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Hoffnungsmensch

Lea Blattner: gläubig, queer und politisch

Die Schweizer Politikerin Lea Blattner hatte keine einfache Kindheit. Mittlerweile spricht sie offen über die verschiedenen Missbrauchserfahrungen, die sie erlebt hat. Trotz des Leids hat sie sich dafür entschieden, den Tätern zu vergeben. Vor allem für sich selbst, sagt sie.  Von Kira Geiss

Lea Blattner trägt eine weiße Bluse, ein pinkes Jackett und lächelt in die Kamera. Im Hintergrund sind Fenster zu sehen und zwei Stühle.
EMH
Die Schweizer Politikerin Lea Blattner.

Lea Blattner hatte zu ihren Eltern immer ein gutes Verhältnis. Doch eine Sache kann sie ihnen viele Jahre lang nicht erzählen: Als sie acht Jahre alt ist, wird sie zum ersten Mal Opfer sexualisierter Gewalt. Der Täter ist der Vater eines Schulfreundes. Vier Jahre später kommt es zu einem weiteren Übergriff. Nach einem Fußballspiel wird sie nur wenige Meter vor ihrem ­Elternhaus von mehreren Jugendlichen vergewaltigt.

In dieser Zeit fühlt sich Blattner, die in einem christlichen Elternhaus aufgewachsen ist, vor allem von Gott im Stich gelassen und wendet sich von ihrem Glauben ab. Wieder und immer wieder sieht sie die Missbrauchsszenen vor ihrem inneren Auge. Als sie 13 Jahre alt ist, versucht sie, sich das Leben zu nehmen.

Meine inneren Schmerzen waren einfach zu groß. Ich wollte nur, dass es endlich aufhört

sagt Lea Blattner

Lea Blattner überlebt und wird in eine Klinik eingewiesen. Dort kommt sie mit einer Mitpatientin ins Gespräch über den Glauben. „Wenn es dich gibt, Gott, dann zeig mir dieses schöne Leben, das alle anderen haben, nur ich nicht“, betet Lea Blattner damals.

Lea Blattner: „Ich habe meinen Vergewaltigern vergeben“

Heute spricht die 31-Jährige offen über das, was sie als Kind und Jugendliche erlebte. Inzwischen kann sie sagen: „Ich habe meinen Vergewaltigern vergeben.“ Für Lea Blattner ein entscheidender Schritt, um ihr eigenes Leben zurückzugewinnen: „Diese Männer und das, was sie mir angetan haben, hat mein Leben viele Jahre bestimmt und mich innerlich bitter werden lassen.“ Doch „irgendwann habe ich gemerkt, dass ich ihnen vergeben muss, wenn ich davon frei werden will. Aber ich vergebe nicht für sie, sondern für mich – um mich von diesem Hass zu befreien.“

Den Prozess der Vergebung beschreibt Blattner als langwierig. Über Monate, sogar Jahre hinweg hatte sie damit zu kämpfen. Wenn die Zweifel hochkamen, sagte sie immer wieder laut: „Ich vergebe.“ So lange, bis sie es nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit dem Herzen gemeint hat.

Keine Pflicht zur Vergebung

Was sich so leicht anhört, war sehr schwer. Deshalb ist ihr wichtig zu betonen, dass es keine Pflicht ist, jemandem zu vergeben. Vor allem die Forderung „Du musst unbedingt vergeben“ stößt ihr auf. Sie ist der Meinung: „Du hast das Recht, sauer und wütend zu sein – niemand darf dir vorschreiben, dass du vergeben musst!“ Zu vergeben bedeute auch nicht, die Tat gutzuheißen.

In Deutschland gilt das Gesetz zum Schutz vor Konversionsbehandlungen. Alle medizinischen und anderen Interventionen, die darauf gerichtet sind, die sexuelle Orientierung oder die selbstempfundene geschlechtliche Identität einer Person gezielt zu verändern oder zu unterdrücken sind verboten. Ebenso wie das Werben hierfür. Verstöße werden mit einer Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr oder einem hohen Bußgeld geahndet.

Die Telefonseelsorge ist anonym und rund um die Uhr erreichbar unter 0800 1110111 oder 0800 1110222.

Konversionstherapie bis Exorzismus: Wie Lea Blatters Umfeld auf ihr Coming Out reagiert

Während Lea Blattner ihre Missbrauchserfahrungen verarbeitet, merkt sie, dass sie sich zu Frauen und nicht zu Männern hingezogen fühlt. „Ich wollte nicht so sein“, erzählt sie. Sie war in einem christlichen Umfeld aufgewachsen, in dem ihr immer wieder deutlich gemacht wurde, dass es so etwas wie Homosexualität nicht gebe.

Über Jahre hielt sie ihre Gefühle gegenüber Frauen geheim und kämpfte mit ihrer Identität. Verschiedene Konversions-Therapien führten den Grund für ihre Homosexualität auf die ­Missbrauchserfahrung zurück. Manche Ansprechpartner versuchten es auch mit Exorzismus. Weil sie ihre ­Sexualität nicht akzeptieren konnte, verlobte sie sich sogar mit einem Mann.

Lockdown als Rettung: Wie Lea Blattner sich selbst akzeptierte

Doch dann kam Corona. „In dieser Zeit konnte ich zum ersten Mal richtig aufatmen und zu mir selbst finden“, sagt sie. Denn während eines Lockdowns traf sie die Entscheidung, sich von ihrem Verlobten und ihrer Gemeinde zu trennen. Vor einigen Monaten machte sie ihre Homosexualität dann öffentlich. Als Folge haben sich viele Menschen von ihr abgewandt, die mit ihrem Coming-out nicht umgehen konnten.

Lea Blattner ist bei Instagram. Dort spricht sie über Glaube, Politik und Queersein.

Sie ist außerdem co-Präsidentin von „Zwischenraum Schweiz“, einer deutschsprachigen Selbsthilfeorganisation für queere Christinnen und Christen.

Lea Blattner unterstützt andere queere Menschen

Doch auch diesen Menschen beginnt sie nach und nach zu vergeben. Die Kraft dazu findet sie im Glauben.

Heute weiß ich, dass ich bei Jesus bedingungslos angenommen und geliebt bin, egal was passiert. Bei den Menschen bin ich das nicht

sagt Lea Blattner

Durch ihre Arbeit in der Politik und das Teilen ihrer Geschichte möchte Lea Blattner Menschen erreichen, die in ähnlichen Lebenslagen stecken. „Ich kann zwar nicht die ganze Welt verändern. Aber vielleicht kann ich durch meine Politik die Welt von Einzelnen verändern”, erzählt Lea Blattner

Lea Blattner war zu Gast im Podcast „Hoffnungsmensch“ mit Steffen Kern.