Was halten Sie aktuell für die größte Herausforderung der Kirche?
Kristian Fechtner: Zum einen sehen wir, dass unsere verfasste Form von Kirche nicht mehr funktioniert. Dass das Finanzsystem über die Kirchensteuer an Mitgliedschaft gebunden ist, war ein großes Pfund, damit konnten wir viel bewegen. Aber für Menschen wird es zunehmend weniger plausibel, dass man Religion mitgliedschaftlich betreibt und pflegt. Uns brechen in dieser Hinsicht natürlich die Finanzen weg.
Außerdem sind wir in einem zunehmenden „Plausibilisierungsstress” für alles Kirchliche innerhalb unserer Gesellschaft. Es leuchtet Menschen nicht mehr unbedingt ein, warum es so etwas wie Religionsunterricht an staatlichen Schulen gibt, warum Gottesdienste in Kirchgebäuden stattfinden.
Vielen Menschen war bislang wichtig, dass die Kirche vor Ort da ist.
Kristian Fechtner: Kirche vor Ort wird künftig nicht mehr bedeuten: „Kirche an allen Orten”. Wir müssen aus dieser alten Logik herauskommen. Ohne Änderungen bei den Ortsgemeinden könnten wir oben in der Verwaltung, in übergemeindlichen Diensten oder bei der Öffentlichkeitsarbeit noch so viel sparen. Wir werden vor Ort Profilbildung betreiben. Das heißt, es wird dann besondere Gemeindeformen geben, die man im weiten Umfeld eben nur an einem Ort findet. Ich wurde gerade in eine ländliche Kulturkirche hinter Würzburg eingeladen. Bislang kannte ich so etwas nur aus größeren Städten. Das ist ein ganz vitales Modell, aber nichts, was man 20 Kilometer weiter auch machen könnte.
Zu schrumpfen, fällt vielen in der Kirche schwer.
Kristian Fechtner: Wir stehen eben nicht nur vor organisatorischen, finanziellen und strukturellen Veränderungen, sondern vor der mentalen Herausforderung, das Aufhören als geistliche Übung zu betrachten. Pfarrpersonen, engagierte Ehrenamtliche und selbst Kirchenleitungen geben notorisch zu Protokoll, dass sie überlastet sind. Immer soll man die Dinge erhalten und gleichzeitig komplett erneuern. Das ist einfach eine Zumutung. Wir sollten die Menschen, die in der Kirche Verantwortung tragen, darin unterstützen, dass sie wirklich aufhören mit bestimmten Dingen, die uns allen lieb sind.
Bekommen die Christen, die es noch gibt, von ihrer Kirche das, was sie brauchen?
Kristian Fechtner: Die Grundäußerung christlichen Glaubens, nämlich, dass wir eine gottesdienstliche Feier haben, dass wir seelsorgliche Begleitung bieten, religiöse Bildung und diakonisches Engagement – all das gilt weiterhin. Woran wir arbeiten müssen, ist, alle diese Formen zugänglich für die Lebenswelten von Zeitgenossen und Zeitgenossinnen zu machen. Da könnte man entscheiden, dass es keinen Sinn mehr macht, in der bisherigen Schlagzahl sonntags morgens um 10 Uhr Gottesdienste in jeder Einzelgemeinde zu gestalten.
Wie sehr wird die Kirche in Zukunft noch stärker eine Kirche der Ehrenamtlichen werden?
Kristian Fechtner: Ohne ehrenamtliches Engagement gibt es gar keine evangelische Kirche. Dabei wäre mir wichtig, dass wir nicht Kompetenzen und Qualifikationen herunterdimmen. Kirchliche Religion, unsere Gottesdienste, Seelsorgeangebote und unser diakonisches Engagement finden auf Dauer nur Resonanz, wenn sie auch als qualitätsvoll, mithin von den Menschen als stimmig erlebt werden. Ich glaube, dass die Arbeit der Kirche in allen Bereichen, wo sie professionell auftritt, weiterhin auch hauptamtlich gestaltet werden sollte.
Würden Sie sagen, dass die Qualität bisher in den großen Kirchen eine ausreichende Rolle gespielt hat? Schließlich schaut niemand nach, warum manche Pfarrer vor einer leeren Kirche predigen.
Kristian Fechtner: Innerkirchlich mache ich mir keine Freunde, wenn ich das sage, aber ich glaube, dass Gemeinden in Zukunft stärker auch miteinander konkurrieren werden. Wir haben nicht mehr die Ressourcen, den einen etwas zu geben, weil es gut läuft, und den anderen noch mehr zu geben, weil es dort noch nicht so gut läuft. Ein befreundeter Pfarrer sagte mir, er zähle jeden Sonntag, ob mehr Freiwillige oder mehr „Zwangsverpflichtete” in die Kirche kommen, also Küster, Pfarrfrau, Konfirmanden. Das geht auf Dauer nicht.
Werden sich in der Kirche künftig nur noch ganz wenige, besonders fromme Menschen versammeln?
Kristian Fechtner: Wir werden kleiner, und wir werden das nicht verhindern können. Aber wir sollten uns nicht auf die religiös Entschiedenen und kirchlich Hochverbundenen zurückziehen, sondern in unserer Mentalität etwas Volkskirchliches erhalten. Bei uns sollten auch Menschen einen Ort haben, die tastend oder mild religiös sind, die meinetwegen Halb- oder Viertelchristen sind. Kirche ist eine Gelegenheitsstruktur für die Empfindung und die Ausübung von Religion. Und solche Empfindungen haben wir weiterhin. Menschen gehen heute pilgern, Menschen fasten. Wir wissen, dass viele Menschen heimlich beten. Religiös versus säkular, das sind keine sich ausschließenden Gegensätze. Unsere säkularen Lebensverhältnisse können Spuren von Religion enthalten, wie das bei einer Schokolade wohl heißen würde.