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Aus der Kirche

Kirche im Umbruch: Theologe fordert Mut zum Wandel

Gottesdienste vor praktisch leeren Bänken – das wird sich die Kirche nach Überzeugung des Theologen Kristian Fechtner künftig nicht mehr leisten können. Er fordert im Gespräch mit Karsten Packeiser mehr Mut zum Aufhören. Von Karsten Packeiser (epd)

Das Foto zeigt eine dunkle Kirche in der drei Menschen auf Kirchenbänken sitzen.
Unsplash/Joao

Die großen Kirchen stehen vor riesigen Veränderungen. Täuscht der Eindruck, dass alle zwar wissen, dass sich ganz viel ändern muss, aber viele noch immer keine Vorstellung davon haben, wohin die Reformen führen werden?

Kristian Fechtner: Wenn ich mit den Kirchenverantwortlichen oder auch mit meinen Kollegen und Kolleginnen der praktischen Theologie spreche, hat im Grunde niemand ein seriöses Bild davon, wie man sich in 20 Jahren Kirche konkret vorstellen kann. Wir müssen in dieser Situation – ohne dass wir ein festes Zukunftsbild haben – aber trotzdem handeln. Das ist genau die Situation, die die Menschen mürbe macht und die auch die Verantwortungsträger in eine Spirale der Überlastung bringt.

Portrait des Theologen Kristian Fechtner. Er trägt ein schwarzes Shirt, grauen Blazer und eine Brille. Er steht vor einem Bücherregal.
epd-bild/Karsten Packeiser
Kristian Fechtner ist evangelischer Theologe

Wie groß werden die Verwerfungen sein?

Kristian Fechtner: Albrecht Grözinger hat vor über 30 Jahren ein Buch geschrieben mit dem Titel „Es bröckelt an den Rändern”. Heute würde man sagen, schön wär's. Wir erleben jetzt Abbrüche in der Mitte unseres verfassten Christentums. Bisher sind wir immer davon ausgegangen, dass das System der Ortsgemeinden unser stabiler Untergrund ist. Doch diese Form von Kirchlichkeit ist so nicht mehr durchhaltbar.

Kirchensteuer und Mitgliedschaft: Das Modell verliert an Plausibilität

Was halten Sie aktuell für die größte Herausforderung der Kirche?

Kristian Fechtner: Zum einen sehen wir, dass unsere verfasste Form von Kirche nicht mehr funktioniert. Dass das Finanzsystem über die Kirchensteuer an Mitgliedschaft gebunden ist, war ein großes Pfund, damit konnten wir viel bewegen. Aber für Menschen wird es zunehmend weniger plausibel, dass man Religion mitgliedschaftlich betreibt und pflegt. Uns brechen in dieser Hinsicht natürlich die Finanzen weg.

Außerdem sind wir in einem zunehmenden „Plausibilisierungsstress” für alles Kirchliche innerhalb unserer Gesellschaft. Es leuchtet Menschen nicht mehr unbedingt ein, warum es so etwas wie Religionsunterricht an staatlichen Schulen gibt, warum Gottesdienste in Kirchgebäuden stattfinden.

Über Kristian Fechtner

Kristian Fechtner war von 2002 bis zu seinem Ruhestand 2026 Theologie-Professor an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Sein Forschungsschwerpunkt liegt in der Rolle der Religion in der modernen Gesellschaft, was den Kirchen bevorsteht und wie sie attraktiv bleiben können.

... weil die Kirche einfach keine Relevanz mehr hat?

Kristian Fechtner: Das kann man so nicht sagen. Wenn man Menschen befragt, finden sie es gut und wichtig, dass es so etwas wie Kirche gibt. Wenn man dann fragt, wie wichtig das für sie persönlich ist, sehen wir eine Lücke. Das heißt noch lange nicht, dass Religiosität verschwindet oder dass Menschen dafür gar keinen Sinn mehr haben. Diese Entwicklungen sind Megatrends, die eben nicht damit zusammenhängen, dass wir alles so schlecht machen würden. Gerade für Jüngere ist es nicht mehr plausibel, sich lebenslang mitgliedschaftlich zu binden.

Kirche vor Ort neu denken: Profilgemeinden statt flächendeckender Präsenz

Vielen Menschen war bislang wichtig, dass die Kirche vor Ort da ist.

