, wie wichtig die Digitalität ist. Sie hat eine enorme Wirkung auf junge Menschen, die durchschnittlich 200 Minuten am Tag online verbringen. Entweder ich gestalte das mit oder nicht. Und dann tut sich Kirche wie andere große Institutionen in der heutigen Zeit einfach schwer, in den sozialen Medien gut zu kommunizieren und präsent zu sein, weil sich im Web 2.0 die Machtverhältnisse verschoben haben.

Inwiefern?

Luca Sigle: In den sozialen Medien kann jeder x-beliebige Mensch mit dem richtigen Inhalt und der passenden Ansprache sehr große Reichweiten erzielen. Es kommt dabei nicht nur auf gute Recherche und guten Content an, sondern auch darauf, Menschen emo­tional anzusprechen und zu bewegen. Wenn ich hier in meiner Wohnung sitze, kann ich theoretisch Milliarden Menschen auf der Welt erreichen. Das ist eine Verschiebung, mit der man erst mal klarkommen muss. Menschen lassen sich in der digitalen Welt eher durch Menschen als durch Institutionen erreichen.

 

Die Kirche arbeitet ja mit christlichen Influencern zusammen, den sogenannten Sinnfluencern. Würden Sie der Kirche raten, in den sozialen Medien ganz auf Personen zu setzen?

Luca Sigle: Menschen folgen Menschen. Deswegen ist es richtig und wichtig, dass wir in Personen investieren. Dabei stellt sich die grundsätzliche Frage: In welche Personen investieren wir und auf welche Art und Weise? Wenn ich das evangelische Yeet-Netzwerk anschaue, dann haben wir da überwiegend Hauptamtliche der Kirche. Hier wird in einem sehr innigen Kreis von Pfarrern und Pfarrerinnen kommuniziert. Wir müssten mehr auf Laien setzen. Es geht darum zu sagen: Ich finde das und das wichtig, das und das bewegt mich. Ganz normale Christen sollten auch über ihren Glauben schreiben, wenn sie etwas posten. Wir sollten normale Christinnen und Christen ermutigen und dazu befähigen, über ihren Glauben zu sprechen.

Luca Sigle (25) ist Jugendreferent beim CVJM Sindelfingen. Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl hat Sigles Masterarbeit ausgezeichnet. Zudem erhielt Sigle für seine Bibel-Quiz-App den Bibelpreis in der Kategorie „Sonderpreis Kinder und Jugend“. Die kostenlose App führt spielerisch an die Bibel heran. Zu jeder Quizfrage gibt es eine kurze Erklärung und eine Verweisstelle.

Befindet Kirche sich nicht ohnehin in einem Umbruch und muss Laien mehr zutrauen?

Luca Sigle: Ja, und die Diskussion haben wir ja nicht nur im digitalen Raum, sondern auch in der analogen Welt. Wenn ich Christ bin, betrifft das mein ganzes Sein, also wie ich bin, was ich tue, was ich denke. Das darf ruhig auch sichtbar sein. Damit meine ich nicht, dass man jeden fragt, „Hey, kennst du schon Jesus?“, sondern dass man authentisch ist, sowohl digital als auch analog.

Wer sich in den sozialen Medien äußert, bekommt oft feindliche Kommentare.

Luca Sigle: Wir leben in einer Welt, die extrem pluralisiert ist und in der wir es nicht mehr schaffen, als Evangelische Kirche in Deutschland eine theologische Linie zu definieren, der sich alle evangelischen Kirchenmitglieder zugehörig fühlen. Die Frage ist auch, ob wir das überhaupt wollen. Und, wie wir es als Kirche schaffen, mit Vielfalt unter unserem eigenen Dach klarzukommen und trotzdem beieinander zu bleiben.