„Wir opfern die Stärke unseres Volkes auf dem Altar des Vaterlandes“, verkündete der pfälzische Pfarrer August Kopp seiner Gemeinde zum Erntedankfest 1914. Mit jedem Mann, der an die Front gezogen war, sei „ein Stück von unserm Herzen" mitgegangen: „Wenn es gleich zerreißen wollte, wir haben es gegeben und werden das letzte geben.“ Im gesamten Deutschen Kaiserreich ertönten während des Ersten Weltkriegs von den Kanzeln Ansprachen, die das Sterben im Krieg verherrlichten. Die Kirchenhistorikerin Andrea Hofmann hat evangelische Kriegspredigten aus jener Zeit erforscht. Sie stieß auf viele schwer erträgliche Passagen und auf manche nachdenkliche Zwischentöne.
Hofmann, die mittlerweile an der Universität Basel lehrt, hatte ihre Habilitationsschrift am Mainzer Institut für Europäische Geschichte eingereicht. Sie analysiert darin die „Kriegsbilder“ protestantischer Pfarrer aus dem Südwesten des Kaiserreichs. Neben bereits damals zur „Erinnerung an glorreiche Zeiten“ publizierten Schriften konnte sie teils handschriftlich verfasste Nachlasse auswerten:
An der Politik wurde kaum gezweifelt. Der Krieg wurde als ein Angriffskrieg betrachtet, in dem Deutschland sich lediglich verteidigte.
sagt Andrea Hofmann
Kriegspredigten als Werkzeug der Propaganda
Schon kurz nach Kriegsbeginn wurden in den Gemeinden zusätzlich zu den Sonntagsgottesdiensten sogenannte Kriegsbetstunden etabliert, in denen den Ängsten der Bevölkerung das christliche Heilsversprechen entgegengehalten wurde. In ihren Predigten versuchten die Pfarrer, dem Sterben in den Schützengräben einen theologisch aufgeladenen Sinn zu geben, indem sie den Deutschen - wie dem biblischen Volk Israel - eine ganz besondere historische Mission zusprachen. Trauernde Angehörige wurden damit getröstet, der Tod an der Front komme dem Opfertod Jesu gleich.
Mit Eifer beteiligten sich die frommen Kirchenmänner zudem an der Dämonisierung der Feinde. Sie wetterten gegen sittenlose Franzosen und deren „gallische Rachgier“, die „asiatische Unkultur“ der Russen und über die Engländer, die trotz ihrer vermeintlichen „Blutsverwandtschaft“ zum Kriegsgegner geworden waren. „Man kann sehen, wie Kriegspredigten Stereotypen der weltlichen Propaganda aufnahmen“, sagt Hofmann. „Es sind tatsächlich Hasspredigten.“
Widerstand und kritische Stimmen innerhalb der Kirche
Teil von Hofmanns Untersuchung war mit dem damals zu Deutschland gehörenden Elsass eine Region, in der sich zahlreiche Menschen noch immer Frankreich verbunden fühlten. Dort kam es vor, dass sich Theologen dem Zeitgeist widersetzten. Charles Gérold etwa, Pfarrer an der Nikolaikirche in Straßburg, wurde wegen vermeintlich zu frankreichfreundlicher Einstellungen vom Dienst suspendiert. Zugezogene Kirchenleute aus anderen Teilen des Reichs zeichneten sich durch besondere Unnachgiebigkeit aus.
In den erhaltenen Predigten gab es nahezu keine offene Kritik am Kriegskurs, dennoch tauchten bereits nach Kriegsbeginn auch fragende Untertöne auf, insbesondere im ländlichen Raum, schildert die Historikerin. Schon im Herbst 1914 thematisierten Pfarrer die Ängste der Landbevölkerung, etwa wie Frauen und Kinder denn allein die Ernte einbringen sollten.