Warum tut sich Kirche denn mit Digitalität schwer?
Luca Sigle: Ich denke, Kirche ist bei vielen Neuschöpfungen erst einmal vorsichtig. Da herrscht eine Grundskepsis, aus der heraus man sagt: Wir müssen erst mal schauen, was das eigentlich ist, bevor wir anfangen. Ich kann diese Haltung nachvollziehen, Digitalisierung ist ja auch nicht der heilige Gral. Ich glaube aber, dass man unterschätzt, wie wichtig die Digitalität ist. Sie hat eine enorme Wirkung auf junge Menschen, die durchschnittlich 200 Minuten am Tag online verbringen. Entweder ich gestalte das mit oder nicht. Und dann tut sich Kirche wie andere große Institutionen in der heutigen Zeit einfach schwer, in den sozialen Medien gut zu kommunizieren und präsent zu sein, weil sich im Web 2.0 die Machtverhältnisse verschoben haben.
Inwiefern?
Luca Sigle: In den sozialen Medien kann jeder x-beliebige Mensch mit dem richtigen Inhalt und der passenden Ansprache sehr große Reichweiten erzielen. Es kommt dabei nicht nur auf gute Recherche und guten Content an, sondern auch darauf, Menschen emotional anzusprechen und zu bewegen. Wenn ich hier in meiner Wohnung sitze, kann ich theoretisch Milliarden Menschen auf der Welt erreichen. Das ist eine Verschiebung, mit der man erst mal klarkommen muss. Menschen lassen sich in der digitalen Welt eher durch Menschen als durch Institutionen erreichen.
Die Kirche arbeitet ja mit christlichen Influencern zusammen, den sogenannten Sinnfluencern. Würden Sie der Kirche raten, in den sozialen Medien ganz auf Personen zu setzen?
Luca Sigle: Menschen folgen Menschen. Deswegen ist es richtig und wichtig, dass wir in Personen investieren. Dabei stellt sich die grundsätzliche Frage: In welche Personen investieren wir und auf welche Art und Weise? Wenn ich das evangelische Yeet-Netzwerk anschaue, dann haben wir da überwiegend Hauptamtliche der Kirche. Hier wird in einem sehr innigen Kreis von Pfarrern und Pfarrerinnen kommuniziert. Wir müssten mehr auf Laien setzen. Es geht darum zu sagen: Ich finde das und das wichtig, das und das bewegt mich. Ganz normale Christen sollten auch über ihren Glauben schreiben, wenn sie etwas posten. Wir sollten normale Christinnen und Christen ermutigen und dazu befähigen, über ihren Glauben zu sprechen.