Kirchliche Sozialverbände dringen auf eine tiefgreifende Pflegereform. In einem am Donnerstag veröffentlichten Brief an Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD) heißt es, die sich abzeichnenden Ergebnisse der derzeit tagenden Bund-Länder-Arbeitsgruppe zur Pflegereform reichten nicht aus. Die Verbände fordern einen Pflegegipfel im kommenden Jahr.
„Es ist nicht mehr die Zeit für kleinteilige Reformschritte und Scheinlösungen”, heißt es in dem Brief, der unter anderem vom Deutschen Evangelischen Verband für Altenarbeit und Pflege, der Johanniter-Unfall-Hilfe sowie mehreren Diakonie- und Caritasverbänden unterzeichnet ist. Das kürzlich beschlossene Darlehen für die Pflegeversicherung verkenne die prekäre Lage und verschiebe die Lasten nur in die Zukunft. Der Zwischenbericht der Bund-Länder-Kommission und die Debatte um eine mögliche Streichung des Pflegegrads 1 zeigten, dass die Frage, wie das Pflegesystem strukturiert sein müsste, nicht im Fokus stehe. Stattdessen gehe es überwiegend um Finanzierungsfragen.
Forderungen der Verbände
Notwendig sind nach Auffassung der Sozialverbände der Abbau der Grenzen zwischen ambulanter, stationärer und klinischer Versorgung, ein Abbau von Bürokratie, die Etablierung von quartiersnahen Versorgungskonzepten in Kommunen und mehr unternehmerische Freiheit für die Träger. Die Pflegeversicherung brauche auch eine nachhaltige Finanzierung auf breiter Basis.
Neue Zahlen zur Eigenbeteiligung am Heimplatz
Dass Pflege in einem Heim sehr teuer ist zeigen die Zahlen des am Montag vom Institut der Deuteschen Wirtschaft (IW) herausgegebenen neuen „Pflegeatlas“. Im Bundesdurchschnitt muss demnach ein Heimbewohner in der vollstationären Pflege im ersten Jahr des Aufenthalts in einem Pflegeheim monatlich 2.948 Euro dazuzahlen. Wie hoch diese Selbstzahlerkosten ausfallen, sei jedoch regional sehr verschieden, erklärte das Institut. Am niedrigsten ist laut dem IW die durchschnittliche Eigenbeteiligung inklusive Investitionskosten in Sachsen-Anhalt mit 2.456 Euro, am höchsten in Nordrhein-Westfalen mit 3.314 Euro. Baden-Württemberg liegt mit 3.242 Euro an dritter Stelle, hinter NRW und Bremen.
Deutliches Stadt-Land-Gefälle
Ein Heimplatz sei in Ballungsräumen wie München (3.375 Euro), Stuttgart (3.427 Euro) und Köln (3.597 Euro) überdurchschnittlich teuer, hieß es. Ländliche Regionen Ostdeutschlands wie das Jerichower Land in Sachsen-Anhalt mit durchschnittlich 2.321 Euro schnitten deutlich günstiger ab. Die Autoren der Untersuchung sehen die hohen Wohnkosten in Städteregionen als einen wesentlichen Kostentreiber. Auch die Löhne spielten eine wichtige Rolle. Die Politik müsse prüfen, ob Mindestentgelte und Leistungszuschläge zielgerichtet wirken oder nur zusätzliche Kosten verursachen, sagte der IW-Experte Maximilian Stockhausen.
So wurden die Daten des „Pflegeatlas“ erhoben
Grundlage der Analyse sind nach IW-Angaben Daten des Verbands der Ersatzkassen. Im Oktober 2024 wurden die Angaben zu 10.820 vollstationären Pflegeheimen automatisiert erhoben, davon 1.536 in Baden-Württemberg. Fehlende Investitionskosten wurden durch den Kreisdurchschnitt ersetzt. Betrachtet wurden die Pflegegrade zwei bis fünf sowie die Kosten im ersten Aufenthaltsjahr für Pflege, Unterkunft, Verpflegung und Investitionen.