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Geduld

Leerlauf ist kein Verlust: Warum Nichtstun uns produktiver macht

Geduldig zu sein heißt auch, unverplante Minuten oder Stunden nicht als lästigen Leerlauf zu empfinden, der überbrückt werden muss. Sondern als kostbare Zeit, die ihren eigenen Wert hat. So wie es beim Warten der Fall ist. Von Franciska Bohl und Andreas Steidel

Aus der Vogelperspektive sind Menschen verschwommen zu sehen, die über einen Zebrastreifen laufen.
Unsplash+/Alim

Die Zeit drängt, das Lebenstempo ist rasant gestiegen. Früher nahm man sich mehrere Tage oder Wochen Zeit, um einen Brief zu beantworten. Heute wird erwartet, dass man auf eine E-Mail oder Whatsapp innerhalb weniger Minuten reagiert. Und so stürzen die meisten Menschen gehetzt durch das Leben. Der Alltag ist genau durchgetaktet, doch was wirklich wichtig ist im Leben, gerät oft aus dem Blickwinkel. 

Zeit bewusst ungeplant lassen: Raum für Kreativität und Erholung

Doch anstatt jeder einzelnen Sekunde hinterherzurennen, ist es sinnvoller, Zeit bewusst ungeplant zu lassen und zwischendurch einfach nichts zu tun. Das empfiehlt die Zeitforscherin Hede Helfrich:

Leerlauf ist in Wirklichkeit gar kein echter Leerlauf. Denn in dieser Zeit, in der wir scheinbar unproduktiv sind, setzen und organisieren sich Eindrücke und Gedanken neu, und oft stoßen wir dann auf eine lang gesuchte Lösung.

sagt Hede Helfrich

Warum die besten Ideen im Urlaub entstehen

So entstehen die besten Ideen oft dann, wenn man gerade an etwas anderes denkt. Ein Phänomen, das die Menschen sich zunutze machen sollten, meint auch der Philosoph und Wirtschaftsethiker Karl-Heinz Brodbeck. Er hat festgestellt, dass wir immer dann besonders kreativ sind, wenn wir gar nicht daran denken. Also etwa im Urlaub, wenn wir faul am See oder Meer liegen, oder an einem verregneten Sonntag, wenn man einfach im Bett bleibt.

Der Morgen als Zeit der Kreativität – Die Stunde der Inspiration

Für den inzwischen verstorbenen evangelischen Theologen Jörg Zink war der Morgen „die Stunde der seelischen Beweglichkeit und Aktivität, der Phantasie, der originalen Ge­danken und Einfälle“. Der Publizist erzählte, dass er, soweit es möglich war, 50 Jahre lang um vier Uhr aufstand.

Bis das Leben in einem Büro einsetzte, hatte ich vier Stunden der absoluten Stille, in der ich das tun konnte, was mir wichtig war, ehe die Zeitung kam, die Familie, das Frühstück, das Telefon, die Besucher und mit dem allen die tägliche Eile.

sagt Jörg Zink

Wie Wartezeiten zu wertvollen Momenten werden können

Eine andere Möglichkeit des Entschleunigens ergibt sich zu Zeiten, in denen der Mensch mit Warten beschäftigt ist. Normalerweise werden solche „Leerphasen“ als lästig empfunden. Wer wartet, der möchte meist nur schnell die Zeit bis zum nächsten Ereignis überbrücken. Zum Beispiel im Stau, wenn es nur langsam vorwärtsgeht, beim Einkaufen, in der Warteschlange an der Kasse. An der Bushaltestelle, wenn der Blick unablässig in Richtung Uhr wandert. Im Wartezimmer vor der Arztpraxis. Beim Warten auf den Handwerker.

Wer das Warten als etwas Positives begreift und sich nicht dagegen stemmt, der kann diese Zeit also als eine Phase erleben, die wie alle anderen Augenblicke gewollt ist und ihren Platz im Leben hat. Gewinnbringend kann es auch sein, die Zeit des Wartens ganz bewusst als Phase der Vorbereitung auf das nächste ­Ereignis wahrzunehmen. Als Vorfreude und damit wichtiger Teil des späteren Erlebens. So wie es bei der Vorbereitung auf den Urlaub der Fall ist, oder im Advent, beim Warten auf Weihnachten.

So gelingt Entschleunigung

  • Zur Ruhe finden, indem nicht ständig versucht wird, Zeit einzusparen
  • Die Uhr mal völlig ignorieren
  • Aufmerksamkeit ausschließlich auf das momentane Tun, auf Erlebnisse und Begegnungen richten
  • Zeit- und energieraubende Tätigkeiten einschränken (Fernsehschauen, Smartphonekonsum)
  • Form der Achtsamkeit als Rituale in den Alltag einbauen
  • unverplante Zeit übrig lassen