Höss kennt seinen Großvater nur aus Erzählungen
Kai Uwe Höss ist sein Enkel und lebt heute in Stuttgart. „Mein Großvater war der größte Massenmörder aller Zeiten”, sagt er im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst. Er spricht ruhig und überlegt. Fassungslos macht ihn einerseits die Perfektion und Akribie, mit der sein Großvater vorging. So habe der sich ein Kennzeichnungssystem für die Häftlinge ausgedacht, das es in keinem anderen KZ gab: Statt den Deportierten Nummern an die Kleidung zu heften, ließ er sie Neuankömmlingen in den Arm tätowieren.
Auf der anderen Seite seien da die Erzählungen seines eigenen Vaters Hans-Jürgen, dem zweitjüngsten der fünf Höß-Kinder, der seinen Vater Rudolf Höß stets als fürsorglich und liebevoll beschrieben habe. Kai Uwe Höss erzählt von dem unterirdischen Gang, der von der Dienstvilla in Auschwitz direkt ins Lager führte:
Wenn er dort durchging, wandelte er sich vom liebevollen Familienvater zum pflichtbewussten Massenmörder.
sagt Kai Uwe Höss
Kai Uwe Höss ist 62 Jahre alt. Seinen Großvater, der 1947 zum Tode verurteilt und gehängt wurde, kennt er nur aus dessen Tagebuchaufzeichnungen und den Erzählungen seines Vaters. Anders seine Großmutter Hedwig, Ehefrau von Rudolf Höß. Sie erlebten der kleine Kai Uwe und sein jüngerer Bruder Rainer immer wieder. Zwar habe sie nur sehr selten von früher erzählt, erinnert sich der Enkel. Aber wenn sie davon gesprochen habe, sei deutlich geworden, dass sie den Sozialdarwinismus, auf den sich die Nationalsozialisten beriefen, nach wie vor befürwortete: „In ihrer Weltsicht kamen nur die Stärksten durch.” Sie sei bis zum Ende ihres Lebens in diesem System gefangen gewesen. Hedwig Höß starb 1989 bei einem Besuch ihrer Tochter Ingebrigitt in den USA. Sie ist in Arlington begraben. Auf ihrem Grabstein steht kein Name. Nur „Mutti”.
Über die Vergangenheit wurde nur selten gesprochen
Auch im Elternhaus im württembergischen Walheim bei Ludwigsburg, wo Kai Uwe Höss aufwuchs, wurde nur selten über die Vergangenheit gesprochen. Und trotzdem sei das familiäre Erbe auch für Kai Uwe Höss stets gegenwärtig gewesen – allein schon wegen des Namens.
Wer will schon mit Rudolf Höß verwandt sein?
fragt Kai Uwe Höss
Die Schreibweise seines Namens änderte er später wegen der zahlreichen beruflichen Stationen im Ausland, wo man kein „ß” kannte. „Spätestens wenn in der Schule der Nationalsozialismus behandelt wird, wird man auf den Namen angesprochen”, erzählt er. Das sei selbst seinen vier Kindern noch so gegangen.
Distanz zur Heimat
Kai Uwe Höss wollte dieser Enge entfliehen. Nach der Schule ließ er sich zunächst zum Koch ausbilden, ging mit der Bundeswehr nach Großbritannien, studierte Hotelmanagement – und machte Karriere. Er arbeitete als Manager für internationale Fünf-Sterne-Häuser in Macao und Hongkong, Kairo und Dubai, Singapur, Thailand und Bali – wo er auch seine Frau Rahma kennenlernte.
„Mein Lebensmotto lautete: work hard, play hard”, erinnert er sich. Und wenn er davon erzählt, ahnt man, wie er es einst hat krachen lassen. „Damals war ich ziemlich arrogant und selbstverliebt.” In seiner knapp bemessenen Freizeit feierte er Partys und genoss das Leben auf der Überholspur. „Aber ich fühlte mich innerlich leer.”