Direkt zum Inhalt
Fastenzeit

Kuriose Fastentricks: Als der Hirsch noch ein Fisch war

Bis zu 150 Fastentage kannte die katholische Kirche im Mittelalter. Die konnte man unmöglich ganz ohne Nahrung überstehen. Deshalb entwickelte sie Fastenspeisen, die im Laufe der Zeit immer skurriler wurden. Von Andreas Steidel

Ein Biber schwimmt in einem Gewässer.
unsplash/mana5208

Wie das Konzil von Nicäa die Fastenzeit prägte

Alles begann mit dem Konzil von Nicäa im Jahre 325. Da hatte das Christentum im Römischen Reich unter Kaiser Konstantin gerade die Oberhand gewonnen. Eine der vielen Beschlüsse, die in Nicäa ge­troffen wurden, war die Verlängerung der vorösterlichen Fastenzeit von sechs auf 40 Tage.

Einen solch langen Zeitraum ganz ohne Essen würde natürlich kein Mensch überleben. So wurde aus dem Totalverzicht eine Teilabstinenz mit offiziell zugelassenen Fastenspeisen und streng ver­botenen Gerichten. Auf der Verbotsliste standen Fleisch, Milch, Eier und Alkohol. Verstöße gegen die strengen Regeln konnten sogar mit Gefängnis geahndet werden.

Warum im Mittelalter plötzlich ein halbes Jahr gefastet wurde

Richtig dramatisch wurde die Situation, als im Laufe der Jahrhunderte die Zahl der Fastentage immer mehr anwuchs: In Klöstern und streng katholischen Gegenden zählte man im Hochmittelalter bis zu 150 Fastentage, das war beinahe ein halbes Jahr. Zum Oster-Zyklus war die Adventszeit gekommen, in der Verzicht geübt werden sollte. Ferner galten sämtliche Mittwoche und Freitage als Fastentage, weil Jesus an einem Mittwoch verraten und an einem Freitag gekreuzigt worden war.

Einmal am Tag war in der Fastenzeit eine warme Mahlzeit gestattet, dazu bei Bedarf eine kleine Stärkung. Zu den erlaubten Speisen gehörte der Fisch und der wurde nun zum Ausgangspunkt allerlei kreativer Einfälle.

Das Bild zeigt einen Otter, der auf Baumstämmen im Wasser liegt.
unsplash/Third Idea
Der Otter gehörte zur „heiligen Liste” der Fastenspeisen.

Wie Biber, Otter und Wasservögel zu „Fischen“ erklärt wurden

Bald schon war man der Meinung, dass alles, was im Wasser lebte, ja im Grunde zum Reich der Fische gehört. So beschloss die Kurie auf dem Konzil von Konstanz (1414 – 1418) offiziell, den Biber und den Otter in die heilige Liste der Fastenspeisen aufzunehmen – mit verheerenden Folgen für die Bestände. Als Nächstes kamen die Wasser­vögel an die Reihe.

Eine Gruppe von Hirschen befindet sich in einem Gewässer.
unsplash/Marc Hectorx
Mit einem Trick wurde auch der Hirsch zu einer Fastenspeise.

Kuriose Fastentricks: Vom „Fisch“-Hirsch bis zur Maultasche

Bald schon kursierten allerlei Rezepte in klerikalen Kreisen wie ­Kormoran mit Linsen oder gedämpfter Biberschwanz. Doch damit nicht genug, fand man nun auch für die klassischen Fleischlieferanten ein Hintertürchen: Schweine wurden im Wasser ertränkt oder auf den ­Namen Karpfen getauft, der Zwölfenderhirsch am Ende der Treibjagd durchs Wasser gezogen – schon war auch aus ihm eine Art Fisch geworden.

Eine Person hält eine Suppenkelle über einen Topf auf der eine selbstgemachte Maultasche liegt.
epd-Bild/Gerhard Baeurle
Die berühmten schwäbischen Maultaschen entstanden der Legende nach während der Fastenzeit.

Die bekannteste aller Fastenspeisen ist die Maultasche. Ihre Erfindung geht angeblich aufs Kloster Maulbronn zurück. Dort soll ein Laienbruder namens Jakob beim Reisigsammeln kurz vor Ostern ein Stück Fleisch gefunden haben. Etwas so Wertvolles konnte man doch nicht wegwerfen, Fastenzeit hin oder her. Also zerhackte er es, gab Kräuter dazu und versteckte das Ganze in einem Nudelteig.

Nicht ohne Grund tragen die Maultaschen bis heute den Beinamen „Herrgottsbscheißerle“. Ob es sich damals in Maulbronn wirklich so zugetragen hat, mag dahingestellt bleiben – Tatsache ist jedoch, dass die Fastenspeisen die kulinarische Vielfalt hierzulande ganz enorm vergrößerten.

Auf dem Bild ist eine zerbrochene Schokoladentafel zu sehen.
unsplash/Tetiana Bykovets
Schokolade in flüssiger Form war während der Fastenzeit erlaubt.

Schokolade war beliebt in der Fastenzeit

1569 wurde auch die Schokolade in den Kreis der Fastenspeisen aufgenommen. Die existierte in ihrer heutigen Form allerdings noch nicht, sondern war ein flüssiges Genussmittel der Maya und Azteken aus Mittel- und Südamerika, das den Namen „Xocoatl“ trug. Ein mexikanischer Bischof schickte schließlich eine Probe an Papst Pius V. nach Rom, der ganz ähnlich wie beim Bier keinen Gefallen daran fand. So gab es auch dafür eine amtliche Ge­nehmigung: Flüssiges bricht das Fasten nicht, ob nun in Form des Gerstensaftes oder als Schokotrunk der frühen Neuzeit.

Das Ende der strengen Fastenregeln

Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil verabschiedete sich Anfang der 1960er-Jahre auch die katholische Kirche endgültig von den strengen Fastenregeln des Mittelalters. Seither sind nur noch Aschermittwoch und Karfreitag strenge Fastentage. Die Adventszeit als Fastenzeit war da schon längst Vergangenheit, sie hatte man bereits 1917 aus dem Kirchengesetzbuch gestrichen.