Evangelische Landeskirchen erweitern ihre Angebote für junge Ratsuchende
Der Start des neuen Wehrdienstes bringt junge Menschen vermehrt dazu, kirchliche Beratung zum Dienst an der Waffe und einer Kriegsdienstverweigerung zu suchen. Fast alle der 20 evangelischen Landeskirchen berichten von einer steigenden Nachfrage im laufenden Jahr und einem Ausbau des Angebots. Einige Landeskirchen weisen 18-Jährige per Postkarte auf Informationen und Beratungsmöglichkeiten hin, bei anderen ist das in Planung, wie eine Umfrage des Evangelischen Pressedienstes ergab.
Katholische Friedensbewegung baut bundesweite Beratungsstrukturen aus
Katholischerseits hat die Organisation pax christi Ende vergangenen Jahres bundesweit neue Beratungsstrukturen aufgebaut. Das Interesse nehme besonders dann zu, wenn das Thema Wehrdienst und Kriegsdienstverweigerung verstärkt in den Medien präsent sei, hieß es. Als Gründe gäben Ratsuchende vor allem die als gestiegen wahrgenommene Kriegsgefahr seit dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 sowie die Debatte über die deutsche Verteidigungsfähigkeit an.
Seit 2026: steigende Zahl von Anträgen auf Kriegsdienstverweigerung
Die Zahl der Anträge auf Kriegsdienstverweigerung hat sich seit dem Start der Wehrerfassung für alle 18-Jährigen zu Jahresbeginn deutlich erhöht. Bis zum 31. Juli gingen im laufenden Jahr 8302 Anträge beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben ein. Das waren mehr als doppelt so viele wie im gesamten vergangenen Jahr, als es 3879 Anträge gab.
Wie stark die Nachfrage nach den kirchlichen Beratungen insgesamt zugenommen hat, können nur wenige Landeskirchen beziffern. Die Evangelisch-lutherische Kirche in Bayern geht für das bisherige Jahr annähernd von einer Verdreifachung im Vergleich zum Vorjahreszeitraum aus.
Kirchen betonen Gewissensfreiheit und ergebnisoffene Begleitung
Die Kirchen betonen, die jungen Menschen ergebnisoffen zu beraten. „In der Praxis wenden sich jedoch fast ausschließlich Menschen an pax christi, die sich bereits für eine Kriegsdienstverweigerung entschieden haben und Unterstützung beim Antragsverfahren suchen”, sagte eine Sprecherin der ökumenischen Friedensbewegung in der katholischen Kirche.
Mehrere evangelische Landeskirchen stellen heraus, dass die Verweigerung eines Dienstes an der Waffe auf einer persönlichen Gewissensentscheidung beruht. Die Beratungen verstünden sich als Begleitung bei der Gewissensbildung, sie seien vertraulich und kostenlos, erklärte die Bremische Evangelische Kirche. Sie legt Wert darauf, dass deren Beraterinnen und Berater keine Anträge auf Verweigerung des Kriegsdienstes formulieren. „Ein Gewissen lässt sich nicht delegieren”, hieß es zur Begründung.
Kooperationen der Landeskirchen stärken Information und Ausbildung
Mehrere Landeskirchen kooperieren bei Informationen für jungen Menschen und der Ausbildung von Beraterinnen und Beraterinnen untereinander sowie mit der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Kriegsdienstverweigerung und Frieden (EAK). An einer WhatsApp-Journey zum Thema Wehrdienst und der wehrpflicht.sinnundsegen.de sind die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau, die Evangelisch-Lutherische Kirche in Oldenburg, die Evangelische Kirche im Rheinland, die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland, die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck und die Evangelische Kirche der Pfalz beteiligt.