Kristian Fechtner: Kirche vor Ort wird künftig nicht mehr bedeuten: „Kirche an allen Orten”. Wir müssen aus dieser alten Logik herauskommen. Ohne Änderungen bei den Ortsgemeinden könnten wir oben in der Verwaltung, in übergemeindlichen Diensten oder bei der Öffentlichkeitsarbeit noch so viel sparen. Wir werden vor Ort Profilbildung betreiben. Das heißt, es wird dann besondere Gemeindeformen geben, die man im weiten Umfeld eben nur an einem Ort findet. Ich wurde gerade in eine ländliche Kulturkirche hinter Würzburg eingeladen. Bislang kannte ich so etwas nur aus größeren Städten. Das ist ein ganz vitales Modell, aber nichts, was man 20 Kilometer weiter auch machen könnte.

Zu schrumpfen, fällt vielen in der Kirche schwer.

Kristian Fechtner: Wir stehen eben nicht nur vor organisatorischen, finanziellen und strukturellen Veränderungen, sondern vor der mentalen Herausforderung, das Aufhören als geistliche Übung zu betrachten. Pfarrpersonen, engagierte Ehrenamtliche und selbst Kirchenleitungen geben notorisch zu Protokoll, dass sie überlastet sind. Immer soll man die Dinge erhalten und gleichzeitig komplett erneuern. Das ist einfach eine Zumutung. Wir sollten die Menschen, die in der Kirche Verantwortung tragen, darin unterstützen, dass sie wirklich aufhören mit bestimmten Dingen, die uns allen lieb sind.

Bekommen die Christen, die es noch gibt, von ihrer Kirche das, was sie brauchen?

Kristian Fechtner: Die Grundäußerung christlichen Glaubens, nämlich, dass wir eine gottesdienstliche Feier haben, dass wir seelsorgliche Begleitung bieten, religiöse Bildung und diakonisches Engagement – all das gilt weiterhin. Woran wir arbeiten müssen, ist, alle diese Formen zugänglich für die Lebenswelten von Zeitgenossen und Zeitgenossinnen zu machen. Da könnte man entscheiden, dass es keinen Sinn mehr macht, in der bisherigen Schlagzahl sonntags morgens um 10 Uhr Gottesdienste in jeder Einzelgemeinde zu gestalten.

Kirche nur mit Ehrenamtlichen möglich

Wie sehr wird die Kirche in Zukunft noch stärker eine Kirche der Ehrenamtlichen werden?

Kristian Fechtner: Ohne ehrenamtliches Engagement gibt es gar keine evangelische Kirche. Dabei wäre mir wichtig, dass wir nicht Kompetenzen und Qualifikationen herunterdimmen. Kirchliche Religion, unsere Gottesdienste, Seelsorgeangebote und unser diakonisches Engagement finden auf Dauer nur Resonanz, wenn sie auch als qualitätsvoll, mithin von den Menschen als stimmig erlebt werden. Ich glaube, dass die Arbeit der Kirche in allen Bereichen, wo sie professionell auftritt, weiterhin auch hauptamtlich gestaltet werden sollte.

Konkurrenz zwischen Gemeinden künftig stärker

Würden Sie sagen, dass die Qualität bisher in den großen Kirchen eine ausreichende Rolle gespielt hat? Schließlich schaut niemand nach, warum manche Pfarrer vor einer leeren Kirche predigen.

Kristian Fechtner: Innerkirchlich mache ich mir keine Freunde, wenn ich das sage, aber ich glaube, dass Gemeinden in Zukunft stärker auch miteinander konkurrieren werden. Wir haben nicht mehr die Ressourcen, den einen etwas zu geben, weil es gut läuft, und den anderen noch mehr zu geben, weil es dort noch nicht so gut läuft. Ein befreundeter Pfarrer sagte mir, er zähle jeden Sonntag, ob mehr Freiwillige oder mehr „Zwangsverpflichtete” in die Kirche kommen, also Küster, Pfarrfrau, Konfirmanden. Das geht auf Dauer nicht.

Warum auch „Halbchristen“ einen Platz in der Volkskirche brauchen

Werden sich in der Kirche künftig nur noch ganz wenige, besonders fromme Menschen versammeln?

Kristian Fechtner: Wir werden kleiner, und wir werden das nicht verhindern können. Aber wir sollten uns nicht auf die religiös Entschiedenen und kirchlich Hochverbundenen zurückziehen, sondern in unserer Mentalität etwas Volkskirchliches erhalten. Bei uns sollten auch Menschen einen Ort haben, die tastend oder mild religiös sind, die meinetwegen Halb- oder Viertelchristen sind. Kirche ist eine Gelegenheitsstruktur für die Empfindung und die Ausübung von Religion. Und solche Empfindungen haben wir weiterhin. Menschen gehen heute pilgern, Menschen fasten. Wir wissen, dass viele Menschen heimlich beten. Religiös versus säkular, das sind keine sich ausschließenden Gegensätze. Unsere säkularen Lebensverhältnisse können Spuren von Religion enthalten, wie das bei einer Schokolade wohl heißen würde.